Frischer Wind im Gärtnershop

Saatgut-Tütchen reihen sich in Schubladen und hängen an Ausstellungswänden. Die Küchenzeile der Thinkfarm Kiel ist DJ Pult. Junge Menschen schieben sich durch die bunt beleuchteten Räume. Das Kieler Start-up Rankwerk startet mit „Seeds and Beats” den Verkauf seines ersten Produktes: Saatgut in Papiertütchen, illustriert mit coolen Bildern: Spinat vor einem tätowierten Oberarm, Schmetterlingsflügel an Zucchinikörper und Basilikum im Pfeifenkopf.

„Wir wollten nicht die klassischen grün-braun Öko-Töne.“

Rankwerk vertreibt in seinem Onlineshop das, was es zum Gärtnern in der Stadt braucht: Saatgut, Schaufeln, Kokostabletten als Pflanzengrund und die passende Bekleidung. Die Produkte sollen möglichst bio, plastikfrei und langlebig sein. „Wir wollen eine Wertigkeit transportieren und aufzeigen, was es wirklich kostet, so ein Produkt herzustellen“, erklärt Hannes, der Ideengeber des Start-ups.

„Zwischen Surfunterricht und Bierchen“

Fragt man Hannes danach, wie die Ideen zum Onlineshop entstanden ist, dann fängt die Geschichte 2013 an. Damals gründete er mit Kommilitonen das Projekt Goldeimer, das Komposttoiletten auf Festivals betreibt. Goldeimer wuchs und Hannes stand zum ersten Mal vor der Entscheidung, sich mit einem Start-up selbstständig zu machen. Er entschied sich gegen Goldeimer und für ein Masterstudium im Fach „Sustainability, Society and the Environment“, das er 2016 beendete. Es folgte ein Sommer als Surflehrer in Portugal. „Das klingt erstmal nach Paradies, aber es ist zwischendrin auch langweilig“, gibt Hannes zu. Er machte sich daran, Zukunftspläne zu schmieden. „Ein zweites Goldeimer braucht es nicht, also habe ich statt an Kompostierung an die andere Seite des Kreislaufes gedacht.“ Durch Gärtnern will Hannes das Thema Nährstoffkreisläufe in die Stadt bringen. „Urban Gardening ist eine Möglichkeit von vielen, um Nährstoffkreisläufe zu schließen und die Lebensqualität in der Stadt zu steigern.“

Bruder Lasse beendete zur gleichen Zeit sein Architektur Bachelorstudium und war von der Idee, gemeinsam etwas zu gründen, begeistert. Von Portugal und Deutschland aus schrieben die beiden einen Antrag für einen Ideenwettbewerb. Den Wettbewerb haben die Brüder nicht gewonnen, aber „alle haben uns motiviert, die Idee weiter auszuarbeiten“, sagt Hannes. Es folgte eine erfolgreiche Bewerbung für ein Gründerstipendium, das den beiden derzeit ein monatliches Einkommen auszahlt und Zeit schenkt, das Projekt weiter zu entwickeln.

Wir wollen handgefertigtes Werkzeug vom Familienbetrieb, das nicht im Baumarkt hängt.”

Die anfängliche Idee, verschiedene Urban-Gardening Produkte zu bestellen und gebündelt anzubieten, haben die Brüder schnell verworfen. „Das Zeug, das wir bestellt haben, entsprach nicht unseren Kriterien“, sagt Hannes. „Das können wir besser und mit einer anderen Grundphilosophie”. Die beiden stellten Kriterien auf und suchten nach Herstellen, die ihre Ansprüchen erfüllten, um eigene zu Produkte produzieren. Diese sollen recyclebar oder kompostierbar sein und zu sozialen und fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden.

„Wir haben mehr Glück als Verstand.“

Hannes und Lasse haben weder Buchhaltung noch Gärtnern gelernt. „Wir sind Allrounder“, sagt Hannes. „Wir haben eine Idee genommen und sie in einen neuen Kontext gebracht“. Wenn die Brüder Unterstützung brauchen, greifen sie auf ihr privates Netzwerk und die Unterstützung durch das Stipendienprogramm zurück. Nur bei der Programmierung der Homepage kamen sie nicht weiter, bis Lasses alter Schulfreund Dennis zufällig vor der Tür stand. Dennis brauchte eine Auszeit von seinem Job in einem IT-Unternehmen, der manchmal aus 60-Stunden-Wochen bestand. „Dennis wollte eine Weltreise machen“, erklärt Hannes, „aber dann hat er gemerkt, dass es ihm gar nicht um die Weltreise ging”. Sondern darum, seine Zeit mehr zu genießen und etwas Anderes zu arbeiten. Der Computerspezialist kümmert sich nun um den Onlineshop und das Marketing.

„Wir sind sehr dickköpfig und stur.“

Wenn zwei Brüder miteinander arbeiten, kann es schon Mal krachen. „Wir haben gelernt uns zu einigen”, sagt Hannes, „wir gehen aufeinander zu und legen unsere Sturheit ab“. An Ideen zur Weiterentwicklung von Rankwerk fehlt es den Gründern nicht. „Du musst gucken, dass es realistisch bleibt”, sagt Hannes. In Zukunft soll es einen Informationsblog geben sowie Gärtnerworkshops für Einsteiger. „Wir wollen zu den Leuten nach Hause kommen wie bei Tupperpartys”, sagt Hannes. Gemeinsames Gärtnern im Freien statt Verkaufspartys von Kunststoffprodukten in Wohnzimmern – Rankwerk zeigt, wie ein ökologisch verträglicher Lebensstil in den eigenen vier Wänden beginnen kann.

Fotos von Anne Krischker

Teresa Inclan

Teresa Inclan

Im Oktober 2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.