Auf dieser Erde wächst was.

Zumeist betrachten wir Erde als gegeben und denken nicht weiter über sie nach. Christoph, Knud und Vincent wissen, dass es unterschiedliche Qualitäten von Erde gibt und mit optimierter Wertschöpfung auch mehr Wertschätzung für Erden kommen kann. Als Holsteiner Erdenmanufaktur stärken die drei den Bezug zum Boden in der Region.

„Mit jedem Schritt dabei, mehr zu lernen – und bei jedem Zyklus etwas besser machen.“

Erdenwissen ist nicht Standardwissen. Auch Christoph, Knud und Vincent sind nicht als Erden-Experten in ihr Projekt gestartet. Die Idee zum Jungunternehmertum rund um Kompost-Erden kommt von Christophs Vater. Ralph Hohenschurz-Schmidt, der Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft Rendsburg-Eckernförde, teilt die Ambition der Drei, gute Erde zu fördern. Zusammen mit seinem Sohn fuhr er zu den Humus und Kompost Fachtagen in Österreich, wo die beiden dann Knud trafen. Der sagt: „Da ist uns erstmal die Kinnlade runtergefallen“, weil sich unerwarteter Weise jemand anderes aus Schleswig-Holstein ebenfalls um Erde kümmert.

Gute Erde wird in Deutschland lange nicht so in den Fokus gerückt wie in Österreich. Um das zu ändern und nach dem Vorbild Österreichs bessere Erde zu realisieren, wurde am 01.04.2016 die Holsteiner Erdenmanufaktur gegründet. Christoph erklärt mir, worum es dabei geht: „Andere Maßstäbe zu setzen, sehr, sehr gute Kompostqualität zu produzieren und top-Erde herzustellen“. Hierzu sollen die Stoffkreisläufe der Region möglichst optimal genutzt werden, „sodass da auch ein richtig gutes Produkt entsteht, wovon die Leute etwas haben“. Mit zwei Gesellschaftern im Rücken, Ralph Hohenschurz-Schmidt und Bernhard Scheil von der Firma Ehrich, und der Alten Mu als Arbeitsort, haben die drei Rückenwind und Unterstützung von Leuten, „die in der Region verwurzelt sind“.

CHRISTOPH „Du hast einen Anteil daran, ein Ziel zu definieren“.

Christoph wird immer wieder als ‚unser BWLer‘ vorgestellt. Als der, mit dem Blick fürs wirtschaftliche neben der Praxis und dem Idealismus. Er selber sagt dazu: „Es bleibt hat mehr als eine Aufgabe an dir hängen. Weil Knud eher der Praktiker ist und ich aus der BWLer und Geisteswissenschaft komme, ist das eher mein Verantwortungsbereich.“ Was damit einhergeht ist ein Blick auf die Strukturen, in denen das Unternehmen arbeiten kann: „Manche Sachen sind auch gar nicht flexibel. Du musst die Buchhaltung machen, die Logistik hinkriegen. Man ist flexibel in so Sachen wie ‚welche Farbe nehme ich für den Flyer’ und selbst da ist man als Person nicht so flexibel, weil da immer mehrere interagieren.“

Christoph erzählt, dass er gerade das Netzwerken und den Austausch genießt, der mit der Arbeit bei der Holsteiner Erdenmanufaktur kommt: „Was mir Spaß macht ist das Netzwerken drum rum weil man andauernd neue Impulse bekommt. Man redet mit LKW-Fahrern, Landschaftsgärtners, Marketing-Leuten, Alte Mulern, Rechts- und Wirtschaftsberatung“ und „je mehr man selbst Hand anlegt, ausprobiert, desto mehr lernt man das Produkt wertschätzen. ‚Auf deiner Erde wächst was‘, da freut man sich drüber“. Letztendlich ist der Freiraum in der Gestaltung der Holsteiner Erdenmanufaktur dass ein Ziel – der gute Boden – mit definiert werden kann, im Rahmen bestehender Strukturen.

KNUD „Reibungspunkt zwischen Idealismus und wirtschaftlicher Realität“.

Knud hat schon Vieles gemacht: Stadtentwicklungsprojekte, Garten- und Landschaftsbau, Landwirtschaft, Energieprojekte und ist über Trockentoiletten auf Kompost, und die Fachtagung in Österreich, gekommen. „Ich kaufe in Bioläden und habe den Bezug zur Natur auch sehr vermittelt bekommen“, erklärt er und meint: „Ich glaube, wir haben einfach den Bezug zum Boden verloren“. Bodenbezug ist, so Knud, durch die deutsche Discounter-Kultur verloren gegangen. „Sich wahrnehmen, die Natur wahrnehmen, Bezug zum Essen – was und wie isst man – dass das nicht da ist bedeutet natürlich dass die Leute nicht über Boden nachdenken“.

Mit der Holsteiner Erdenmanufaktur möchte er das ändern: „Ich will einen Teil beitragen, dass sich das hier ändert. Dass ich wenigstens hier einen super Kompost mache und einen Anstoß gebe. Das ist aber ein Weg und der Weg dahin ist die Holsteiner Erdenmanufaktur zu entwickeln und daraus ein rundes Konzept machen.“ Dieser Weg ist „dann doch ein schleppender Verlauf“. Noch fehlt es an einer dauerhaften Produktion von eigenen Erden. „Das brauch ich auch einfach“, sagt Knud und ergänzt, „die Leute müssen das in die Hand nehmen können. Also man kann das erzählen aber hier, nimm das mal in die Hand, riech mal, verwende das mal“. Es gibt doch eine Bürokratiehürde auf dem Weg zur Umsetzung und „das bremst natürlich den Idealisten ein bisschen aus, weil wir in wirtschaftlichen Druck kommen. Da wird man aber auch kreativ“.

VINCENT „Ich werkel im Job mit Erde und Pflanzen und das mach ich privat auch“.

Vincent ist neu im Team und erst seit acht Wochen „im windigen Norden“. Nachdem er mit dem Studium „Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie“ im Dezember fertig geworden ist, wusste er, was es nicht sein soll: “Eine Nummer im System sein”. Stattdessen: „Kleine Firma, Ökologisches Denken, Mitarbeiterverbindung“. Zufällig ist er auf Christoph und Knud gestoßen und das hat gepasst. „Ich hab Bock das zu machen.“, sagt er und haut auf den Tisch wie um seine Entschlossenheit zu unterstreichen. Besonders gefällt ihm am Projekt, „dass man nie weiß was kommt und jeden Tag was neues dazu lernt“.

Jungunternehmer zu sein ist für ihn nicht mit viel Risiken oder Unsicherheiten verbunden, denn Vincent ist Angestellter und „nicht mit eigenem Geld dabei.“ Die zwei Gesellschafter im Rücken zu haben bedeutet für ihn: „Das ist keine Luftnummer, da sind Leute, die wollen, dass wir was abliefern. Jetzt schon ist für ihn klar: „Es fällt nicht vom Himmel. Dinge die man sich vorstellt, sind dann oft in Realität nicht so wie sie sind“. Auch bei ihm klingt durch: es braucht einen Platz zur Erdenproduktion, und dazu gilt für ihn: „sich nicht entmutigen lassen, wenns nicht so läuft – es gibt immer Mittel und Wege und Lösungen“. Sagt‘s und haut auf den Tisch.

„Qualität ist nach oben ja offen!“

Das sagt mir Vincent im Brustton der Überzeugung. Auf Nachfrage, wie das in der Praxis umgesetzt werden kann, sagt Vincent, man müsse die „Messlatte nach oben stecken und schauen, wie das dann auch geht“. Damit sind wir beim Thema Wirtschaftlichkeit und Idealismus. Knud findet, dass jedes Unternehmen für die Umsetzung eines idealistischen Projekts wie der Holsteiner Erdenmanufaktur das „gesunde Maß“ finden muss. „Manche erreichen Qualität mehr, manche weniger wirtschaftlich“, fügt er hinzu.

„Wir kriegen das immer besser hin“.

Christoph, Knud und Vincent sind ein Team. Sie arbeiten am liebsten mit Möglichkeit zum Blickkontakt, einander gegenüber sitzend, an den Tischen der Thinkfarm. Sechs bis zehn Stunden pro Tag widmen sich die drei dem Boden in der Region, drei Mal die Woche findet man sie in Fockbek bei ihrer derzeitigen Produktions- und Lagerfläche (abholen könnt ihr Erde hier), mindestens einmal wöchentlich gibts einTeamtreffen – und rund um die Uhr geht’s für die nächste Zeit darum, die Holsteiner Erdenmanufaktur weiter zu entwickeln, Leute für Erde zu begeistern. Knud bringt die Zukunftswünsche für die Holsteiner Erdenmanufaktur auf den Punkt: „Dass sich da in den nächsten Jahren was aufbaut, das wirtschaftlich tragbar ist und mir und anderen Menschen eine Perspektive gibt. Das dann die Keimzelle für dieses Wissen hier in der Region bildet, vielleicht bis hin zur Ökoregion, das wäre natürlich ein Traum.“

Photos von Aki Yasui und Anne-Lena Cordts

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.