Grandhotel Cosmopolis. Menschen verändern sich an diesem Ort.

Ramona Gastl ist Fotografin, Geschichtenerzählerin und Dokumentarfilmerin. Sie hat das Grandhotel Cosmopolis in Augsburg über drei Jahre hinweg begleitet. Das Grandhotel Cosmopolis ist Café-Bar, Hotel, Künstleratelier, und Flüchtlingsunterkunft. Ein Ort, der anregt zu fragen, wie wir unser Leben gestalten wollen.

(ER)LEBEN. „Das Grandhotel an und für sich ist ein offensichtliches Gemeinschaftsprojekt.“

Im Februar 2013 hat Ramona das Grandhotel Cosmopolis zum ersten Mal besucht, pünktlich zum Startschuss. Das ehemalige Altenheim stand leer als das Projekt Grandhotel startete. „Totales Chaos, lieblos hinterlassen“, bis dann haben verschiedene Leute angepackt wo sie konnten: Wände wurden herausgerissen und gestrichen, die gesamte Elektrik wurde von einem Herzchirurgen neu verlegt. „Kunst am Bau“, wird hier gelebt. Es entstand ein “Plan für eine Utopie”, schreibt die FAZ in einer Reportage – eine Utopie, die als Souvenir Optimismus anbietet. 

Das Grandhotel präsentiert eine Gemeinschaftswelt: zusammen arbeiten, essen, musizieren, Projekte aufziehen, das Leben leben. Die Regierung nennt das Haus „Gemeinschaftsunterkunft Springergässchen 5“, die MitarbeiterInnen sprechen und schreiben von einer „Soziale Plastik“ nach der Kunsttheorie Joseph Beuys. Jedes Zimmer ist von Künstlerinnen individuell gestaltet, und bewusst karg möbliert, das gilt für Hotelzimmer wie Flüchtlingsräume.

Bekannter wurde der Ort unter AugsburgerInnen mit den ersten Konzerten in der Café Bar. Veranstaltungen, die das grandhotel zum Anlaufpunkt und Ort zum Austauschen machen, finden weiterhin statt. Die BewohnerInnen erleben vor allem die Küche als Anlauf- und Treffpunkt, denn „das ganze Haus kommt zusammen, danach zerstreut sich wieder alles“. Für etwa 60 Leute werden täglich von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Hintergründe vegetarische, vegane, traditionelle und experimentelle Gerichte zubereitet.

ZUGANG. „Ok, ich mach jetzt eine Reportage“.

Für einen Uni-Kurs zu Langzeitreportagen hat Ramona angefangen das Grandhotel zu begleiten. „Ich hatte eine Grundidee – davon, wie Reportagen funktionieren“, sagt sie, als ich nach ihrem Plan für das Grandhotel frage. Am Ende war es denn so: „Ich habe fotografiert, was mich begeistert hat: die Interaktion, wer macht was, die Baustelle.“

Das ehemalige Altenheim bekam 2011 seine neue Identität. Auf der Baustelle arbeiten Freiwillige wie Johannes, ein Student der Konfliktforschung, und erschaffen Lebensraum auf sechs Etagen.

„Ich arbeite essayistisch“, erklärt Ramona. Das heißt, jedes Bild wirkt für sich und alle zusammen erzählen eine Geschichte. Den Stil hat Ramona gewählt, „weil das Haus so komplex ist, dass ich nicht nur einen Menschen, nur eine Geschichte erzählen kann“. Jedes Bild für sich ist stark. Man kann das Grandhotel nicht an einem Menschen festmachen, sondern sollte die vielen Facetten, die vielen Gesichter zeigen.

VERBINDUNG. „Mein roter Faden war der Ort, und wie der Ort lebendig wurde“.

„Anfangs habe ich mich nicht getraut, an die Menschen nah ran zu gehen“ und deshalb hat Ramona beobachtet und festgehalten, wie das Grandhotel Gebäude gewachsen ist. „Eine Pflanze hier, eine neue Wand da.”  „Eine sehr schüchterne Herangehensweise, die aber auch total schön ist im Nachhinein“, kommentiert sie.

Mit viel Zeit hat Ramona „geschaut, dass ich im richtigen Moment da bin und die Menschen nicht störe.“ Natürlich war es oft Thema, welche Bilder verwendet werden dürfen, wer darf wo und wie zu sehen sein. „Du willst ja auch niemandem schaden – behutsam vorgehen und dennoch zeigen, was passiert“, so ist Ramona dem Leben im Grandhotel Cosmopolis nah gekommen.

SCHLÜSSELMOMENT. „Es wird Zeit, dass du Teil des Grandhotels wirst“.

Das Grandhotel hat schon verschiedene Schicksale miterlebt – Abschiebung ist ein drastischer Teil des Lebens dort. Ein Moment ist für Ramona „Schlüsselereignis“. Das Kirchenasyl hat eine alleinerziehende Mutter aus Tschetschenien mit vier Kindern nicht vor der Abschiebung bewahren können. Das sorgte für Furore, Proteste, viele Pressemitteilungen und Ernüchterung.  „Die Leute vom Grandhotel kamen zu spät, bzw. konnten die Polizei nicht aufhalten. Das war ziemlich dramatisch.“

Ein paar Tage später sind der Pfarrer, drei Personen aus dem Grandhotel, eine Journalistin der Augsburger Allgemeinen und Ramona nach Polen gefahren, das Land, wohin die Familie aufgrund der Dublin Verordnung abgeschoben wurde. Da waren sie alle eine Woche. Die Gespräche in Polen waren tiefgreifend, motivierend, anregend. Ein Satz, der während der Zeit fiel, bleibt für Ramona sehr präsent: „Es wird Zeit, dass du Teil des Grandhotel wist.“ Danach hat sich ihr Verhältnis zum Grandhotel Cosmpolis vom reinen Beobachten zum Dabeisein verändert.

NACHWIRKUNG. „Ich hab mich geöffnet und ganz viel von mir da gelassen“.

„Ich habe auf jeden Fall gelernt, Nähe aufzubauen, um Geschichten zu erzählen. Es geht um das Wir, die Verbindung.“ Das war ein Grund, warum Ramona mehr und mehr Zeit im Grandhotel Cosmopolis verbringen wollte. „Und auch, um von mir mehr zu zeigen, weil Fotografie natürlich auch immer ein Austausch ist“.

„Das Grandhotel an und für sich ist ein offensichtliches Gemeinschaftsprojekt. das hat in mir den Gedanken losgetreten, dass die Gemeinschaft wichtiger ist, als Dinge alleine durchzuziehen. Deswegen will ich selber auch diese Verbindung zu Menschen so haben, dass sie gerne Zeit mit mir verbringen und zusammen leben, sich arrangieren, Dinge gemeinsam verändern, Ideen austauschen – einfach rumspielen und ausprobieren, was glücklich macht.“

Wie wollen wir leben, wie wollen wir arbeiten – wie wichtig ist welche Form von Gemeinschaft? Das sind Fragen, die sie seitdem begleiten. In Papier überführt ist daraus ein Fotobuch entstanden (Grandhotel Cosmopolis Verbindung Vertrauen Vision), das Astarte Posch gestaltet hat. Dieses Buch und die Frage nach Lebensmodellen und -visionen bespricht Ramona auf ihrer Reise um die Welt bei Fotobuch Präsentationen.

Ramona erzählt außerdem von ILLUSIA: „ILLUSIA hat den selben Gedanken. Alleine zu arbeiten bringt ganz viel Freiheit, aber gleichzeitig wünscht sich der Puppenspieler die Menschen“. ILLUSIA ist Ramonas derzeitiges Filmprojekt, das einen russischen Puppenspieler begleitet und dabei Antworten auf die Frage gibt, wie Freiheit und Einsamkeit miteinander verbunden sind.

Fotos von Ramona Gastl und Jillian Miller

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.