Bummelbude. Ein virtuelles Schaufenster für Kiel

In den Innenstädten großer Städte sieht es oft ähnlich aus. Große Einkaufsketten reihen sich aneinander, Haupteinkaufsrouten wirken austauschbar, unser Kaufverhalten damit auch. Hinter Bummelbude verbirgt sich eine klare Vorstellung davon, wie wir in Kiel shoppen können: lokal, mit Bindung zum Einzelhandel. Damit Kiel nicht eine dieser typischen immer-gleich-aussehenden Städte wird, und seine besonderen Läden und Ladengüter behält. Chris, Daniel und Klaas basteln an einem virtuellen Schaufenster, das „Bummeln wieder in den Vordergrund rückt“ und Kieler Läden stark macht in Zeiten von E-Commerce und Co.

Bummeln für die eigene Vision von Stadt(Er-)leben.

Chris und Daniel hatten gegen Ende ihrer Bachelor Zeit als Mediengestalter „mega Bock drauf, was eigenes zu machen – unsere Vision zu erleben!“. Nach einem WG-Küchen Gespräch war die Idee zur Bummelbude geboren, als Antwort auf ein „Schlüsselproblem deutscher Städte“: alle sehen sie relativ gleich aus. Viele Einzelhändler können die hohen Ladenmieten nicht mehr bezahlen. Das führt dazu, dass immer mehr große Ketten präsent sind und die kleinen Läden mit ihren oft ausgesuchten Waren verschwinden. Daniel und Chris haben sich überlegt, wie Einzelhänder ihre Produkte, sich selber, besser präsentieren könnten. Ein paar Trendstudien zum mobile shopping und seinen Auswirkung auf stationäre Händler später war klar: Sie müssen „E-Commerce auf regionalen Einzelhandel münzen.“

FZ_Bummelbude_Chris und Daniel_Schulterblick

1 1/2 Jahre ist dieses erste Küchen-Brainstorming her. Mittlerweile schreiben die beiden ihre Masterarbeiten über Bummelbude-Themen und arbeiten im starterkitchen an der Umsetzung. Daniel und Klaas machen die Entwicklung; Chris ist Projektkoordinator – Förderanträge liegen auf seinem Tisch – Design und Marketing sind Gemeinschaftsaufgabe.

 

„Ich geh nicht auf Seite 10 bei Google!“…

Bummelbude will regionale Händler ins Netz bringen – stationärer Einzelhandel soll Onlinehandel etwas entgegensetzen können und Teil des Stadtbilds bleiben. Daniel erklärt, dass er, wenn er ‚Küchenmesser‘ bei Google sucht, sicher nicht auf Seite 10 der Ergebnissuche geht, wo dann endlich mal der lokale Händler auftaucht. Und woher kommen dann unsere Sachen, die wir bei Seite eins – Amazon wahrscheinlich – bestellen? Von irgendwelchen großen Firmen, vielleicht aus Luxemburg, sicher nicht vom Händler ums Eck.

Dem wirkt Bummelbude entgegen. Wenn ich bei Bummelbude schaue, wo ich ein neues Küchenmesser finde, dann gehts lokal. „Eine lokale Shopping Community“, die wollen die Entwickler des Projekts bestärken. Sie wollen ein virtuelles Schaufenster schaffen, das „die Verbindung zwischen Händlern und Usern – das Bummeln – wieder in den Vordergrund rückt.“

FZ_Bummelbude_

…aber vielleicht hab ich mal Bock auf mehr als nur Amazon.

Geht das denn auch – will jeder lokal unterwegs sein? „Wir sind social Entrepreneurship – wir wollen was verbessern, nicht nur Kohle machen!“, ist Daniels erste halb entrüstete Reaktion. Er erklärt: „Wir können Amazon eventuell ein paar kleine Marktanteile wegschnappen, vor allem aber können wir was bieten, was es so nicht gibt.“ Das Feedback zum Projekt ist unterschiedlich. „Es gibt halt enorme Online-Shopper. Die Umzupolen ist schwierig.“ Man kann aber die Vorteile des Online Shoppings nutzen und auf Alternativen verweisen. Chris, Daniel und Klaas werden darauf abzielen, auch die abzuholen, die sich schon bequem aufs von-Zuhause-Shoppen eingestellt haben. Die Bummler-Alternative könnte Kiels Antwort auf mehr, mehr, und immer mehr Amazon-Einkäufe werden.

FZ_Bummelbude_Chris erklärt

Spielerei mit dem Prototyp: so geht E-Commerce auch.

„Bitte fancy“, haben sie sich gedacht und dafür ist „unser Kopf quasi an die Wand geplatzt“ mit den ersten Ideen: Lieferungen per Drohnen, Wunschlisten…Nun will im ersten Schritt alles ins Netz gestellt werden, Partnergeschäfte wollen gefunden werden, Finanzierung für den Startschuss muss akquiriert werden. Hierfür haben sich die drei Bummler beim KNWlan Wettbewerb beworben. Dort werden die besten Geschäftsideen für eine digitale Infrastruktur in Kiel gesucht (mehr dazu findet ihr unter dem Link).

FZ_Bummelbude_Daniel erklärt

Der Prototyp ist im Laufe von einem halben Jahr entstanden, erstmal für Android, später kommen iOS und das Windows-Phone dazu. Chris und ich beugen uns über Daniels Handy und ich bekomme einen Einblick in die Seite der Bummelbudler. Im geschwungenen eigenen Schrifttyp finde ich eine Übersicht zu Entfernung des Ladens von mir, meinem eigenen Profil, meiner potentiellen Shopping Merkliste (daran kann eine Shoppingroute fest gemacht werden), meinem Status als lokalem Shopper (dahinter verbirgt sich ein Belohnungssystem), dazu Produktbilder mit Produktbeschreibung, Verfügbarkeit der Wahre (mit Ampelsystem), Navigation zum und rund ums Produkt.

FZ_Bummelbude_Ansicht_Hand

Über die Navi-Option freuen sich die zwei merklich: „Wenn ich unterwegs bin mit dem Handy und diese Sneaker nicht finde, dann kann ich auf Bummelbude schauen und finde sie.“ Chris schmückt mir meinen Shoppingweg aus, zeigt, wie flott ich von A nach B kommen kann und durch die Stadt zieh, mit meinen Einkauf perfekt geplant und begleitet.

„Kauf, wo du wohnst!“

„Kauf, wo du wohnst!“, endet Chris seine Ausführungen schwungvoll – Daniel und er lachen, und ich bekomme einen Einblick in die Zwischentöne der Teamarbeit, die Begeisterung fürs Projekt und das Gefühl dabei, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

FZ_Bummelbude_Momentaufnahme

 

Im September sind die beiden mit ihrem Master fertig, dann ist noch mehr Zeit fürs Projekt da. Das steht und fällt mit der nächsten Finanzierung nach dem Studium. Und falls das nicht klappt? „Man muss aber auch scheitern können“, sagt Chris lapidar und Daniel fügt hinzu: „Wir haben natürlich viel gelernt!“ An einer WG-Küchen Idee dran bleiben, ein eigener Schrifttyp und die ersten Prototypen der Bummelbude Seite, Büroleben und das alles für den Wunsch nach mehr persönlichem, lokalem Bezug zum Einkauf. Das nötige Durchhaltevermögen haben die Jungs auf jeden Fall.

FZ_Bummelbude_Logos

Photos von Lucas Hillringhaus

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.