Ein gutes Rezept: Integration und gesunde Gerichte in einem Topf

Integration von geflüchteten Frauen und gesunde, kindgerechte Küche – das klingt nach zwei recht unterschiedlichen paar Schuhen. Doch Sabine und Annette zeigen, dass diese Kombi sehr gut funktioniert. Sie haben das Social Business und den Verein “Besser Essen verbindet” gegründet. Ihr Ziel ist geflüchteten Frauen in Schul- und Kitaküchen in Nordrhein-Westfalen eine erste Arbeitsmöglichkeit und den Schulkindern eine ausgewogene und gesunde Küche zu bieten.

Vom Kopftopf zum Social Business – das war für mich eine ganz neue Welt

Mit Sabine und Annette haben sich zwei Powerfrauen gefunden, die Dinge anpacken und sich bei ihrem Social Business perfekt ergänzen. Sabine bringt die Leidenschaft fürs Kochen und das Wissen und jahrelange Erfahrung mit Schulküchen mit. Sie ist Ernährungsexpertin und arbeitet seit einigen Jahren in der Küche einer Grundschule. Am Herd zu stehen, ist mit ihrem Hintergrund eher ungewöhnlich, hat jedoch einen riesigen Vorteil. „Ich weiß genau, wie gesunde Küche für Kinder aussehen soll“, sagt Sabine Ihre Arbeit ist zu ihrer großen Leidenschaft geworden. „Für mich ist das der tollste Job der Welt“, erzählt sie begeistert. Für die Kinder ist sie weitaus mehr als nur Köchin. „Die Kinder kommen auch in den Pausen zu mir, wenn sie beispielsweise Kummer haben”, berichtet sie liebevoll.

Sie bekommt viel Anerkennung für ihre Arbeit, dennoch ist ihr Job nicht gut bezahlt und jährlich befristet. „Ich habe es immer für die Kinder gemacht”, sagt sie bestimmt. Auf die Idee, selbst etwas zu gründen, um „mit dem, was ich gerne mache, auch genug zum Leben zu verdienen“, wie sie selbst sagt, wäre sie dennoch nicht gekommen. Das änderte sich als sie letzten Sommer Annette kennenlernte.

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Es ist eine Herausforderung, doch wir schaffen das”

Die beiden kamen bei einem Küchenbesuch von Annette ins Gespräch. Ich war begeistert von ihrer Küche und wollte, dass ihr Konzept auch in anderen Schulen und Kitas gelebt wird“, erzählt Annette überzeugt. Sie ist der „kaufmännisch-strategische Kopf“ der beiden, wie sie selbst sagt. Seit acht Jahren war sie in einem Großkonzern tätig und hat immer eine Leidenschaft gesucht „mit der ich meine Freizeit sinnvoll gestalte“. Das Thema Gründung und Businesspläne hat sie bereits länger interessiert. „Als ich dann von dem Konzept Social Business erfahren habe, wusste ich: das ist das richtige für mich. Hier kann ich Sinnvolles mit Wirtschaftlichem verbinden“. Zudem reizte es sie, „selbst etwas ausprobieren und eigenständig geschäftliche Entscheidungen treffen zu können.“

Franz Haniel & Cie. GmbH - Interview Social Impact Lab Duisburg - am Montag, den 13. Juni 2016

Mit dem Thema Kochen hat sie ansonsten nur privat zu tun. „Ich habe kleine Nichten und Neffen und weiß wie herausfordernd es ist, gesunde und ausgewogenes Essen auf den Tisch zu bringen, dass ihnen auch „richtig gut schmeckt,“ ergänzt sie.

Aus diesem zufälligen Treffen entstand die Idee gemeinsam etwas zu gründen. Die beiden erarbeiteten das konkrete Konzept von „Besser Essen verbindet” und reichten es bei verschiedenen Wettbewerben ein. “Es war großartig zu sehen, dass unsere Idee so positiv aufgenommen wurde”, erzählt Sabine strahlend. Sie wurden bei der Umsetzung ihres Projekts beispielsweise von yooweedoo  und Ankommer gefördert.

 

Kindgerecht und gesund

Viele Leute sind mit der Essensqualität in Schulküchen unzufrieden”, erzählt Sabine. Da ihre Schulküche bereits mehrmals zertifiziert ist, kam “öfter die Nachfrage, wie ich das mache”, erinnert sich die Köchin. Aus diesem Grund haben sich Sabine und Annette ein Social Franchising Modell überlegt. Sie stellen kooperierenden Schulen und Kitas in NRW ein Gesamtpaket aus abwechslungsreichen Speiseplänen, Kooperationspartnerschaften mit Biolieferanten und Beratung zur Umsetzung des Konzepts zur Verfügung. „Uns ist wichtig, das Konzept individuell an die Bedürfnisse und Gegebenheiten jeder Küche anzupassen und mit der Schule oder KiTa gemeinsam auszuarbeiten”, informiert Annette.

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Sabine weiß genau, worauf sie bei der Zubereitung der Speisen achten muss. „Das Wichtigste für mich ist, dass die Speisen kindgerecht und gesund sind“. Damit es aber den Kindern auch schmeckt müssen die Speisen gut aussehen und lecker schmecken“, sagt sie erfahren.

Anfangs muss man oft eine Hürde überwinden und Überzeugungsarbeit leisten, damit die Kinder ein neues Gericht probieren. Doch wenn es dem ersten Kind an der Theke schmeckt, dann essen es alle anderen auch gerne“.

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Wir haben gemeinsam gelacht und geweint”

Zusätzlich will das Team von „Besser Essen Verbindet” die Integration von geflüchteten Frauen in Küchen fördern. Sabine bringt auch in diesem Bereich schon viele Erfahrungen mit.

Viele Frauen haben Schlimmes erlebt und sind traumatisiert”, weiß Sabine.

Sie versucht, ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen sowie eine Möglichkeit zu bieten, in Schul- und Kitaküchen einen neuen Alltag zu bekommen und für ein paar Stunden ihr Elend zu vergessen”.

Sie strahlt wenn sie davon erzählt „wie die Frauen hier aufblühen und Wertschätzung erleben.”

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In der Küche lernen die geflüchteten Frauen Deutschland in ungezwungener Atmosphäre kennen und können sich und ihr Wissen wertvoll einbringen. Von diesem kulturellen Austausch profitieren beide Seiten. „Wir haben begonnen ihre Gewürze und Gerichte einzubeziehen”, erzählt Sabine. Die Tätigkeiten in der Küche sind für viele Geflüchtete sehr vertraut, fehlende Ausbildung und geringe Deutschkenntnisse sind daher kein Problem”, erklärt Annette. Um Deutsch zu üben, stellt Sabine die Frauen auch gerne an die Essensausgabe. Sie freuen sich immer sehr, mit den Kindern in Kontakt zu kommen“. Es bereitet ihr zudem eine große Freude zu sehen „dass die Kinder so offen sind und die Frauen unvoreingenommen akzeptieren und integrieren”.

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Die geflüchteten Frauen können rechtlich zwölf Monate drei bis vier Stunden täglich arbeiten, sobald sie mehr als drei Monate in Deutschland sind. Es gilt als Arbeitseinstieg und dient als erster Anhaltspunkt. Anschließend können sie bei einem Partner von „Besser Essen Verbindet“ ein Gastronomie- und Hotellerietraining machen mit abschließendem Zertifikat und Arbeitszeugnis.

„Besser Essen verbindet“ beweist, dass der Schritt vom Kochtopf zum Social Business weniger weit ist, als oftmals angenommen. Sabine und Annette haben mit Können, Kreativität, Mut und Leidenschaft und innovatives Modell entwickelt, dass gleich zwei wichtige, aktuelle Themen in Angriff nimmt. Wir hoffen auf viele genauso mutige, offene und engagierte Schul- und Kitaküchen!

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Fotos von Bettina Engel-Albustin

Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.