Ausflug zum Leidenschaftsort

Wir sitzen mit Max und Kristin im vorweihnachtlich gemütlichen Café-Gemurmel bei A venir in der Katzenstraße, Lüneburg, zwischen Lünebohnepackungen, Cranberry-Mohn-Kuchen, Schoko-Lüne und Craftbeer. Das Ladencafé A venir ist eine Anlaufstelle für eine bunt gemischte Stammkundschaft und all jene, die nach fair-trade ohne Staub suchen. Eine kleine Inspiration für Genussmomente, Umweltbewusstsein und Regionalität.

„Kaffee ist ein Leidenschaftsthema.“

Am Anfang von A venir stand ein Plan: Aus dem ehemaligen Lüneburger Eine-Welt-Laden im Heinrich-Böll Haus sollte ein Ort für Kaffee-Leidenschaft rund um Lünebohne und Co werden – eine Möglichkeit, Konsum im direkten Austausch mitzugestalten. „Kaffee ist ein Leidenschaftsthema“, finden Max und Kristin. Und wer, wie Max, ein Praktikum im Kaffeesektor gemacht hat, beschließt schnell, dass es Sinn macht, die Welt mit Kaffee und anderen guten Produkten „ein Stückchen besser zu machen. Das ist ein kleiner Beitrag, den wir leisten können“.

Seit sechs Jahren gibt es Lünebohne eV. – einen Verein für den inzwischen meistverkauften fair-trade Kaffee in Lüneburg. Bei Kristin, die Gründungsmitglied von Lühnebohne e.V. ist, entstand bei der Vereinsarbeit der Gedanke zum Café. „Mein Grundgedanken war tatsächlich, das Eine-Welt-Laden Konzept cool zu machen, um andere Menschen zu erreichen, damit es zum Lebensgefühl wird, gute Produkte zu kaufen“, erklärt Kristin.

Mit dieser Idee im Kopf ist die Freundesgruppe, bestehend aus Max, Frieder, Kristin, Simon und Lukas, in das Projekt Laden-Café gestartet. „Einfach so gesponnen“, haben sie an einem Abend, erzählt Max lachend. Entstanden ist dabei ein Arrangement, bei dem sie Stück für Stück dem alten Besitzer den Laden abgekauft haben, einen großen Abverkauf des Eine-Welt-Laden Equipments organisierten und schließlich, unterstützt durch Freunde und Familie, aus alten Regalen Theke, Sitzlandschaft und Angebotsfläche arrangierten.

Die Linie im A venir ist dabei: „handgefertig, bio und fair gehandelt“. Auf Produktsuche gehen die Teammitglieder regelmäßig und mit Lust am Stöbern nach dem gewissen Extra. Durch die enge Zusammenarbeit mit den ProduktverteiberInnen und HerstellerInnen, beispielsweise den Teams rund um Lünebohne und Schoko-Lüne, wissen sie, wie produziert wird und woher die Inhalte jeweils kommen.

„Kaffee wird immer emotional“.

Warum ein Café machen? Warum die ganze (anfangs unbezahlte) Arbeit nebenher? „Weil wir’s einfach gerne machen“, „Weil wir wissen warum“, „Wegen der Kundenrückmeldung“ „Und weil wir einfach ein toller Freundeskreis sind“. Es gibt viele Antworten auf die Frage, warum und wie das Avenir neben Joballtag und Studium besteht. Keiner aus dem Team ist von der Arbeit im Avenir abhängig und Kristin findet, dass es hilft, nicht auf Umsatz fixiert am Leidenschaftsprojekt zu arbeiten. „Dadurch hat das Ganze eine gewisse Leichtigkeit, weil wir nicht den Druck haben, damit unsere Brötchen zu verdienen“. Mittlerweile kann das Team allen MitarbeiterInnen einen Mindestlohn auszahlen, worauf sie zurecht stolz sind.

An sechs Tagen in der Woche ist der Laden offen, einmal die Woche gibt’s eine Teamsitzung. Simon und Lukas sind mittlerweile stille Teilhaber und Marta und Timo haben angefangen, bei A venir zu jobben. „Wir haben schon gemerkt, dass das Team der limitierende Faktor ist. 5 Leute mit 5 unterschiedlichen Meinungen, das bringt viel Konfliktpotential“, sagt Kristin schulterzuckend. „Es gab zwei Dickköpfe im Team, das ging nicht immer reibungslos miteinander“, führt Max aus. „Wird jetzt ganz schön privat“, wirft Kristin lachend ein – und wir beschließen: Leidenschaftsthemen, die werden schnell privat und: „Kaffee wird immer emotional!“

A venir ins Soziotop!

Wertschätzung entlang der ganzen Produktionskette finden wir bei A venir; Für uns beim Besuch genauso greifbar ist der sehr persönliche Austausch dazu und das schöne Beisammensein bei Kaffee und Co. Darauf angesprochen erklärt Max: „Das Zueinanderkommen entsteht ganz von alleine. Die Leute, die hierher kommen sind supernett, gehen hier bewusst hin, weil sie es schön finden“, stellt er fest, und schiebt nach kurzer Pause nach: „Das hier ist auch ein Soziotop.“

à venir / Avenir – Herbeikommen, Zusammenkommen, Zukunft: „Das sind genau die Facetten, die wir hier leben wollen“, erklärt Kristin. Im Soziotop des Avenir haben auch wir ganz das Gefühl, schnell auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und eben auch anzukommen in der Café-Wohlfühl-Stimmung.
Slogan und Vision zugleich gibt es für die Produkte, die wir bei Avenir verkosten: „Lüneburg trinkt fair!“ heißt es da fürs Team. „Jetzt gibts neben dem Standbein Lünebohne die Schoko-Lüne – die hat auch einen yooweedoo-Preis bekommen.“ Die Schoko-Lüne-Verpackung ist komplett biologisch abbaubar. Es gibt keine Zwischenhändler auf dem Weg zur Edelschokolade. Um das zu honorieren gab es den FairWandler Preis  und 2015 eine Auszeichnung von Yooweedoo. Das setzt die Auszeichnung im Jahr 2013 von Werkstatt N für die Lünebohne fort. 

Als wir abschließend über unsere Visionen für die Zukunft sprechen wünschen sich Kristin und Max beide, dass das Avenir bestehen kann – dass sie die Referenz für guten Kaffee werden und weiterhin dazu inspirieren, umweltfreundlich zu konsumieren. Denn, so findet Kristin: Auch für die sehr Engagierten gilt: „Da ist noch Luft nach oben! Man selber konsumiert ja auch nicht so bilderbuchmäßig, wie man möchte“. Im Avenir gelingt es dem Team auf jeden Fall, ganz direkt den Konsum von Menschen mitzugestalten – indem sie ein Angebot schaffen, sowohl was die Produkte als auch das Ladenflair anbelangt.

Fotos: Katha Prohl und A venir

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.