Bootsfahrt mit dem Forrest Gump der Unternehmenswelt

Es ist kalt und, wie die Hamburger mir sagen, sind wir gesegnet mit erhöhter Luftfeuchtigkeit. Uwe, Katha und ich sitzen dennoch draußen an Deck der HVV Fähre und schippern einmal nach Finkenwerder und zurück. Wir sprechen über Themen, die im Kopf bleiben und sacken müssen: wie wollen wir arbeiten, wie leben, wie organisieren? Uwes unkonventionelle Antworten sind zum Vorbild für viele Unternehmen geworden.

„Ich versuche zu moderieren, balancieren…und selber meinen Weg zu finden.“

Eigentlich sollte ich nicht allein mit Uwe sprechen, wenn ich Premium wirklich kennenlernen will. Premium, das ist ein Kollektiv von 1680 gleichwertigen Partnern, die koffeinstarke Cola, Bioland-Pils, Holunderblüten-Limonade und Mate organisieren. Doch: Uwe ist Premium und Premium ist Uwe. Er sagt selber „das Ganze ist sehr von mir geprägt“ – von Weltbild und Wertvorstellungen. Und darum geht es heute in erster Linie.

FZ_Premium_Uwe

Einen Premium-Firmensitz gibt es nicht – Premium ist da, wo man für Premium arbeiten kann und möchte. Denn, so Uwe: „Wir wollen jedem die Freiheit lassen zu arbeiten, wann und wo sie wollen.“ Uwes Vorstellung von Arbeit bedeutet, dass nicht alles nach Schema F laufen muss, für das Person X sich verbiegt. Eher sollte es die Tätigkeit erlauben, sich nach den eigenen Fähigkeiten einzubringen. Das bedeutet auch, dass ein hohes Maß an Offenheit zum Arbeitsalltag bei Premium gehört – dass ‚Alltag‘ vielleicht generell ein falsches Wort für die Arbeit bei Premium ist. So viel Freiheit und Flexibilität in der Unternehmensführung und dem Zusammenspiel der Mitarbeiter ist zeitaufwändig und für viele ungewohnt.  Uwe meint schlicht: „Es war nicht einfach, aber es ist ganz leicht so zu arbeiten“.

„Eigentlich habe ich das ganze Unternehmen an einem Wert aufgehängt.“

Uwe ging und geht es gegen den Strich, „dass Konsumenten typischerweise nicht mitreden können“. Vor einigen Jahren hat der veränderte Geschmack der Afri-Cola den Anstoß gegeben, als Interessenvertretung für den ehemaligen Geschmack und seinen Koffeinkick einzutreten. Hätte Afri-Cola damals seinen Kritikern mehr Gehör geschenkt und die Rezeptur wieder verändert, wer weiß, was dann geworden wäre. Dass sie es nicht taten, hat Uwe verdeutlicht, dass er für mehr Gleichwertigkeit in der Wirtschaft etwas Eigenes braucht. Premium eben. Nicht allein hinsichtlich eines bestimmten Getränkegeschmacks, sondern auch hinsichtlich von Führungsstil und Wirtschaftsverständnis. Gleichwertigkeit wird bei Premium in Großbuchstaben geschrieben und das trägt viele Blumen. Bei Uwe hat es den Effekt, dass er – öfters in unserem Gespräch – aus vollster Überzeugung sagen kann: „Ich hab gefühlt den besten Job der Welt“.

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„Mein zweiter Vorname ist Plan B.“

In den ersten Jahren konnte keine KollektivistIn vom Job bei Premium leben – erst nach 8 ½ Jahren konnte Uwe sich durch Premium Erträge finanzieren. Das erfordert, wie er sagt, „eine gewisse Sturheit“. Biss hat Uwe. Mit Durchhaltevermögen und großen Idealen im Blick hat sich aus Premium ein Vorzeigebeispiel entwickelt, das Blaupause für sehr aktuelle Fragen sein kann: Wie wollen wir arbeiten? Wie sollen Firmen funktionieren? Geht Wirtschaft nicht auch anders?

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„Es gibt bis heute keinen Plan, was wir nächste Woche machen“, sagt Uwe. Das kann ich kaum glauben, aber ich verstehe, worum es geht. Premium bleibt flexibel und geht auf Veränderungen ein. Für jede Eventualität hat Uwe als „Kümmerer“ bei Premium einen Plan B oder auch C. Bei der heterarchischen Struktur hat das den Vorteil, dass auf Krisen und persönliche Bedürfnisse eingegangen werden kann. Oder auch, dass unkonventionelle Handhabungen wie Kontovollmachten bei verschiedenen KollektivistInnen und Konsensentscheidungen bestehen können.

„Mein Führungsverständnis ist irgendwo zwischen Forrest Gump und einem Pfadfinderleiter.“

Dass jeder gleich viel wert ist, äußert sich auch darin, dass alle Teil der Entscheidungen bei Premium sind. Die Konsensfindung des Unternehmens beschreibt Uwe mit den Worten: „Wir wollen so lange reden, bis wir so einen klugen und sozialen Vorschlag herausgearbeitet haben, dass niemand mehr dagegen ist.“ Damit ist ein viel weicheres Verständnis von Führung verbunden, als gemeinhin Standard ist. Uwes zentrale Rolle besteht dabei „zu 1/3 aus Orga, 1/3 Moderieren, und 1/3 Kommunizieren“. Er vergleicht sich mit Forrest Gump, der eine Idee hat und einfach losläuft.

FZ_Premium Cola_Uwe & Franca

Interessant ist das nicht nur, weil er selbst und seine Partner zufriedener bei und mit ihrer Arbeit für Premium sind. Skeptiker überzeugt Uwes Stil, weil seine Arbeitsweise effizient ist. Uwe erzählt, dass er durch seine Art der Planung der Logistik beim Fusion Festival 5000 Euro einsparen konnte. „Das war gar nicht mein Plan, ich wollte es für alle angenehm machen”. Mittlerweile fragt ihn die Deutsche Bahn als Experte zu weicher Führung an und Premium KollektivistInnen werden „plötzlich Unternehmensberater – total irre!”.

„Ich hab‘ jetzt das Gefühl, dass ich angekommen bin.”

Aus der Interessenvertretung, die Afri-Cola einheizen wollte, ist ein Unternehmen geworden, das für Konsensdemokratie steht, bio-zertifiziertes Bier herstellt, das auf open-source setzt und auf persönlichen Datenschutz. Ich könnte die Liste fortsetzen. Dazu lest ihr aber besser die verschiedenen Abschlussarbeiten von Studis oder schaut in einen von Uwes Vorträgen. Für Uwe ist es immer wieder surreal, dass er sein kann, wie er ist und davon leben kann. „Wünsche ich jeder”, meint er. Ich schließe mich an.

FZ_Premium_Gespräch auf Boot mit Wind

Wie Premium Uwe entlohnt:

1: Mit 18 Euro die Stunde, dem Einheitslohn bei Premium.

2: Mit Sicherheit, die 1680 wohlgesonnene Partner geben.

3: Mit Freiheit.

4: Mit Sinn. Denn Uwe kümmert sich um Menschen, und lebt davon, es allen nett zu machen.

5: Mit Reichweite für seine Ideen von einem besseren Miteinander.

6: Mit Bildung – denn „mein Tag ist nie gleich. Das hat mich als Mensch weit gebracht”.

Photos von Katharina Prohl

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.