Deaf Ventures: Wie gebärdet man Kiten?

Sobald genügend Wind an den Küsten bläst sieht man sie wieder über das Wasser rasen: Kitesurfer. Festgeschnallt an ihren Kite tanzen sie virtuos über das Wasser. Dabei faszinieren nicht nur die Kunststücke, sondern häufig auch das stoische Trotzen von beißendem Wind und kalten Temperaturen. Sowohl an den rauen Küsten Schleswig-Holsteins als auch an den warmen Stränden von Indonesien und Portugal – Kitesurfen begeistert weltweit. Das Inklusion nicht nur an Schulen und im Büro wichtig ist, sondern auch auf dem Wasser gelingen kann, zeigt nun das junge Start-Up Deaf Ventures. Seit 2018 bieten die Kite-Lehrerin Pia Boni und die Gebärdendolmetscherin Marie Kohlen deutschlandweit die ersten Wassersportkurse für Gehörlose an.

„Es war super, das Kitesurfen mit etwas Sozialen verbinden zu können“ (Pia Boni)

Es ist nicht verwunderlich, dass sich das Team von Deaf Ventures gerade beim Kiten begegnete. 2015 besuchte die professionelle Gebärdendolmetscherin Marie auf Sri Lanka einen Kitekurs. Ihre Lehrerin? Pia Boni! Schnell entwickelte zwischen den Frauen nicht nur eine innige Freundschaft, sondern auch die Idee für Deaf Ventures. Bis aus der Idee ein gefragtes Start-Up wird, mussten nicht nur Hindernisse, sondern auch Zweifel aus dem Weg geräumt werden. Wie unterrichtet man, wenn die KursteilnehmerInnen die Instruktionen auf dem Wasser nicht hören können und gleichzeitig einen Kite managen? Wie Interessierte gewinnen, bei einer so speziellen Zielgruppe? Nach ersten Kontakten über Instagram wurde schnell klar: Wassersportkurse für Gehörlose sind nicht nur gefragt, sondern auch bisher in Deutschland vergeblich gesucht.

„Viele Gebärden für das Kiten gibt es noch gar nicht!“ (Pia Boni)

Jeder Anfang ist schwer, doch das Team konnte auf die Unterstützung der Szene setzen. Pias langjähriger Chef im Ummaii bot die erste Ausrüstung und Infrastruktur auf der Rügeninsel Ummanz. Das Unternehmen Liquid Force stellt Testkites. Einem ersten Testwochenende stand fast nichts mehr im Weg. Nur für fehlende Finanzierung musste eine Lösung gefunden werden: „Beim yooweedoo Ideenwettbewerb zu gewinnen, ermöglichte ein Testwochenende, die günstigen Preise für die ersten Camps und sogar die Finanzierung unseres ersten Imagefilms“, sagt Pia Boni. Wie wichtig dieses Testwochenende war, zeigte sich schnell. Neue Gebärden für Kitebegriffe mussten entwickelt werden. Pia, die weniger Erfahrung mit der Gebärdensprache hatte, merkte schnell, dass Kleinigkeiten zählten: „Es ist wichtig immer mit einem Zopf zu arbeiten, damit die TeilnehmerInnen die Möglichkeit haben meine Lippen zu lesen. Auch korrigiere ich nun mehr über die Arme, indem ich mitsteuere bis sich das Gefühl für den Kite entwickelt.“ Auch nahm Pia an einem Gebärdensprachkurs an der Volkshochschule teil.

Warum es sich lohnt neue Wege zu bestreiten

Pia und Marie haben mit ihrer Idee eine Nische getroffen, die zu lange unbeachtet blieb. Das beweisen ihre ausgebuchten Kitekurse – egal ob auf Ummanz, in Portugal oder Indonesien. Und die Nachfrage nach mehr lässt nicht nach. „Wir planen nun neue Konzepte u.a. für Aufsteigercamps“, berichtet Pia. Doch um weiter zu wachsen sind neue Partner gefragt. Mario Rodwald, mehrfacher Kiteeuropameister, unterstützt das junge Unternehmen mit seinen nachhaltigen Kiteboards. Im Sommer 2018 folgte ein weiterer Schub: Deaf Ventures gewinnt den regionalen Förderpreis Land(auf)schwung im Kreis Vorpommern-Rügen und geht damit einen Schritt weiter. Ab 2019 startet das Team mit der Ausbildung von zwei gehörlosen KitelehrerInnen. Der Land(auf)schwungpreis unterstützt mit 60% der Kosten das ambitionierte Vorhaben.

„Für die Auszubildenden heißt es einfach jede freie Minute zum Kiten zu nutzen.“ (Pia Boni)

Ab 2019 bietet Deaf Ventures zwei Kitebegeisterten die Chance auf eine Ausbildung zur KitelehrerIn. Der Bedarf an KitelehrerInnen im eigenen Team bei der enormen Nachfrage der Kurse ist längst gegeben. Da KitelehrerInnen mit soliden Kenntnissen in Gebärdensprache eher rar gesät sind, liegt es nahe selbst auszubilden. Eine mutige wie nachhaltige Entscheidung für ein so junges Start-Up. Alle Interessierte können sich bis Anfang Januar bewerben. Ziel ist es nicht nur den eigenen Nachwuchs zu sichern „Wir möchte Leute dabei unterstützen weitere Jobs zu finden und Kontakte zu knüpfen“, erzählt Pia. So sollen weltweit mehr Möglichkeiten an Wassersportkursen für Gehörlose entstehen.

Die breite Unterstützung für das Projekt zeigt, was die Kite-Community ausmacht. Ein starker Zusammenhalt für eine gemeinsame Leidenschaft. Egal welche Sprache man spricht oder gebärdet.

Fotos: Norbert Richter und Peter Schulze

Sarah Heider

Kieler Sprotte mit Fernweh. Kiel ist mein Heimathafen. Ich freue mich darauf, die vielen kreativen, nachhaltigen Ideen der Region bekannter zu machen.