Hier bilden sich nicht nur Wurzeln

„Mangold, Mangold, jaaaah, ich will, ich will,“. Ich höre die Kinder bereits rufen, als ich den grünen Innenhof der Goethegrundschule betrete. An drei nagelneuen Hochbeeten steht jeweils eine Gruppe Grundschulkinder, die fleißig dabei sind zu graben, zu pflanzen und zu sähen. Marius, eines der Mitglieder von Wurzel.Bildung, hat gerade angekündigt, welches Gemüse als nächstes gemeinsam gesät wird.

Die Kinder umringen ihn, hüpfen euphorisch und strecken ihm eifrig ihre Hände entgegen um Samen von ihm zu bekommen. Die Stimmung ist ausgelassen und die Freude am gemeinsamen Gärtnern ist allen hier anzusehen.

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„Wir sind zwar kaputt, aber sehr zufrieden“

Am Ende ihres zweiten Workshoptages treffe ich die vier Projektmitglieder von Wurzel.Bildung, Felicia, Marius, Jorid und Justin in dem Klassenzimmer, wo sie ihren Workshop am Vortag begonnen hatten. Die letzten beiden Tagen hatten es in sich. Ein buntes Programm von Gemüse-Memory Ratespiel, Erklärungen zu den einzelnen Pflanzen und ihrer Nutzung, ein Kartoffelwettbewerb und gemeinsames Bepflanzen der Hochbeete.

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Die vier wirken etwas müde, doch ihre Augen strahlen. „Es hat uns und auch den Kindern, augenscheinlich mega viel Spaß gemacht,“ freut sich Marius.

„Wir haben das Ganze ein halbes Jahr lange geplant und waren so gespannt, wie unsere Idee in der Umsetzung funktioniert. Echt cool, dass es nun endlich los ging. “ erzählt Jorid begeistert.

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Erleben bildet

Die Idee zu ihrem Projekt Wurzel.Bildung entstand während eines Kurses ihres Masterstudiums „Sustainability, Society and the Environment“ an der Uni Kiel, wo die vier die Idee entwickelten und das Projekt planten. Mit Hilfe des Startkapital aus dem yooweedoo Ideenwettbewerb sowie Unterstützung durch den Förderverein der Goethe-Grundschule und die Fördesparkasse Kiel konnte das Team ihre Projektidee umsetzen.

Ihre Vision ist „durch den eigenen Anbau von Lebensmitteln, wieder einen Bezug zu dem was wir täglich essen und der Natur herzustellen“, erinnert sich Marius. Sie hatten das Gefühl,„wenn wir bei Kindern ansetzen, können wir da am meisten bewirken.“ Dabei ist ihr Wunsch „dass die Kinder Lebensmittel, die hier regional wachsen, kennenlernen, selbst vieles ausprobieren und das Wissen mitnehmen“ ergänzt Jorid.

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Gärtnern als AG

„Wir fragten bei einigen Schulen hier in Kiel an, unter anderem auch bei der Goetheschule. Die waren von unserer Idee total begeistert,“ schildert Marius.

Begonnen wurde mit dem Bau der drei Hochbeete. Gemeinsam mit Lehrern, Eltern und einigen Schülern waren diese in nur einem Tag fertig. „Alle waren total fleißig dabei,“ berichtet Jorid glücklich. „Sogar die ganz kleinen, die konnten auch erstaunlich gut mit dem Akkubohrer umgehen.“

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Danach war das Gärtnern für alle Grundschülerinnen als AG frei wählbar. Mit circa zwanzig GrundschülerInnen aus allen Altersstufen ging es in den letzten beiden Tage los.

Nach diesem ersten zweitägigen Workshop werden monatlich, bis zu den Sommerferien, weitere Workshops folgen, die mit einem Sommerfest abschließen, wo gemeinsamen geerntet, gekocht und gegessen wird.

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Wichtig ist natürlich auch das regelmäßige Gießen. Dafür wurden die Kinder in Zweiergruppen zum Pflanzen-Gieß-Dienst eingeteilt. „Dabei haben wir die Älteren gebeten, die Jüngeren etwas an die Hand zu nehmen,“ klärt mich Jorid auf.

Hier lernen alle dazu

Vorwissen über das Gärtnern besitzen die meisten Mitglieder von Wurzel.Bildung. Jorid hat Zuhause im Garten ihren Eltern viel Erfahrung gesammelt, Marius experimentiert seit einigen Jahren mit verschiedenen Anbaumethoden und Justin war Teil eines Community Garden in seiner Heimat Minneapolis in Minnesota, United States wo am “Kids Day“ mit den Kindern der Gemeinschaft Lebensmitteln aus dem eigenen Garten verkocht wurden. Felicia hatte bisher mehr mit Blumen zu tun. „Ich lerne hier genau so viel wie die Kinder,“ erzählt sie mit einem Lachen. Auggrund einiger, ehemaliger Projekte mit Kindern und Jugendlichen, bringt sie in dieser Hinsicht hilfreiches Wissen mit.

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Die haben echt einiges drauf“

Das Team ist von dem Vorwissen und der Motivation der Kinder begeistert.

„Ich war beeindruckt, dass so viele Kinder gleich Mangold und Sellerie erkennen. Das hätte ich nicht gedacht,“ erzählt Jorid.

Einige Kinder haben erzählt, dass sie bereits mit Eltern oder Großeltern gegärtnert haben. „Obwohl Hochbeete dann doch für alle Kinder etwas ganz neues waren,“ ergänzt Felicia.

Doch ob mit Vorwissen oder ohne, alle Kinder sind mit großer Euphorie dabei. „Es ist toll für uns zu sehen, dass alle so großes Interesse haben. Es konnte ihnen gar nicht schnell genug gehen, loszulegen und selbst einzupflanzen,“ lacht Marius. „Statt sie zu motivieren, müssen wir sie ja fast schon fast bremsen.“

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Noch mehr Wurzeln

Für die Zukunft wünscht sich das Team auch an anderen Schulen aktiv zu werden. Um noch mehr zu bewirken „würden wir unseren Workshop gerne an einer Schule durchführen, wo die Schüler davor noch weniger mit dem Gärtnern in Berührung bekommen sind,“ hofft Marius.

Wenn sie auch dort so viel Freude und Energie versprühen, wie bei ihrem ersten Workshop in der Goetheschule, werden sie sicher viel Erfolg beim erneuten Verwurzeln ihrer Idee und dem Ernten von Interesse und Begeisterung bei allen Kindern haben.  

Fotos von Justin Russell

Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.