Auf Augenhöhe musizieren

Ich stehe vor einem großen Gebäudekomplex in Mettenhof, dem ‚Forum Wohnen‘ der Werk- und Betreuungsgemeinschaft Kiel e.V.. Hier bekomme ich die Chance bei der Bandprobe der inklusiven Band All under one roof dabei zu sein.

Der Proberaum im zweiten Stock ist im ersten Moment noch ein normales Zimmer mit Sofa und Bildern an der Wand. Doch sobald ich die Erfahrungen, Erlebnisse und Lieder dieser einzigartigen, lustigen und netten Band erlebe, ist es für mich kein normaler Raum mehr.  Der Raum wird ein Ort, wo Gemeinschaft gelebt und Gefühlen und Wünschen eine Stimme gegeben wird. Ich fühle mich sehr wohl in diesem Kreis, und lausche bei Saft und Kuchen gespannt, wie alles begann.

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Nicht nur Krach am Krach-Mach-Tag

An einem Abend vor circa 2 ½ Jahren kam Michael zufällig mit Lena ins Gespräch über Musikmachen. Er spielte schon längere Zeit Gitarre, sie hatte eben erst begonnen, aber immer schon davon geträumt irgendwann einmal eine Band zu gründen. „Daraus entstand der Wunsch, gemeinsam zu spielen“, erinnert sich Michael. Anfangs waren die beiden Bewohner des ‚Forum Wohnen‘ noch etwas ratlos, wie sie die Sache angehen sollten. “Das war totales Neuland für uns.“ Sie suchten Unterstützung bei ihren Betreuern und trafen so auf Anke, eine der Betreuerinnen der Gemeinschaft, die selbst gerne musiziert und in einer Band spielte.

In kürzester Zeit kamen weitere Interessierte dazu, die entweder bereits begonnen hatten ein Instrument zu lernen oder einfach Lust hatten es auszuprobieren.

Seitdem trifft sich die, jetzt achtköpfige, Band bestehend aus Lena, Michael, Sascha, Anke, Annika, Gerrit, Andreas und Ramona, jede Woche Donnerstags zum gemeinsamen Musizieren.

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Fast alle Mitglieder der Band wohnen im oder arbeiten beim ‚Forum Wohnen‘. So war der passende Bandnamen schnell klar: ‚All Under One Roof‘ – Alle unter einem Dach. „Der Name beschreibt auch unser Gruppengefühl. Wir gehören und halten zusammen“, unterstreicht Anke.

Schon seit ihrer Gründung ist All Under One Roof eine Band, die nicht nur für sich, sondern auch für andere Menschen, spielen möchte. Nach einem halben Jahr üben hatten wir bereits unseren ersten Auftritt auf dem ‘Krach-Mach-Tach’ auf der Kieler Woche“, erzählt Michael. „Just for fun, wir wollten mal schauen was passiert.“ Alle Bandmitglieder waren davor wahnsinnig nervös , doch am Ende hat es ihnen einfach richtig Spaß gemacht. Ihr Mut wurde zudem belohnt, denn sie gewannen mit ihrem Konzert den zweiten Platz und somit ihre erste finanzielle Förderung.

Das „Traumerfüllungskonzert“

Es folgten viele weitere Konzerte bei verschiedenen Veranstaltungen wie Sommerfeste oder Vereinsjubileen. Doch ein Konzert im Februar in der hansa48 war  nochmal ganz anders. „Es war das erste Konzert, wo nur wir auftraten“, freut sich Lena. Ziel des spendenbasierten Konzerts war es, ihrem großen Traum einer eigenen CD näher zu kommen. „Dieses Konzert war mein größtes Highlight. Es waren so viele Leute da und alle waren richtig begeistert“, erzählt Gerrit aufgeregt. Bereits einen Monat später war es soweit. Die Band konnte sich ihren Wunsch erfüllen und ihre erste gemeinsame CD aufnehmen. Die Band selbst, ihre Fans und auch ich sind schon sehr gespannt darauf, sie zu hören.

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Lieder des Lebens

Alle Lieder sind selbst komponiert. Lena hat große Freude daran, Texte zu schreiben. Manchmal wird sie dabei von Anke unterstützt, doch die Inhalte kommen ganz aus ihr selbst. „Meine Lieder entstehen aus Erfahrungen in meinem Leben, die ich dann aufs Papier bringe.“ Obwohl persönliche Situationen die Grundlage bilden, sind es doch Themen, die „uns alle angehen“.

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So basiert das bewegende und aufrüttelnde Lied „Akzeptanzen“ zwar auf Lenas eigenen Erfahrungen von Zurückweisung aufgrund ihrer Einschränkung, doch die kräftig gesungen Zeilen „Wir wollen nicht hören, dass wir in einer anderer Welt leben“ und „Wir wollen Teil der Gesellschaft sein“ verdeutlichen ein kollektives Gefühl und einen klarer Appell dafür, akzeptiert und angenommen zu werden.

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Musizieren auf Augenhöhe

Einige Lieder entstehen auch während der Probe“, erzählt Annika, „beim gemeinsamen Spielen und Üben, wenn wir einfach nur zum Spaß herumprobieren.“ Annika arbeitet im pädagogischen Bereich, hat aber mit dem „Forum Wohnen“ beruflich nichts zu tun. Sie wurde von Anke, ihrer Mitbewohnerin, auf die Band aufmerksam und ist seitdem leidenschaftlich dabei. “Das Konzept der Band finde ich großartig, hier sind alle auf einer Augenhöhe und jeder wird so akzeptiert wie er ist.“ Sie betont, wie wichtig allen ein respektvoller Umgang ist. „Wir berücksichtigen jede Meinung, diskutieren viel und treffen die wichtigsten Entscheidungen gemeinsam.“

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„Wir entwickeln uns als Band immer weiter.“

Die Bandmitglieder haben seit ihrer Bandgründung stets dazugelernt. Sascha hat beispielsweise in nur drei Monaten Gitarre und innerhalb einer Woche Bass spielen gelernt und Lena wird im Texten immer eigenständiger. Dazu kommt ein immer professionelleres Vorbereiten und Auftreten bei Konzerten. Dabei hilft auch, dass „wir uns immer besser kennen lernen und dadurch mit unserer Nervosität vor Auftritten besser umgehen können,“ erklärt Anke. „Wir vertrauen einander und wissen, dass wir es schaffen.“ „Jeder bringt hier seine Stärken mit ein“, ergänzt Annika. „Andreas zum Beispiel lacht und ist gut drauf, auch wenn alle anderen gestresst sind. Das beruhigt uns alle.“

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Auch wenn sich die Band über gelungene Auftritte sehr freut, geht es ihnen allen schlussendlich darum gemeinsam zu musizieren und dabei Spaß zu haben. Andreas bringt es auf den Punkt: „Ich kann mit schlechter Laune zur Probe kommen und gehe danach mit einem riesigen Grinsen weg. Ich fühl mich hier so wohl, es ist wie mein zweites Zuhause.“

 

Auch ich verlasse die Bandprobe mit einem Lächeln auf dem Gesicht, beeindruckt und berührt von den energetischen und bewegenden Liedern sowie der herzlichen Atmosphäre. Wer diese Band noch nicht kennt, dem lege ich sehr ans Herz hier reinzuhören und bei dem nächsten Konzerttermin am Festtag für Menschen mit Einschränkung am 7. Juni auf dem Asmus Bremer Platz in Kiel dabei zu sein. Ihr werdet begeistert sein!

Fotos von Akihiro Yasui

Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.