Die Tüdel-Tanten und der Musiker

Verschiedenste Dinge reihen sich in den Regalen der Galerie Seepferdchen nebeneinander. Es dauert einen Moment, bis das Auge jedes Detail wahrnimmt. Neben selbstbedruckten Leinenbeuteln und selbstgebranntem Schnaps stehen Spielzeugtiere als Zahnputzhalter durchbohrt.

Für 15€ Miete im Monat stellt die Galerie Seepferdchen Künstlerinnen und Künstler aus der Region ein Fach in ihrem Laden in der Alten Mu zur Verfügung. Die Fächer können individuell gestaltet werden und bieten eine Ausstellungsfläche für allerlei Eigenkreationen. „Oft haben die Leute Stapelweise selbstgemachte Dinge zu Hause“, Galerie-Gründerin Maria erklärt das Konzept, „wir ermöglichen es ihnen, diese zu präsentieren und zu verkaufen.“

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„Hier arbeiten Leute, die das Besondere an diesem Ort sehen.“

Dem Team geht es nicht vorrangig ums Geld verdienen. Vielmehr steht der Ort im Mittelpunkt. Für Maria, Mia, Michal und Julia ist die Galerie Seepferdchen ein Ort des Austausches und Abwechslung zum Alltag geworden. „In der Galerie finde ich den Ausgleich zum Beruf, zum Mama sein, zu allem anderen. Hier kann ich so leben, wie ich will.“ Maria zeigt auf den Schriftzug an der Außenwand der Alten Mu: „Wie will ich leben? Diese Frage trifft genau auf mich zu.“

„Es ergab sich eins nach dem anderem.“

Die Galerie Seepferdchen feiert im April Jubiläum. In ihren fünf Jahren Bestehen hat sie einige Umzüge und Wechsel im Team erlebt. Angefangen durch eine zufällige Begegnung beim Einkaufen, hat sie sich zu einem Veranstaltungsort mit Wohnzimmer-Wohlfühl-Atmosphäre entwickelt. „Ich habe damals eine Bekannte zufällig im Schlemmermarkt getroffen“, erinnert sich Maria, „sie hat mich gefragt, ob ich nicht einen Laden als Zwischennutzungsprojekt in der Lessinghalle aufmachen will.“ Ohne genauen Plan und unterstützende Leute an der Hand, sagte Maria direkt zu. Sie gewann drei Freunde für die Idee und gemeinsam teilten sie sich die 30€ Miete pro Monat. Nachdem die Zwischennutzung nach zwei Jahren beendet wurde, eröffnete das Team ein Ladenlokal am Hasseldieksdammer Weg. „Das hat uns am wenigstens gefallen, weil der Austausch mit anderen Projekten fehlte. Uns war klar: da muss noch was kommen.“

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„Wir wollen einen Treffpunkt schaffen, einfach ein Wohnzimmer zum Vorbeikommen.“

Über die Mädels vom Glückslokal haben sie von der Alten Mu erfahren. „Wir haben nun viel mehr Platz“, Maria erzählt begeistert von dem neuen Standort, an dem die Galerie Seepferdchen seit September 2015 zu finden ist. „Kieler Honig ist für uns sogar umgezogen, damit wir hier einen sichtbaren Raum bekommen.“ Die Leute aus den anderen Projekten haben beim Aufbau der Galerie tatkräftig mitgeholfen. Innerhalb weniger Tage wurden Stühle, Sofas und Teppiche vorbei gebracht und Lampen montiert. Nun sitzen wir bei Kerzenlicht in den gemütlichen Sesseln und vergessen ein bisschen die Zeit um uns herum. Über den Sofas hängen Fotografien, die Julia gemacht hat. Obwohl sie beruflich eingespannt ist, übernimmt sie die Samstags-Schichten. Während die drei erzählen, gehen Leute winkend am Fenster vorbei.

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„Ich habe Tüdel-Kram im Kopf.“

Maria hat im Grundschullehramtsstudium das Fach Textillehre studiert und angefangen zu nähen und filzen. „Ich bin regelrecht zur Tüdel-Tante geworden.“ Außerdem fertigt sie aus alten und gefundenen Gegenstände neue Dinge. „Ich gehe viel auf Flohmärkte und rase direkt zu Sperrmüllhaufen.“ Die Gegenstände werden dann beklebt, lackiert oder mit Spitze versehen. „Meistens werden sie türkis und blau“, wirft Mia grinsend ein, „das sind Marias Lieblingsfarben“.

„Ich kenne die Alte Mu schon von Anfang an.“ Mia erzählt ihre Geschichte zur Galerie Seepferdchen: „Ich war immer irgendwie mit dabei, aber hatte nie ein eigenes Projekt.“ Anfang des Jahres ist sie dann in die Galerie eingestiegen. „Hier steckt total viel Potential drin, das mich motiviert, mitzumachen.“

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„Mia ist dazu gekommen und ist so eine Tüdel-Tante wie ich, die immer wieder neue Sachen zum Selbermachen sieht“, ergänzt Maria strahlend. Mia holt einen Karton mit selbstgemachten Stempeln hervor. „Die fertige ich aus Haselnussästen und beklebe ich dann mit Linoleum.“

Triangel – Der Musikabend im Seepferdchen

Der Musikwissenschaftsstudent Michal ist der vierte im Bunde. Als Maria dringend Verstärkung suchte, schob Michal prompt die Arbeitstage seines Nebenjobs in der Apotheke und übernahm Schichten in der Galerie. „Es war nur für einen Monat“, erinnert sich Michal, „aber dann habe ich Blut geleckt“. Die Rumpelkammer neben der Galerie fand er zu Schade, um ihn brach liegen zu lassen. „Ich hatte schon länger die Idee, Konzerte zu organisieren, weil ich viel mit Musik mache und in meinem Beruf zukünftig Bands buchen werde.“ Kurzerhand wurde der erste Konzertabend geplant. „Zwei Tage vorher haben wir die Bühne gebaut und sie den Abend vorher noch lasiert.“ Mia beschreibt, wie aus der spontanen Idee die Konzertreihe Triangel wurde. „Wir wollten als Laden ein Zeichen setzen, als die Zukunft der Alten Mu unsicher war.“

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„Wir wollen Leben in die Galerie bekommen.“

Aus der Rumpelkammer ist ein gemütlicher Raum mit Wohnzimmer-Atmosphäre geworden. An den dunklen Wänden hängen schwarz-weiß Fotografien und Stühle stehen grüppchenweise um kleine Tische. Hier finden nun auch Spieleabende, Sprachkurse und Michals offene Gitarrenstunden statt. Am 20. März gibt es die erste Lesung. Michal hat schon weitere Ideen, die aber noch nicht verraten werden.

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„Wer eine Idee hat, kann einfach zu uns kommen.“

Mia macht deutlich, wie die Organisation der Veranstaltungen funktioniert: „Freitagabends finden offene Kreativtreffen statt.“ Egal ob Kuchen backen oder bei den Konzerten Fotos knipsen, jeder der Lust hast sich einzubringen, ist willkommen. „Wir gucken nicht, was wir brauchen, sondern was für Leute da sind und was ihre Talente sind“, stellt Michal klar, „das ist auch der Grundgedanke des Alte Mu Impuls-Werks.“

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„Unser großes Problem ist, dass wir außerhalb der Alten Mu nicht zu sehen sind.“

Während der Perlentaucher Flohmärkte und Öffnungszeiten des Glückslokals ist in der Galerie deutlich mehr los. Viele Kunden kommen vorbei, weil sie die Alte Mu als kreativen Ort kennen. Die drei sind sich einig, dass etwas mehr Kunden dem Laden gut tun würden, damit die Leute, die hier Fächer mieten, auch etwas verkaufen. Trotzdem ist Maria zufrieden: „Für mich ist es ideal, wie es gerade ist. Wären wir ein Laden mit Dauerkundschaft, würde ich dem Druck nicht standhalten. Ich könnte nicht ständig produzieren und finde die drei Stundenschicht am Nachmittag ideal, um hier herum zu tüdeln oder mal was für die Schule zu korrigieren.“

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„Mein Traum ist es, etwas zu schaffen, dass immer in Bewegung bleibt.“

Wenn mal weniger los ist, wird die Zeit nicht nur zum Basteln, sondern auch zum Austausch mit anderen Projekten genutzt. Sich untereinander zu vernetzten ist ein wichtiger Bestandteil der Alten Mu. „Wenn ich den Einsatz der Leute sehe, kann ich manchmal gar nicht glauben, was hier entstanden ist.“ Man sieht Maria ihre Begeisterung an, wenn sie mit funkelnden Augen von der Entwicklung der Galerie spricht. „Von so ‘was habe ich immer geträumt. Wenn wir abends die Sofas raustragen und bis in die Puppen an der Feuertonne sitzen und uns den Frühling hier ausmalen – das ist für mich das perfekte Leben.“

Fotos von Anna-Lena Cordts

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.