Ein Laden der lebt: Unverpackt

Wenn es um 16 Uhr wieder dunkel wird, obwohl der graue Tag noch gar nicht zu begonnen haben scheint, Lichterdekorationen die Schaufenster schmücken und Menschen mit großen Einkaufstaschen aus Richtung Innenstadt kommen, dann ist es Vorweihnachtszeit in Kiel. Die Zeit, in der so oft Hektik ausbricht, obwohl sie für Besinnung und Entschleunigung steht.

Die Zeit, in der der Konsum rasant ansteigt, obwohl es Zeit ist, einen Schritt zurück zu treten und Gewohnheiten kritisch zu hinterfragen. Direkt vor der Haustür gibt es eine Möglichkeit, Einkaufsgewohnheiten nicht nur zu hinterfragen, sondern zu ändern: Der “Unverpackt” bietet eine ökologische Alternative zu Verpackungswahn und Einkaufsstress.

„Den Alltag Schritt für Schritt umstellen“

Einen nachhaltigeren Lebensstil in den Alltag integrieren, das hat sich Marie Delaperrière zur Aufgabe gemacht. Als die ehemalige Projektmanagerin „Zero Waste Home“ las, das Buch von Bea Johnson, die mit ihrer Familie ein Leben ohne Produktion von Müll führt, entstand die Geschäftsidee: ein Laden ohne Verpackungen, eben Unverpackt.

Der Laden von außen beleuchtet

Die Philosophie: Einwegverpackung vermeiden, Lebensmittelverschwendung reduzieren und den Konsum entschleunigen. „Bei der Umstellung des Lebensstils darf man nicht wie bei einer Diät alles von jetzt auf gleich erzwingen“, rät Marie, „das baut viel Frust auf und nach ein paar Tagen macht man dann genau das Gegenteil.“ Ihr Tipp: Alltagsgewohnheiten hinterfragen und Schritt für Schritt umstellen: „Jede Sache, für die ich eine Alternative gefunden habe, ist ein kleiner Erfolg.“

Deutschlands erster Laden ohne Verpackungen

„Ich habe recherchiert und herausgefunden, dass es Läden ohne Einwegverpackungen bereits in Frankreich und den USA gibt“, erinnert sich Marie. „Ich dachte zunächst, dass sei in Deutschland verboten.“ Verboten war es nicht, nur noch nicht da. „Ich habe einen Business Plan geschrieben und bin damit zum Gesundheitsamt gegangen.“ Marie erzählt mit einer solchen Lockerheit, dass die Arbeitsschritte gar nicht nach Arbeit klingen. „Das Gesundheitsamt hatte nichts zu beanstanden, solange es sich um lang haltbare Produkte und Trockenware handle.“

Interview

Einkaufen in bedarfsgerechten Mengen

„Anfangs gab es viele neugierige Leute, die in den Laden kamen“, berichtet Marie, „daraus hat sich schnell eine Stammkundschaft entwickelt. Ute kommt zum Beispiel einmal pro Woche und macht einen Großeinkauf.“ Aus dem Hinteren des Ladens ertönt ein Lachen. Das war wohl Ute. Man kennt sich.

Neben Ute kommen während des Interviews weitere Kunden herein. Wir erkennen jemanden von der “Wat nu” Redaktion wieder, dann ist da noch eine kleine Familie und eine junge Frau, die das erste Mal da ist und gleich zur Kasse geht, um sich das Vorgehen erklären zu lassen. Beim Rausgehen ruft sie begeistert, wie gut ihr der Laden gefalle. „In den Laden kommen alle!“, strahlt die Besitzerin, „Senioren kaufen bedarfsgerechte Mengen, Kinder kommen wegen der Naschi.“

Behältnisse gefüllt mit Süßigkeiten

Orientieren, Wiegen, Befüllen

Ohne Verpackungen einkaufen, das heißt für den Kunden erst einmal orientieren. Nach Inhalten sortiert, reihen sich hohe, runde Behälter nebeneinander. Zur linken verschiedene Getreidesorten und Hülsenfrüchte, dann Mehl und Müsli, zur rechten Nüsse und Süßwaren.

Behältnisse mit Nüssen

Wenn die Produkte verortet sind, geht’s ans Abschätzen der Verhältnisse. „Im Supermarkt nimmt der Kunde eine Packung und weiß oft nicht, wie viel Gramm darin stecken“, erklärt Marie. Hier sind die Preise in Kilo oder Gramm angeben, für Gewürze in 10 Gramm. „Das ist für den Kunden zu Beginn nicht aussagekräftig. Viele nehmen den Kassenbon mit und rechnen zu Hause in Ruhe nach“, lächelt Marie und schiebt hinterher: „und kommen wieder!“ Denn das ein kleiner Laden teuer sein muss, stellt sich schnell als falsche Assoziation heraus. „Der Preis für die Produkte im Unverpackt ist der derselbe oder sogar günstiger als für Produkte mit vergleichbarer Qualität.“

Interview mit Marie

Lebkuchengewürz, Honig und Mandeln: der Unverpackt bietet alles für den winterlichen Gewürzkuchen

Wir versuchen uns selbst im Abschätzen der Verhältnisse und nehmen unseren Besuch im Unverpackt zum Anlass, unsere Weihnachtsstimmung durch gemeinschaftliches Backen zu beflügeln. Rezept für den Gewürzkuchen auspacken, mitgebrachte Behältnisse abwiegen und los geht’s: Zutaten suchen, Öffnung der Rohre runterdrücken und das Gewicht abschätzen. Das klappt bei mir nicht gleich auf Anhieb. Ich laufe zwischen Kontrollwaage und Regalen hin und her, um die Füllmengen abzuwiegen und die Zutaten nachzufüllen.  

Teresa füllt Mandeln ab

Der Geruch von http://dailycialisuse.com/ Weinachten verbreitet sich, als wir das Lebkuchengewürz abfüllen. Wir sind erstaunt, dass wir alle Zutaten finden: von Backpulver, über Mandelstifte bis hin zum Honig. Nur die Butter im Glas ist schon aus. „Die Erweiterung des Sortiments kommt von den Kunden selber“, erklärt Marie, „sie sprechen uns gezielt an oder hinterlassen ihre Wünsche in der Ideen Box.“ Neu sind deshalb die Kerzen ohne Aluschale, Kokosfett ohne Palmöl und Erdnussöl. „Die allergrößten Bestseller sind Eier, Trockenfrüchte, Müsli und Nüsse.“

Teresa sucht das Lebkuchengewürz

Für ein paar Dinge im Unverpackt braucht es dann doch Routine: Ich merke, dass flache Tupperdosen sich nicht so gut eignen, um den gemahlenen Kaffee aus der Mühle aufzufangen. Zu Hause stellen wir beim Backen fest, dass die hellen Flaschen ohne Beschriftung Buttermilch statt Vollmilch beinhalten. Dem Kuchen tut das zum Glück keinen Abbruch.

Irina öffnet Kühlschrank

„Ich habe noch viele Ideen, aber nur zwei Hände und zwei Füße!“

Kurz vor dem Gehen fällt mein Blick auf das Schild am Eingang: Donnerstag gibt‘s Mousse au Chocolat, selbstgemacht nach französischem Geheimrezept. Wir ergattern das letzte Glas. Während wir den zartschmelzenden Schokoschaum langsam im Mund zergehen lassen, erzählt uns Marie von ihren Zukunftsplänen: Zwischen Weihnachten und Neujahr wird der Laden umgebaut. „Ich möchte das Café gleich an den Eingang bauen, draußen eine Terrasse gestalten, das Sortiment um Küchenutensilien erweitern und einen Mittagstisch einführen.“ Dazu wird noch ein Koch gesucht, der Lust hat sich auszuprobieren. „Ich möchte einen Laden der lebt!“. Lokale Produzenten stellen sich vor und Vorträge werden organisiert. „Außerdem gründe ich einen Verein: Zero Waste Kiel!“, erzählt Marie stolz. Das hat zwar nicht direkt mit dem Laden zu tun, aber wenn ein nachhaltiger Lebensstil durch und durch gelebt wird, dann verschwimmen Job, Engagement und Privates eben.

Marie vor Gemüse

Fotos von Anne Krischker und Anna Lena Kolze.

 

 

 

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.