Das Phänomen der MUDDIvation – Ein Bericht hinter den Kulissen vom MUDDI Markt auf der Kieler Woche

Wer kennt das nicht? Diese roten Sticker überall in der Stadt verteilt. Wegen des Layouts denkt man an den Discountermarkt Penny. Die Sprüche auf diesen Stickern sind lustig, aber irgendwie checkt man sie nicht gleich, sondern muss erst einmal kurz überlegen. Letztlich kommt einem die Frage auf: „MUDDI – Was genau ist das denn eigentlich?“

Als ich nach Kiel gezogen bin und es auf meine erste Kieler Woche im Jahr 2013 zuging, ist mir dieses Phänomen täglich untergekommen. Und da bin ich sicherlich nicht die Einzige. Meine Neugier ließ mich auch im Jahr danach nicht los, als ich in einer Uni-Gruppe bei Facebook einen Post sah, dass der MUDDI Markt immer gern ehrenamtliche Unterstützung hat.

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Ach, da kann man einfach mitmachen?, dachte ich und habe mich sogleich auf diesen Post gemeldet. Letztendlich konnte ich dann zumindest hier und dort mal an der Bar aushelfen. Ich erinnere mich, dass mich das Engagement und die pausenlose Arbeit des Teams schwer beeindruckt haben. Allein das verdient doch noch mehr Unterstützung, dachte ich. Also habe ich beschlossen, 2016 so richtig aktiv zu sein. Und jetzt geht’s los!

Seit September sind die Planungen zum MUDDI Markt auf der Kieler Woche 2016 in Gange. Ja, wirklich schon so lange! Genau das ist es, was die meisten nicht vermuten: Hinter den vermeintlich läppischen 10 Tagen der Kieler Woche steckt fast ein ganzes Jahr voller Planung, Aktivitäten, Organisation und ein riesiger zeitlicher Aufwand.

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Der MUDDI Markt dagegen ist ja nicht einfach nur ein Stand, der seine Würstchen oder sein Bier verkaufen will, wie im Grunde alle Stände auf der Kieler Woche. Dass man hier nicht so wahnsinnig viel planen muss ist schon klar. Dagegen der MUDDI Markt bietet ein Tagesprogramm voller Aktivitäten, die bewusst partizipativ ausgerichtet sind. Das Abendprogramm besteht aus ausgewählten Live-Konzerten und das Nachprogramm bietet verschiedene DJ-Sets für die Tanzwütigen. All das wird in sorgfältiger Arbeit in der Arbeitsgruppe „Tagesprogramm“ zusammengestellt und bedarf Einiges an Organisation und Koordination. All das soll dann auf einen Programmflyer.

s_P1330002Jedes Jahr ein neues Layout, jedes Jahr wieder die gleiche Fummelarbeit. Wann müssen die Flyer in den Druck gegeben werden, damit sie pünktlich zur Kieler Woche da sind? Welche Sprüche kommen auf die berühmten Sticker?

Eine Entscheidung prescht auf die nächste zu. Welche Getränke sollen angeboten werden? Denn passend zur Vereins-Ideologie müssen diese auch regional, lokal, nachhaltig produziert und fair gehandelt sein. Dabei darf man das Budget nicht aus dem Auge verlieren. Ein Verein, der keinen Gewinn erwirtschaftet – und das auch nicht möchte – muss natürlich umsichtig mit seinen Finanzen umgehen, um am Ende nicht alles aus eigener Tasche bezahlen zu müssen.

Das alles, und noch viel, viel mehr, wurde seit September in den diversen Arbeitsgruppen und in den großen Plenumstreffen entschieden und ausgiebig diskutiert.

Puuh, alles gar nicht so einfach, liebe Leserinnen und Leser. Oder was meint ihr?

Aber das ist ja erst Teil 1 von MUDDI’s Geschichte! In Teil 2 wird das MUDDIvation-Phänomen so richtig fühlbar.

Phänomen #1: Unerschöpflich scheinende Motivation.

Während der Kieler Woche ist der MUDDI Markt fast ein 24-Stunden-Job. Man schläft zu wenig, isst unregelmäßig und trinkt vielleicht auch mal einen leckeren Rhabarber-Schnaps zu viel und ist trotzdem die ganze Zeit auf der Holstenbrücke präsent. Hart, härter, Holstenbrücke – der Spruch kommt nicht von ungefähr. Obwohl man den ganzen Tag durch die Gegend rennt, abends seine Schichten an der Bar schiebt und dann am Ende, wenn es für alle BesucherInnen zum Weiterfeiern in die Bergstraße geht, noch die Sofas aus dem Regen holt und aufräumt, scheint man kaum jemandem Erschöpfung anzumerken.

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Gute Laune, ein Lächeln und MUDDIvation scheinen permanent am Start zu sein – trotz Dauerstress und Daueraction. Man macht das alles nicht weil man es muss, sondern weil man es gern möchte.

Phänomen #2: Das Team.

Man fühlt sich plötzlich zu einem gewissen Grad verantwortlich für das Gelände, die Zufriedenheit der BesucherInnen, aber insbesondere für die Menschen im MUDDI-Team. Ich konnte und wollte gar nicht auf eigene Faust abfeiern, weil ich immer wieder gern helfen wollte, sei es hinter der Bar, oder jemandem aus dem Team ein Getränk zu bringen, weil er oder sie eine kurze Pause braucht.

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Besonders schön nach einem Tag voller Action ist es, wenn sich um 2 Uhr morgens nach dem Aufräumen alle Aktiven in der Bar treffen und sich über den Tag austauschen. Sogar für geschmierte Stullen und geschnittene Äpfel und Möhren war jede Nacht gesorgt. Wie bei Muddi eben. Man fühlt sich tatsächlich umsorgt, auch wenn man 12 Stunden auf den Beinen ist. Die Augen sind müde, doch der Teamgeist unerschöpflich! Das bei so einer auf unterschiedlichsten Ebenen unglaublich heterogenen Zusammensetzung einer Gruppe zu beobachten hat mich als angehende Soziologin tatsächlich sehr fasziniert.

Phänomen #3: Immaterielle Bezahlung.

Bei Wind und Wetter, egal wie anstrengend es ist, gibt es immer jemanden, der hilft oder sich kümmert. Und genau das gibt uns vom Feeling her ein gutes Gefühl – das merkt auch die Kundschaft. „Ihr seid auch immer gut drauf!“, ruft ein junger Mann uns an der Bar entgegen, „Und ihr werdet wirklich nicht bezahlt?“. Nein! Alles geschieht auf freiwilliger Basis, aber natürlich ohne materielle Entlohnung. Viel Arbeit, kein Geld. MUDDI scheint ein unergründliches Geheimnis zu haben. Die Währung in der bezahlt wird ist unbezahlbar: gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Spaß.

Phänomen #4: Ehrliches Ehrenamt.

Mit einem Besucher habe ich eine angeregte Diskussion geführt, weil er meinte, es sei ja schön, dass ich mich ehrenamtlich engagiere, aber hier muss ja Geld übrig bleiben, weil ja auch an der Bar einiges eingenommen würde, und das würde sicherlich irgendjemand einstreichen. Nein! Ich kann zu 100 Prozent versichern, dass keine/r irgendetwas einstreicht. Es gibt keine Hierarchie im Organisations-Team, was bedeutet, dass alle alles wissen. Das gilt natürlich auch für Budget-Fragen. Das wenige Geld, was nach der Kieler Woche übrig bleibt, geht direkt in den Verein MUDDI Markt e.V. und wird für die kommende Kieler Woche reinvestiert.

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Phänomen #5: Dankbarkeit.

Ich kann nicht sagen wie oft sich jemand im Laufe meiner MUDDI-Zeit bei mir bedankt hat. Sei es nur für eine Nachricht oder einen Anruf, den ich getätigt habe. Das Engagement bei MUDDI wird von jedem Mitglied sehr wertgeschätzt und geachtet. Ein solch respektvoller und herzlicher Umgang, vor allem aber auch dieses Lob durch spürbare Dankbarkeit haben mich persönlich zunehmend motiviert.

Meine Bilanz ist eindeutig

Es hat hinter den Kulissen tatsächlich, trotz Arbeit, mehr Spaß gemacht, als davor. Ich hätte nie gedacht, wie viel hinter diesen roten Stickern mit gelber Schrift steckt. Sowohl ideologisch, als auch menschlich. Die familiäre Atmosphäre mag das Geheimnis sein, denn man fühlt sich eben wirklich wie zu Hause bei Muddi: Pudelwohl. An dieser Stelle muss ich meine Bewunderung an diejenigen aussprechen, die teilweise wirklich von 11 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts vor Ort waren, immer alles im Blick hatten, auf jede Frage eine Antwort wussten, den ganzen Tag lang überall mitgeholfen haben, improvisationsweise fast 5 Stunden lang am DJ-Pult standen auf Grund von schlechtwetterbedingten Absagen der Acts – und trotzdem waren sie immer gut drauf. All das teilweise sogar neben dem Arbeitsleben zu schaffen verdient großen Respekt. Ich kann nur sagen, Hut ab an alle MUDDI’s!

Jetzt, wo die Kieler Woche vorbei ist, fehlt mir der alltägliche Wahnsinn auf dem MUDDI Markt tatsächlich. Aber das wird nicht lange so bleiben, denn schon nächste Woche geht es wieder an die Planung für 2017.

Fotos von Akihiro Yasui