Feste mit Resten

Die Rezepte im Kochbuch des Projekts Reste Feste heißen Brotpudding, Kräuterfritten oder Krümelbowl. Was ungewöhnlich klingt, ist beim genauen Lesen eine Zusammensetzung aus Zutaten, die so gewöhnlich sind, dass sie in herkömmlichen Rezepten kaum vorkommen würden. Doch die drei Kieler Geographiestudentinnen geben Zutaten wie Gemüseresten, altem Brot und Kekskrümeln eine Hauptrolle in ihrer Rezeptesammlung.

80 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger durchschnittlich pro Jahr weg; zwei Drittel davon sind vermeidbarer Lebensmittelmüll.

Mit ihrem Kochbuch wollen Sarah Beismann, Marie Baumgartner und Patrica Bauer ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen. „Uns war gar nicht klar, wie viel in Deutschland weggeschmissen wird, bis wir die Zahlen recherchiert haben“, sagt Sarah. Lebensmittelverschwendung ist den drei jungen Frauen immer wieder in ihrem eigenen Umfeld aufgefallen. „Die Packungen sind oft zu groß oder ich habe keine Lust, jeden Tag das gleiche zu essen“, gibt Sarah zu, die alleine wohnt. „In meiner WG werden Lebensmittel im Kühlschrank übersehen oder es ist nicht klar, wem was gehört“, ergänzt Marie. So bleiben die letzten Möhren aus dem Kilo-Sack, der halbvolle Becher Sahne und der Knust vom Brot im Beutel zurück.

„Wir haben darauf geachtet, dass die meisten Zutaten sowieso im Haushalt vorhanden oder gut ersetzbar sind.“

In ihrem Kochbuch zeigen die Drei auf, wie Lebensmittelreste einfach verarbeitet werden können. Einmal pro Woche machten sie eine Bestandsaufnahme im Kühlschrank und trugen ihre Reste zusammen. Freunde wurden zu den „Restefesten“ eingeladen und die übrig geblieben Zutaten verkocht. „Wir haben die Gerichte fotografiert und die Rezepte graphisch schön ausgebreitet“, sagt Patrica und ergänzt lachend: „manches hat gut geschmeckt aber sah nicht so fotogen aus“. Über das leckerste Rezept im Buch sind die Drei sich sofort einig: Die Glückskugeln aus Kuchenresten, Marmelade und Kakao.

Neben den Rezepten sind im Buch Informationen zum Thema Lebensmittelverschwendung, Tipps zur richtigen Lagerung sowie Interviews mit Expert*innen und Engagierten zu finden. „Das Kochbuch ist ein schöner Weg um zu sensibilisieren statt zu kritisieren“, sagt Patrica.

„Bei sich selbst kann man am besten anfangen etwas zu verändern.“

Mit dem Preisgeld des yooweedoo Ideenwettbewerbs hat das Team den Druck der ersten 80 Kochbücher finanziert. Für sechs Euro können die Bücher an Aktionstagen wie der Kieler Social Innovation Night erworben werden. „Wir wollen keinen Gewinn machen sondern die Leute motivieren selbst zu kochen“, sagt Sarah. „Sobald mehr Leute das Projekt kennen, möchten wir öffentliche Restefeste veranstalten, an denen die Gäste mit ihren mitgebrachten Resten gemeinsam kochen“, ergänzt Marie. Bis dahin wünschen sich die Drei, „so viele Bücher wie möglich zu verkaufen und dass die Leute zu Hause Restefeste feiern“. „Reste heißt ja nicht, dass es etwas Vergammeltes ist“, erklärt Marie, „es kann auch der Lachs oder Gorgonzola sein, den man für ein besonderes Gericht gekauft hat und etwas übrig geblieben ist“. Wenn die Resteverarbeitung nicht so schmackhaft gelingt, wie erhofft, haben die Studentinnen einen Tipp: „Käse ist ein Alleskönner, dann schmeckt es immer“.

Restefeste wirken in erster Linie auf lokaler Ebene, indem sie Ideen liefern, Lebensmittelverschwendung im eigenen Haushalt einzugrenzen. Ihr Ansatz lässt sich aber in die globale Bewegung für eine nachhaltigere Lebensweise einordnen. Gemeinsame Restefeste feiern setzt ein kleines Zeichen in unserer Konsumgesellschaft und verleiht Lebensmittelresten einen neuen Wert, insbesondere dann, wenn Gäste zum Essen eingeladen sind.

Fotos von Akihiro Yasui

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.