Einfach regional einkaufen

Markschwärmer Kiel bricht mit dem anonymen und unverbindlichen Einkaufen im Netz, indem es zwei Trends verbindet: Der Wunsch, Produkte bequem online zu bestellen und die gleichzeitige Nachfrage nach Regionalität und persönlichem Kontakt.

Wer sich online im Netzwerk registriert, kann aus einem ausgewählten Angebot regionaler Produkte bestellen und diese donnerstagabends im Café Mmhio in Kiel abholen. Dort warten die Erzeuger mit abgepackten Paketen auf Ihre Kunden. Wenn um 17:30 Uhr die Türen zum Hinterraum geöffnet werden, wird es laut und trubelig im Café. Denn das Zusammentreffen zwischen Anbietern und Kunden lässt eine neue Gesprächssituation entstehen. Wenn nicht mehr über Preis und Menge gesprochen werden muss, ist Zeit für Frischetipps, persönliches Kennenlernen und Kostproben. Denn die Erzeuger bieten neben den vorbestellten Waren Probierportionen weiterer Lebensmittel an, die am nächsten Donnerstag vielleicht im Einkaufskorb landen.

„Ich finde regionale Landwirtschaft spannend, aber gleichzeitig unflexibel, wenn man es nicht schafft, regelmäßig zum Wochenmarkt zu gehen“

Das Konzept hinter der Idee des zeitgemäßen Einkaufens heißt Food Assembly und hat seinen Ursprung in Frankreich. In Deutschland wurde das Konzept kürzlich in Marktschwärmer umbenannt. Mittlerweile gibt es bundesweit 30 bis 40 solcher lokalen Lebensmittelpunkte, seit Januar auch in Kiel. „In Kiel gibt es so viele tolle Projekte. Marktschwärmer ist meine Chance, selbst eins zu machen“, sagt die Organisatorin Nele euphorisch. Zufällig hat sie in einem Gärtnermagazin von dem Food Assembly Netzwerk, das in Deutschland Marktschwärmer heißt, gelesen. Prompt schickte sie eine Bewerbung an das Deutschlandbüro in Berlin. Ein fünfköpfige Team dort prüft, ob Zeitbudget und Erwartungen der BewerberInnen zum Konzept passen. Nele bekam eine Zusage. Ein halbes Jahr dauerte es, um die ersten Erzeuger zusammen zu bekommen. „Ich habe auf den Wochenmärkten geschaut, wer aus der Region kommt und sympathisch wirkt.“ 15 Anbieter sind nun bei Marktschwärmer Kiel dabei.

„Die Produzenten können genau einplanen, was geerntet oder welches Brot gebacken werden muss“

Das Marktschwärmer Konzept schafft eine Win-win-Situation für Höfe, Verbraucher und Organisatoren. „Wenn es auf dem Wochenmarkt in Strömen regnet und niemand kommt, haben die Verkäufer trotzdem Kosten“, erklärt Nele den Vorteil des Konzepts. Bei Marktschwärmer entstehen keine Standgebühren oder Kosten für Zwischenhändler. Der Produzent gibt 16,7% des tatsächlichen Umsatzes ab. Davon gehen 50% an das Netzwerkbüro in Berlin und 50% an die Organisation vor Ort. „Für mich bleibt am Ende mehr übrig, als wenn ich meine Ware an einen Großhändler weiterverkaufe“, sagt Biolandgärtner Jochen. Er hat noch kein Lager und kann bei Marktschwärmer Kiel seine Produkte direkt anbieten. Außerdem wird versucht, kleine Höfe zu schützen, indem diese Mindestbestellwerte eingeben können. „Ich kommuniziere das auch so, dass die Kunden nicht enttäuscht sein sollen, wenn ein Anbieter nicht jede Woche kommt“, sagt Nele. Denn Lebensmittel wie Wein und Marmelade werden weniger nachgefragt als Kartoffeln und Milchprodukte. Die hohe Nachfrage überrascht selbst altansässige Betriebe. „Ich habe bei der ersten Veranstaltung mit 20-30 Bestellungen gerechnet“, sagt Anke vom Passader Backhaus, „wir hatten 69“.

Schaut man sich in an einem Donnerstagabend bei Marktschwärmer Kiel um, entdeckt man überraschend wenig Leute mittleren Alters. Viele junge Menschen sind unter den Kunden, obwohl man vermuten würde, dass gerade Studierende nicht den passenden Geldbeutel für das Konzept mitbringen. Eine junge Frau mit Dreadlocks erklärt, warum sie Mitglied geworden ist: „Durch Marktschwärmer Kiel kaufe ich nichts, was ich nicht brauche!“ Denn durch die Vorabbestellung der Lebensmittel lässt sich nicht mehr in letzter Minute entscheiden, was eingekauft wird. Genau das scheint bei den Kunden anzukommen, trotz oder gerade wegen der Schnelllebigkeit und ständigen Verfügbarkeit von Waren in der heutigen Zeit.

Nach dem Presserummel zur Eröffnungsveranstaltung sind deutlich mehr ältere Kunden dazu gekommen. Auch die Höfe profitieren von der medialen Sichtbarkeit.

„Ich habe anfangs mit 30 Anmeldungen gerechnet – es haben sich 800 Leute registriert“

Nele hat gerade ihren Bachelor in Ernährungswissenschaften abgeschlossen und fängt nun einen Master in Agrarwissenschaften an. Marktschwärmer ist ein Konzept, dass sich neben dem Studium umsetzen lässt. Das Netzwerk stellt eine Internetseite und Marketing bereit, die Organisatorin kümmert sich um den Kontakt zu den regionalen Erzeugern, erstellt wöchentliche Rundbriefe und ist natürlich bei der Verteilung vor Ort. Für die Studentin entsteht dabei kein finanzielles Risiko. „Ich lerne so viel dabei“, sagt Nele, „es gibt so viele Sachen, an die sich selbst nie gedacht hätte.“

Neugierige können sich einfach auf der Homepage von Marktschwärmer Kiel registrieren und von donnerstags bis dienstags Produkte bestellen. 800 Leute haben sich registriert, etwa 200 von ihnen haben bereits Lebensmittel bestellt. Diesen Schnitt will die Organisatorin verbessern: „Es wäre schön, wenn Marktschwärmer Kiel für viele zur Gewohnheit wird“. Für einige ist sie das schon. Stammkunden bestellen für einen relativ hohen Warenwert von 30 bis 40 Euro. „Ich möchte deutlicher kommunizieren, dass man auch einfach Brot und Milch bestellen kann“, sagt Nele, „dann hat man auch schon einen Beitrag geleistet, denn man kann die Welt nicht von heute auf morgen verändern.“ Einen Mindestbestellwert für Kunden gibt es nicht.

„Mein Ziel ist es, dass das Netzwerk in Schleswig-Holstein wächst“

„Ich fände das richtig cool, wenn sich Leute in anderen Städten für die Gründung eines Marktschwärmer Standpunktes finden würden.“ Nele selbst will sich aber auf Kiel konzentrierten, denn „du musst die Stadt und Leute kennen“. Denkbar wäre ein weiterer Standort am Ostufer. Doch erstmal sollen weitere Produkte im Mmhio angeboten werden. Die Organisatorin ist derzeit im Gespräch mit Bierbrauern und dem Projekt Umtüten, um bei Marktschwärmer Kiel Verpackungen einzusparen. Sobald das Wetter besser wird, stehen Verkostungen im Freien sowie Grillen im Schrevenpark mit Lebensmitteln der Marktschwärmer an.

Viel größer soll Marktschwärmer Kiel nicht werden, denn der Raum im Café ist ideal. „Viele Kunden kennen sich untereinander und trinken nach der Abholung der Lebensmittel noch einen Kaffee“, sagt Nele. Genau das will die Organisation erreichen und weist bestimmt die Anfragen nach Hauslieferungen zurück. „Ziel ist, dass man zusammenkommt und eine Wertschätzung für das Produkt entsteht, auch wenn es mal 50 Cent mehr kostet.“

Fotos von Aki Yasui

 

Teresa Inclan

Teresa Inclan

Im Oktober 2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.