Bridge&Tunnel – „Wir wollen Welten vernähen“

Im „Hinterhof Hamburgs“ möchten zwei junge Sozialunternehmerinnen ‚Gesellschaft neu designen‘ – mit ihrem Label Bridge&Tunnel, das soziale und ökologische Nachhaltigkeit vereint.
Vor drei Jahren wurde die Idee für Bridge&Tunnel geboren. Die Freundinnen Hanna Charlotte Erhorn (Lotte) und Constanze Klotz (Conny) hatten zwei Jahre zuvor einen Coworking Space für Nähmaschinen und Siebdruck gegründet. Im mit am jüngsten und multikulturellsten Stadtteil Hamburgs, Wilhelmsburg, das als Insel zwischen den beiden großen Elbarmen im Hamburger Innenstadtgebiet liegt. „Wilhelmsburg ist das Neukölln Hamburgs: Vielleicht nicht ganz so hip, aber mit ebenso vielen Problemen“, beschreibt Conny den Sitz von Bridge&Tunnel. „Wir sahen im Stadtteil von Beginn an ganz viel Potential. Deswegen haben wir recht schnell die Türen unserer Werkstatt geöffnet – für Designer rund um Hamburg, aber auch für die Menschen, die im Viertel leben.“

Talente vor Zeugnissen

In diesem Zuge luden sie 2015 einen deutsch-türkischen Nähclub von Frauen des Viertels zu sich ein, die fortan unentgeltlich regelmäßig die Werkstatt nutzten. „Dabei kamen so viele Talente zum Vorschein“, erinnert sich Conny, „allen voran bei langzeitarbeitslosen Frauen, denen Zertifikate für ihre handwerklichen Fähigkeiten fehlten.“
Das war die Geburtsstunde für Bridge&Tunnel. „Wir hatten niemals geplant, ein Label zu gründen. Aber als wir dann all diese Menschen im Viertel kennenlernten, dachten wir uns: Wenn niemand sonst sie in Arbeit bringt, warum machen wir es dann nicht selbst?“ Seitdem kommen im Team von Bridge&Tunnel nähbegeisterte Menschen zusammen, die „durch alle Raster der Gesellschaft fallen“, wie die Gründerinnen es formulieren, die aber hervorragend nähen können: „Denn bei uns zählen Talente vor Zeugnissen.“

„Wir wollen Welten vernähen“ (Constanze Klotz)

So ist eine der Näherinnen im Team gehörlos, eine andere mit 63 Jahren „zu alt“ für den klassischen Arbeitsmarkt, eine andere kam mit ihrer Familie vor Jahren aus Indien nach Deutschland, ist jedoch noch unsicher im Deutschen. Seit 2016 wird das Team von Bridge&Tunnel zudem regelmäßig von Frauen und Männern mit jüngerer Fluchtgeschichte unterstützt. „Jeder kommt mit seinen oder ihren ganz eigenen, besonderen Fähigkeiten. Wir wollen diese Welten vernähen“, erzählt Conny. Dafür werden alle Neuen im Team von einer professionellen Anleiterin betreut. Und auch darüber hinaus sollen sich die Mitarbeiter*innen stets entwickeln können.

Brücken in den ersten Arbeitsmarkt

Der Name des Labels ist dabei bewusst gewählt: Bridge&Tunnel bezieht sich zwar zum einen auf die Lage des Labels, auf der Elbinsel Wilhelmsburg, die sich nur über Brücken oder den Elbtunnel erreichen lässt. Aber es geht vor allem um Brücken, die für die Mitarbeiter*innen in den ersten Arbeitsmarkt gebaut werden sollen. „Daher unterstützen wir unsere Mitarbeiter stets dabei, sich weiter zu qualifizieren, bei Bedarf Deutschkurse zu belegen und sich auch persönlich weiter zu entwickeln.“

Mit gebrauchten Jeans gegen Fast Fashion

Auch die ökologische Komponente ist den Gründerinnen eine Herzensangelegenheit: Ihr ‚Denim Design‘ entsteht aus Alttextilien und Materialüberschüssen. Gebrauchte oder aussortierte Jeansstoffe schneidert das Team zu Taschen, Rucksäcken und Pullis. Seit Neustem auch zu Plaids, Kissenbezügen und Teppichen. „Dabei haben wir bewusst keine Kollektions-Zyklen“, betont Conny. Als Gegenentwurf zur Fast Fashion. „Wir wollen mit unserem Konzept zeigen, dass weniger oft mehr ist.“

Zwei Unternehmen in einem

Was die zwei Gründerinnen anderen Menschen mit einer nachhaltigen Idee mit auf den Weg geben würden? „Auf das eigene Bauchgefühl hören. Natürlich kann ein Abklopfen des Marktes vorher nicht schaden“, sagt Conny, „trotzdem sind wir Freunde des Machens, des Ausprobierens.“
Herausfordernd und motivierend zugleich sei für Conny und Lotte die Rolle als Sozialunternehmerinnen: „Wir führen quasi zwei Unternehmen in einem: wir verfolgen eine gesellschaftliche Mission mit unternehmerischen Mitteln. Allerdings lässt sich gesellschaftlicher Mehrwert häufig nicht monetarisieren. Da gilt es, einen langen Atem zu behalten, um passende Wege der Finanzierung auszutüfteln.“ Angst, dass jemand ihr Konzept kopiert, haben die zwei Gründerinnen hingegen nicht: „Wenn sich jemand berufen fühlt, unser Geschäftsmodell zu kopieren, dann nur zu.“ Eine Einstellung passend zum Slogan ihres Sozialunternehmens: „We design society“.

Fotos von Bridge&Tunnel, Luzia Pimpinella, Daniel Müller, Deutschland – Land der Ideen/ Benjamin Hüllenkremer

Lea Jahneke

Lea Jahneke

Mich hat Kiel mit seinen engagierten Menschen und spannenden Projekten (im wahrsten Sinne) im Sturm erobert, als ich für meinen Master herzog. Ich freue mich mit Funkenzeit von diesen inspirierenden "Funken" zu berichten.