Hier kommen nur natürliche Produkte auf den Kopf

„Friseure gibt es wie Sand am Meer“. Aber Bio-Friseursalons sind selten zu finden. Ihre Vorgehensweise ist alles andere als konventionell und zeigt, dass man auch bei der Haarpflege darauf achten kann, ausschließlich natürliche Produkte zu verwenden. Albertina Flaverny und Rebekka Jeß bereiten in Lübeck den Weg für einen alternativen Weg in der Friseurbranche vor.

Ein Erfahrungsbericht von Daniela Herrmann

Albertina Flaverny und Rebekka Jeß setzen sich mit der Frage auseinander, wie Haare und Kopfhaut natürlich gepflegt und gefärbt werden können. Die beiden Frauen, die ursprünglich in der Pflege gearbeitet haben, beschäftigen sich schon lange mit chemischen Giftstoffen, die in Produkten enthalten sind. Nachdem Albertina eine Umschulung zur Friseurin absolvierte und im Anschluss die Prüfung zur Friseurmeisterin bestanden hat, haben die zwei Frauen vor vier Jahren ihr Geschäft „Fraj“, das Friseur und Boutique miteinander vereint, in Lübeck eröffnet.

„Von unseren Kunden lernen wir viel, so entsteht Zusammenarbeit.“ (Albertina Flaverny)

Viele Kund*innen fragen sich anfangs, was eigentlich ein „Bio-Friseur“ ist. Auch ich wusste damals nicht, was ich mir genau unter einem Bio-Friseur vorstellen soll. Ich versuche mehr natürliche Produkte in meinen Alltag zu integrieren, und wollte damit nicht bei meinen Haaren haltmachen. „Wir verwenden keine chemischen Mittel, die irgendetwas beschleunigen“, beschreibt Albertina das Friseurkonzept. „Die biologischen Pflanzenhaarfarben sind in der Lage, die natürliche Haarfarbe zu intensivieren und dunkler zu färben. Weiße Haare können je nach Haartyp von hellblond bis schwarz eingefärbt werden, und das meistens nach der ersten Naturhaar-Farbbehandlung“. Einige ihrer Kund*innen kommen mit Haarproblemen wie brüchigen, fettigen Haaren oder brennender Kopfhaut. „Wenn Kunden zu uns kommen, die viele Probleme haben, arbeiten wir nach dem Ausschlussverfahren bis wir etwas gefunden haben, das wirklich zum Kunden passt.“ Rebekka fügt noch hinzu, dass alle Produkte (die Pflegeserie von Less is More und die Pflanzenhaarfarben von Radico Organic), die im Salon verwendet werden, aus biologischem Anbau stammen, also auf fruchtbaren Boden angebaut und für dessen Bearbeitung keine Pestizide verwendet wurden. „Es macht einen großen Unterschied, ob man natürliche oder wirklich streng zertifizierte biologische Produkte benutzt. Der Boden ist sehr ausschlaggebend für die Inhaltstoffe der Pflanzen, da zum Beispiel Schwermetalle wie Blei und Quecksilber im Boden von Henna aufgenommen werden können.“

„Ist es wirtschaftlicher, schnell viel Geld zu machen oder ist es wirtschaftlicher, nachhaltig zu arbeiten?“ (Rebekka Jeß)

Ich lerne in meinem Gespräch mit Albertina und Rebekka, dass nicht nur die Gesundheit der Kund*innen durch nicht-biologische Produkte gefährdet wird, sondern auch die Umwelt massiv unter Chemikalien aus Pflegeprodukten leidet. Allein in der Lübecker Innenstadt gibt es ca. 200 Friseursalons, womit Lübeck auf die Einwohnerzahl gerechnet die größte Friseurdichte in Deutschland hat. „Jetzt muss man sich vorstellen, dass ca. 70% der Tageseinnahmen der Friseure meistens mit Haare färben verdient werden. Bei zehn Farbkund*innen eines Friseurs würde somit ca. ein Liter Chemie am Tag auf die Köpfe kommen. Man kann sich ausrechnen, was dabei an Literzahlen an Chemikalien herauskommen. Diese landen dann in der Kläranlage“, erzählt Albertina. Für Restaurants und Zahnarztpraxen beispielsweise sei eine Scheideanlage (zur Trennung von Gefahrenstoffen vom Abwasser) bereits Pflicht, aber bei Friseuren nicht. Als Albertina und Rebekka erzählen, wird deutlich, dass sie nicht die klassische Friseurkunst schlecht reden wollen. Vielmehr möchten sie einen Anreiz schaffen, sich mit umweltfreundlicheren Methoden des Friseurhandwerks auseinanderzusetzen.

„Ich bin der Meinung, dass wir heutzutage alle eine Aufgabe haben und zwar mit unserem Planeten VORsichtig umzugehen.“ (Albertina Flaverny)

Bei meinem Besuch im Friseursalon erkenne ich, dass die beiden Inhaberinnen mit einer Leidenschaft arbeiten, die sie nicht im Geschäft lassen, sondern auch privat leben. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Umweltschutz vor wirtschaftliche Interessen zu stellen, was mich als Kundin davon überzeugt, dass ich hier nicht nur eine natürliche Haarpflege erhalte, sondern auch das Rundum-Paket stimmt. Ich persönlich habe anfangs durchwachsene Erfahrungen mit natürlichen Haarprodukten gemacht. Denn die richtige Haarpflege für den eigenen Körper zu finden, kann manchmal lange dauern. Aber wer Verantwortung für sein Handeln gegenüber der Umwelt übernehmen will, der kommt nicht daran vorbei, bei seinem eigenen Konsumverhalten anzufangen. Ich persönlich habe gelernt, dass man immer den Rat von Fachfrauen bzw. Fachmännern einholen sollte und kann mir nicht mehr vorstellen, von einem Bio-Friseursalon zurück zu einem konventionellen Salon zu wechseln. Ich finde, dass sich meine Haare durch die Nutzung von Naturkosmetik-Shampoos nun dauerhaft schön anfühlen und nicht nur für eine kurze Weile wie nach der Nutzung von konventionellen Haarpflegeprodukten.

Wie beginnt man nun damit, die Haare natürlicher zu pflegen?

Zunächst einmal kann jede*r den ersten Schritt tun, um die Haare vor gefährlichen Stoffen zu schützen. „Auf Bio-Shampoos sind die Inhalte leichter nachzuvollziehen, denn meistens sind es Wasser, Seife, Öle etc. Man sollte nicht alles ausprobieren, was es gibt, sondern lieber einen Fachmann bzw. Fachfrau fragen“, meint auch Albertina. Sie rät zur Nutzung von Informations-Apps wie Code-Check, da diese aufzeigen, welche Inhaltshoffe in den Produkten enthalten sind.
Nun frage ich mich noch wie es mit dem Friseursalon weitergeht, denn ich finde, dass auch andere Friseure mit natürlichen Produkten arbeiten sollten. Albertina und Rebekka wollen etwas bewegen. Sie setzen sich derzeit dafür ein, dass junge angehende Friseur*innen die Möglichkeit bekommen, sich zukünftig für den ökologischen Weg der Haarpflege zu entscheiden. Deswegen hat Albertina vor kurzem ein Konzept bei der Zentral-Handwerkskammer (in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Lübeck) eingereicht, das die Friseur-Ausbildung in zwei Wahlmöglichkeiten aufteilt: Konventionell oder ökologisch. Ich drücke ihnen die Daumen, dass das Konzept Anerkennung findet.

Fotos: Lena Morgenstern

Models: Lisa Steiger Eyk Leuchtmann

Daniela Herrmann

Daniela Herrmann

Während meines Studiums der Nachhaltigkeits- und Umweltwissenschaften lerne ich jeden Tag etwas Neues. Vor allem beschäftige ich mich mit den negativen Auswirkungen von menschlicher Aktivitäten auf die Meere, wie bspw. die Verschmutzung durch Plastikmüll oder der Abfall chemischer Stoffe.