Prächtige Bäume gegen die energiehungrige Übermacht – „Herr der Ringe“ reloaded

Nirgendwo zeigt sich die Diskrepanz der deutschen Politik und Wirtschaft in Umwelt- und Klimaschutz mehr als im rheinischen Braunkohletagebau Hambach. Ein Bericht über eine der katastrophalsten Umweltsünden Deutschlands.

Ein Meinungsartikel von den Gastautor*innen Helena und Nick

Es war ein grauer Tag Anfang November 2017, als wir auf Europas größtes Loch blickten. Unglaubliche 12.000 Fußballfelder fasst der Tagebau Hambach. Die Spitzen des Kölner Doms wären gerade so zu sehen, würde dieser am tiefsten Punkt drei Mal übereinander gestapelt. Ca. 400 Meter tief und 85 Quadratkilometer weit haben sich die Kohlebagger ins Erdreich gefressen. Mit der Handykamera ließen sich die gigantischen Dimensionen, wie auch die Weite, nicht einfangen. Es ist zu erschreckend, um das Ausmaß wirklich zu begreifen. Völlig unbegreiflich ist, dass Menschen vor einer Untergangskulisse, dem Aussichtspunkt Terra Nova, Hochzeiten feiern.  Uns hingegen hat diese Anblick zutiefst bedrückt.

Warum muss etwas erst bedroht sein, um berühmt zu werden? Der Hambacher Forst – eine der letzten Bastionen gegen den namensgleichen Kohletagebau, steigt auf zu den großen bekannten deutschen Wäldern: Spreewald, Fichtelgebirge, Thüringer Wald und Hambacher Forst. Forst ist hier eine irreführende Bezeichnung für einen naturbelassenen Wald, der schon tausende Jahre existiert. Ungefähr 90 Prozent sind schon unwiederbringlich dem Tagebau gewichen. Ohnmacht, Wut und Trauer ergreifen den*die Betrachter*in, wenn man in diesem idyllischen Urwald steht und im Hintergrund das Knurren der nach Wald und Leben hungrigen Braunkohlebagger hört, die unaufhaltsam näher kommen.

Der Preis für den Tagebau Hambach kann nicht in einer Währung gemessen werden, denn nicht nur der Hambacher Wald mit seinem einzigartigen Ökosystem fiel der Braunkohle fast komplett zum Opfer, auch viele Menschen verloren ihre Heimat. Immense CO2-Ausstöße, freigesetzte Schwermetalle und eine gespaltene Gesellschaft in der Region, sind weitere Symptome.

Wie kann es sein, dass die Reste eines 12.000 Jahre alten Waldes immer noch für eine überholte Energiegewinnung abgeholzt werden? Hat der Mensch das Recht, über Mutter Natur zu bestimmen? Wie kann den Bäumen geholfen werden, solange sie noch nicht selber aufbegehren können, wie sie es bei „Herr der Ringe“ gegen die Orks tun?

Mutige Besetzer*innen beschützen den Wald

Widerstand kennt viele Gesichter. In diesem Fall haben sich mutige Menschen in kleinen Dörfern im Wald und im Wiesencamp organisiert. Sowohl von Menschen aus der Region, als auch aus ganz Europa, erfahren sie viel Unterstützung. Hierher haben wir uns nach den Eindrücken an der Grube begeben. Wir, Helena und Nick, zwei Nordlichter, die in Kiel studieren und nebenbei bei der BUNDjugend aktiv sind. Das Hauptziel unserer Reise war die Großdemonstration zum Klimagipfel in Bonn. Mit eigenen Augen wollten wir sehen, wofür wir demonstrieren, wir wollten durch den Wald streifen, mit der bangen Sorge, ob es ihn 2018 noch geben wird. Für uns sind die Aktivist*innen im Wald beeindruckende, mutige Persönlichkeiten, die für eine bessere und gerechtere Welt streiten. Als wir eben jene besuchten, bestaunten wir die Baumhäuser in Oaktown und liefen auch durch Gallien, welches Dank Asterix und Obelix wie kein zweites Dorf für Widerstand steht. Das besondere an jedem Dorf sind die schon erwähnten unzähligen und einzigartigen Baumhäuser hoch oben in den Baumwipfeln, die das ganze Jahr über bewohnt werden. Denn anders als die Waldlebewesen, werden Menschen nicht einfach dem Waldboden gleichgemacht und können die Rodungen somit zumindest verzögern.

Der Wald wirkt wie ausgestorben, als wir ankommen. Zu dieser Zeit kurz vor Beginn der COP23 laufen die Vorbereitungen für den Widerstand auf Hochtouren. Die Rodungssaison, der Zeitraum in dem RWE Bäume fällen darf,  steht zu diesem Zeitpunkt kurz bevor. Da Deutschland international als „Klimavorreiter“ gilt, ist es umso absurder, 50 Kilometer von diesem Ausmaß an Umweltzerstörung, einen Klimagipfel zu veranstalten. Doch zurück in den Wald. „Veganer Schokokuchen“ zu rufen wirkt Wunder. Ein paar fleißige Bienen kommen aus ihren Verstecken. Die Menschen, die wir bisher aus der Waldbesetzer*innen-Szene kennengelernt haben, stimmen nicht mit dem Bild überein, das die Medien leider so oft zeichnen. Dort ist oft die Rede von Kriminellen, die sich nicht für die Natur interessieren. Ein paar Wochen zuvor machten wir zum ersten Mal einen Ausflug mit Helenas Familie in den Hambacher Forst. Obwohl wir unangekündigt kamen, wurden wir mit offenen Armen empfangen und haben spontan eine dreistündige Führung durch den Wald bekommen. Als einer der Waldbesetzer*innen einen Käfer aus einer Pfütze vor dem Ertrinken rettete, zeigte er selbst vor einem der kleineren Lebewesen Respekt. Dieser Respekt vor der Natur lässt sich auch an der veganen Lebensweise der meisten Besetzer*innen erkennen.

Was ist so falsch daran, eine Utopie anzustreben, in der Menschen im Einklang mit der Natur leben? Vielleicht gibt es noch Hoffnung, weil es immer mehr Menschen gibt, die für eine gerechtere Zukunft, für alle Lebewesen des Planeten kämpfen. Janna Aljets, eine Sprecherin von dem Bündnis Ende Gelände, welches mit verschiedenen Protestformen für den Kohleausstieg und den Klimaschutz kämpft, drückte es einmal so aus: „Viele junge Menschen fragen sich, wie sie ein selbst erfülltes Leben führen können, ohne auf Kosten anderer leben zu müssen.Also das System der Ausbeutung von Mensch und Natur in Frage stellen und Lösungen suchen oder sie schon leben. Auch der Fangorn-Wald aus Herr der Ringe stand kurz vor der Zerstörung, übermächtig war der Gegner und unmöglich erschien die Rettung des Waldes. Doch die Allianz aus Bäumen und Hobbits gewann gegen Saroman. Die Karten für den Hambacher Forst scheinen sich neu gemischt zu haben und es wird vielleicht doch noch ein Wunder geben, das den „Hambi“ rettet. Bis zum Oktober 2018 wird es voraussichtlich keine weiteren Rodungen geben.