Auf den Tisch, statt in die Tonne!

Verschiedene Brötchen, Berliner und anderes Süßgebäck liegen in der Kiste. Alles wurde heute gebacken und und schmeckt köstlich. Und doch wären sie wahrscheinlich, jetzt am Ende des Tages, im Müll gelandet, wären da nicht die Foodsaver. Sie kooperieren mit verschiedenen Betrieben, um Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu bewahren.

Wir wollen wissen, wie so eine Lebensmittelrettungsaktion abläuft und haben Mareike und Jessica, zwei Botschafter von foodsharing Kiel, begleitet.

 

Die Grundidee ist: Essen soll gegessen werden“

Foodsharing ist eine Deutschland- und Österreichweite Plattform. In Kiel sind aktuell knapp 200 Foodsaver registriert, circa 70 davon sind regelmäßig aktiv. Das Team ist bunt gemischt: Berufstätige, Studierende und Hausfrauen/männer unterschiedlichsten Alters. Sie alle vereint der Wunsch, Lebensmittel vor dem Mülltonne zu bewahren. 

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Mittels der Plattform kann man entweder selbst zum Lebensmittelretter werden oder gerettete Essenkörbe anfragen. „Bei uns ist jeder willkommen, egal ob bedürftig oder nicht,“ erklärt Mareike. Sie erzählt von Menschen, die aus Angst, abgestempelt zu werden, nicht zur Tafel gehen. Das gibt es hier nicht!„Genießbare Lebensmittel werden verwendet, ganz gleich von wem“ ergänzt Jessica.

 

Wir wollen Leute sensibilisieren und den Umgang mit Lebensmittel verändern“

Gemeinsam mit Nadja, sind Mareike und Jessica die Kieler Botschafterinnen. Sie koordinieren die Aktionen hier vor Ort, sind Ansprechpartnerinnen für alle Foodsaver, sprechen neue Betriebe an und sind für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. 

Mareike ist schon seit den Anfängen von foodsharing Kiel dabei. „Ich habe auf Facebook über Raphael Fellmer gelesen, der die Idee mitbegründet hat und war begeistert. Ende 2013 sah ich den Aufruf, dass hier in Kiel einige Leute foodsharing aufbauen wollen und Mitstreiter suchen. Da war ich sofort dabei.“ Jessica kam ein halbes Jahr später dazu. „Ich fand die Idee immer schon toll. Ich bin auch mit der Ansicht aufgewachsen, dass man Dinge nicht einfach wegwirft.“ Ihre Begeisterung für die Initiative, aber auch ihre Empörung, bekräftigte sich bei ihrer ersten Foodsaving-Aktion als sie sah: „Wie viele Lebensmittel tatsächlich weggeworfen werden, Berge von noch genießbaren Nahrungsmittel, es war so viel, ich wusste erst gar nicht wie das alles verteilt werden soll!“

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Wenn sie und Mareike erzählen, wie viele Betriebe hier in Kiel noch nicht bei Foodsharing mitmachen und welche Massen an Lebensmittel pro Tag in Kiel und in ganz Deutschland weggeworfen werden, hört und spürt man ihre Entrüstung. „Und das, obwohl so viele Menschen nicht nur in anderen Ländern sondern auch hier vor Ort hungern, das ist echt nicht richtig!“

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Foodsharing will nicht nur die Lebensmittelverschwendung durch Rettung verringern, sondern diese öffentlich bekannt machen, um so das Bewusstsein der Bevölkerung zu verändern. „Wir möchten, dass die Leute wieder zufrieden sind, wenn abends die Regale der Supermärkte nicht mehr so voll sind und sie mehr darüber nachdenken, was mit unseren Nahrungsmittel passiert,“ betont Mareike.

 

Hinlaufen, ansprechen, überzeugen, loslegen“

24 Betriebe in Kiel und Umgebung kooperieren bereits mit foodsharing. Das sind ca. 67 Abholungen pro Woche. Jeder Betrieb gibt fixe Abholtermine vor und bekommt ein eigenes Foodsaver-Team. Meist sind es kleinere Betriebe und Bioläden die bis jetzt mitmachen. „Viele inhabergeführte Läden finden unseren Ansatz toll und sind sofort dabei,“ erklärt Mareike.

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Bei größeren Betrieben ist es oftmals schwieriger sie zu überzeugen. „Die finden das ganze nett, aber auch irgendwie komisch,“ erzählt Mareike lachend. Für die großen Betriebe zählt dann aber oftmals der betriebswirtschaftliche Vorteil, nämlich Müllkosten zu verringern. 

Ich staune, als sie mir erzählen, dass eine kooperierende Tankstelle nur noch alle drei Wochen ihre Mülltonnen entleeren lassen muss, statt vorher einmal wöchentlich. Das Team sucht noch nach vielen weiteren Betrieben, die „mit uns gemeinsam Lebensmittel vor der Tonne retten.“

 

Man wird zum Einkochprofi“

Während unserer Fahrt zu einem Kooperationsbetrieb erzählt mir Mareike was ihr persönlich an ihrer Tätigkeit als Foodsaver besonders gefällt: „Man lernt viele interessante Foodsaver mit ihren Geschichten und Ideen kennen, baut einen persönlichen Kontakt zu den Betrieben auf und lernt ganz neue Ecken Kiels kennen.“ Sie kocht mit dem, was gerade gerettet wird. Oftmals sind das Dinge, die sie gar nicht kennt oder die sonst eher selten auf ihren Tisch kommen, wie beispielsweise Topinambur. „Ich werde dadurch viel kreativer und lasse mir ganz neue Rezepte einfallen.“

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So wirst auch du zum Retter

Erst gibt es ein kleines Quiz zu lösen, das man nach der Registrierung auf der Homepage findet. „Wir möchten, dass sich die Interessenten mit der Thematik auseinandersetzen,“erklärt Jessica. „Dann wird man einem schon erfahrenen Foodsaver zugeteilt, den man bei drei Lebensmittelrettungen begleitet um mit unseren Ablauf-, Verhaltens- und Hygieneregeln vertraut zu werden,“ ergänzt Mareike. Jessica erklärt mir die goldenen Regeln des Foodsavings: „pünktlich, unauffällig und immer höflich! Mit Lebensmittel sorgsam umgehen, nichts verkaufen!“ „Es wird aber jedem Foodsaver freigestellt, wie häufig er oder sie sich engagieren möchte,“ beteuert Jessica. Die Lebensmittel können dann entweder selbst gegessen, an Nutzer der Plattform oder Facebook, sowie Freunde und Bekannte kostenfrei verteilt werden. Größere Lebensmittelladungen werden zudem oftmals an Organisationen wie das Bodelschwingh-Haus sowie Asylheime gespendet.

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Bei unserer abendlichen Aktion haben wir zwar einige Lebensmittel vor der Tonne gerettet, „doch nicht so viel wie sonst häufig. Aber das ist ein gutes Zeichen. Es ist ja unser Ziel, dass wenig weggeschmissen wird,“ ist Jessicas erfreut.Ich genieße das tagesfrische Brötchen und die Tatsache, dass es gerettet wurde, lässt es mich noch viel mehr wertschätzen. Genau das finde ich an dieser Initiative so großartig: Sie gibt den Lebensmitteln wieder den Wert, der ihnen zusteht!

 

Fotos von Anne Krischker

 

Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.