Ein Kreislauf aus Fischzucht und Gemüseanbau

Der Tourismus in Indonesien boomt. Mehrere Millionen Touristen kommen jährlich in den Inselstaat, um die malerischen Strände zu genießen. Nur wenige von ihnen reisen ins Inland und sehen, wie es den Menschen dort geht. Henry wollte mehr als nur eine Urlaubserfahrung machen. Nach dem Abitur reiste er ins ländliche Indonesien, um ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem SOS Kinderdorf zu absolvieren. Dort wurde er mit Problemen wie Armut und Unterernährung konfrontiert. Lange Trockenperioden machen ertragreiche Landwirtschaft fast unmöglich. Zurück in Deutschland ließ ihn der Wunsch, etwas dagegen tun zu wollen, nicht los. In Kooperation mit der weltweiten gemeinnützigen Studierendenorganisation Enactus und Aquaponics Deutschland e.V. gründete Henry 2015 das Projekt „Effishent Indonesia”.

„Wir wollen Fischzucht und Pflanzenanbau kombinieren.”

Mittlerweile umfasst Effishent ein 20-köpfiges Team von Studierenden in Mannheim. Gemeinsam bauen sie in ausgewählten Regionen Aquaponics Systeme auf, die die lokale Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Aquaponics ist ein Verfahren, das Fischzucht mit Gemüseanbau kombiniert. Durch diese Symbiose entsteht ein stabiler Wasser- und Nährstoffkreislauf, der ohne den Zusatz von Pestiziden auskommt. Im Kreislauf wird das mit Fischkot verschmutzte Wasser auf Gemüsebeete gepumpt. Dort wird der Fischkot von Bakterien und Würmern umgesetzt und dient den angebauten Pflanzen als natürliche Nährstoffversorgung und Düngemittel. Die Pflanzen wiederum filtern das verschmutzte Fischwasser, das anschließend in den Fischtank zurückgepumpt wird und den Kreislauf schließt. Das Verfahren ist wassersparend und wird durch eine Solareinheit betrieben.

„Die Nachahmung hat uns alle sehr positiv überrascht.”

Seit 2016 steht der erste Prototyp in Indonesien. „Durch das System kann die Community sich selbst ernähren und überschüssigen Fisch am Markt verkaufen”, erklärt Katharina das Konzept. „Die Bewohner zahlen einen Anteil für die Anlage und werden Eigentümer”, fügt die Psychologiestudentin hinzu, „der Betrag ist geringer als der, den sie aktuell für Nahrungsmittel ausgeben müssten”. Sobald das System abbezahlt ist, bleibt nur ein geringer Betrag, um die laufenden Kosten für die Anlage zu decken und den sogenannten Aquaproneur, also die Person vor Ort, die das nötige Knowhow erworben hat, zu bezahlen.

Mittlerweile hat die Anlage im Dorf begeisterte Nachahmer gefunden. „Viele Privatpersonen haben die Anlage nachgebaut”, erzählt Katharina enthusiastisch, „sie sind immer wieder zu unserer Kontaktperson gekommen und haben Dinge nachgefragt”. 51 Anlagen befinden sich nun im Umkreis des Dorfes. Tipps geben sich die Betreiber gegenseitig in einer Facebook Gruppe.

Der Prototyp, den das Projekt zusammen mit Aquaponics e.V. entwickelt hat, ist einmalig, da er ohne komplizierte Technik auskommt. „Wir haben eine Anlage mit günstigen und leicht beschaffbaren Materialien entwickelt.” Die Kosten von rund 3.500 € für die Entwicklung der Prototypen hat das Team über Spenden, Crowdfunding, Ideenwettbewerbe wie yooweedoo sowie die Unterstützung von lokalen Partnern gedeckt.

Mich motiviert, dass sich die Idee ausweitet und nicht nur wenige Leute davon profitieren.”

Katharina arbeitet in der Wissenstransfer Gruppe von Effishent. „Wir haben zwei Bücher, die die Technik erklären”, sagt sie „die sind schon ganz abgenutzt, weil jedes Teammitglied sie gelesen hat”. Weiteres Wissen hat die Gruppe durch die tatkräftige Unterstützung von Aquaponics e.V. vermittelt bekommen. „Wir haben ein Schulungskonzept und ein Handbuch entwickelt, um das Wissen über das Aquaponics System weiterzugeben”, erzählt die Studentin „und um Sprachbarrieren zu verringern”. In Zusammenarbeit mit sozialen Partnern vor Ort wählt Effishent eine Person im Dorf aus, die das nötige Knowhow für die Instandhaltung der Anlage vermittelt bekommt.

„Aktuell erreichen uns Anfragen anderer Länder, die gerne Anlagen aufbauen wollen.“

Seit dem Frühjahr 2017 gibt es weitere Aquaponics Systeme des Projekts in Togo und Uganda. Im Sommer reist das Team nach Togo, um die bestehende Anlage um ein zweites Stockwerk zu ergänzen.

„Die Kommunikation über WhatsApp nach Indonesien klappt sehr gut”, sagt Katharina, „aber in Togo und Uganda kommt es oft zu Stromausfällen”. Deshalb hat sich das Team kurze Codes ausgedacht, um Wasserstände und Tipps schnell per SMS auszutauschen zu können.

„Die neue Anlage in Indonesien kann 60 Personen ernähren.”

„Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir mit einer Person im Zielland zusammenarbeiten, die das Wissen hat und zusammen mit den lokalen Partnern in die Dörfer fährt und das Knowhow ganz unabhängig weitergeben kann.” Diesen Herbst reist Katharina das erste Mal selbst nach Indonesien, um beim Aufbau der neuen Anlage mitzuhelfen. „Wir haben vorab eine Liste mit Dingen, die wir für den Bau brauchen, an unseren lokalen Partner geschickt”, sagt Katharina, „denn manche Dinge sind in einem Inselstaat schwierig zu besorgen”.

Fotos von Effishent

Teresa Inclan

Teresa Inclan

Im Oktober 2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.