Hier wird Reparatur zur Kultur

Es gibt so viel in Gaarden, von dem ich bisher nichts wusste. Eine Einladung ins Werftstadt-Café im Mehrgenerationenhaus am Vinetaplatz ist eine tolle Gelegenheit, das zu ändern.

Die angenehme, lockere und doch geschäftige Atmosphäre empfängt Max und mich sofort als wir das Gebäude betreten. Überall Tische, auf denen die unterschiedlichsten, bereits mehr oder weniger zerlegten Geräte zu sehen sind: Mikrowellen, Kaffeemaschinen, Radios, Pürierstäbe und vieles mehr. Rundherum Menschen die schrauben, bohren, tüfteln, diskutieren, sich beratschlagen oder gespannt zusehen.

 

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Unsere Interviewpartnerin Jasmin begrüßt uns herzlich gleich am Eingang. Die mittelgroße, dunkelhaarige Frau lädt uns freundlich auf Kaffee und Tee in den, als Café eingerichteten Teil des Raumes, ein. Energiegeladen und begeistert fängt sie an zu erzählen.

 

Zwei Menschen – eine Vision

 

Es nervt Jasmin, „dass Dinge geplant kaputt gehen und dann oftmals weggeschmissen werden, obwohl man sie eventuell wieder reparieren könnte“. Besonders aufrüttelnd war für sie ein Besuch im Wertstoffhof, wo sie sah was und wieviel die Leute wegschmissen. „Da waren Flachbildfernseher, die können ja noch gar nicht alt sein, so lange gibt’s die doch noch gar nicht. Und auch Bügeleisen und Radios. Mir hat echt das Herz geblutet, weil ich dachte, wie kann man sowas wegschmeißen? Das ist total Sünde drum.“

Ursprünglich kommt die Idee der Repaircafés aus den Niederlanden, Jasmin erfuhr davon in Köln bei einem Seminar, auf dem sie einen Mitarbeiter von der Anstiftung kennenlernte, die diese Initiativen in Deutschland betreuen.
Jasmin war begeistert und total erstaunt, dass es bereits so eine große Community in Deutschland gab. Danach dachte sie „Reparaturcafé ist geil, aber wie komm ich an die Leute ran?“

 

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Glücklicherweise lernte sie kurze Zeit später Uli Stangen, den perfekten Partner für das Projekt kennen. „Jemand der eigentlich alles selbst macht und keine Handwerker ins Haus lässt“ und der unbedingt ein Repaircafé in Gaarden starten wollte. Er ließ sich von dem Buch „die Kultur der Reparatur“, von Wolfgang Heckl, inspirieren. Jasmin war sofort voller Tatendrang „Das ist eine geile Sache, lass uns das machen“. Danach ging alles ganz schnell, Uli und sie trafen sich auf einen Kaffee und das Planen ging los. Warum Werftstadt-Café? Der Name Repaircafé ist geschützt und die Nutzung kostenpflichtig. Sie sind aber auf bundesweiter Ebene mit den Repaircafés vernetzt.

 

Gaarden ist netzwerkig

 

Das engagierte Zweierteam wuchs schnell. Im Organisationsteam sind jetzt auch die zwei Leiterinnen des Mehrgenerationenhauses am Vinetaplatz, dem sozialen Treffpunkt in Gaarden. „Es war ein positives Schneeballsystem“ – jeder kannte noch weitere Engagierte, die sich einbringen wollten. „Das ist typisch Gaarden, es ist sehr netzwerkig.“

 

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Mir scheint es auch eine besondere Stärke von Jasmin zu organisieren, Kontakte zu knüpfen und motivierte Menschen zusammenzubringen. So holte sie auch mit Toppoint engagierte PC-Reparateure an Bord. Das Kernteam der Veranstaltung besteht aus fast 12 Leuten, davon viele ehemalige Werftmitarbeiter. Deren ehrenamtliches Engagement ist für Jasmin unersetzlich, da sie handwerkliches Geschick und Wissen mitbringen und extrem passioniert ihr Wissen weitergeben.

 

Aktives Lernen ist gefragt

 

Was mache ich nun mit meinem kaputten oder defekten Radio, Pürierstab, Kaffeemaschine, PC oder Ähnlichem? Jede/r, über 18 Jahre, darf mit einem kaputten Gegenstand ins Werftstadt-Café kommen, unterschreibt einen Haftungsausschluss und wird einer der 6 Stationen zugeteilt – Elektro, Radio, PC, Spielzeug und Möbel oder Sonstiges.

Doch Jasmin will mehr erreichen als nur Geräte wieder funktionstüchtig zu machen. „Die Leute sollen sich hier nicht hinsetzen und sagen, das geht nicht mehr – nein im Gegenteil, wir wollen das die Leute mitschrauben und auch miterleben, wie die Geräte aufgebaut sind.“
Es ist ihr wichtig, dass uns das Wissen der Reparatur nicht verloren geht – sondern weitergegeben wird: „Unsere Generation kann das nicht mehr – es ist an der Zeit, dass wir die Fähigkeiten unsere Großeltern reaktivieren und wieder erkennen, dass man mit seinen Händen mehr machen kann, als nur den Fernseher anzumachen.“

 

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Großen Andrang gibt es bei der Radiostation. Alte Weltempfänger oder Tonbandgeräte aus den 50ern und 70ern an denen die Leute emotional hängen – und sogar dafür gibt es hier einen Experten, dem geht das Herz auf, wenn er helfen kann und diese Geräte wieder zum Spielen bringt.

 

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Die Freude sieht man den Besuchern hier richtig an. Selbst einem kleinen Mädchen mit 40 Jahre altem Elektroplüschhund ihrer Tante konnte nach schwieriger Reparateur geholfen werden – die Kleine war total happy. „Echt schön, das macht mich glücklich“, strahlt Jasmin.
Und selbst, wenn die Geräte irreperabel sind, gehen die Besucher zufrieden nach Hause, denn sie haben es wenigstens probiert – und das Gerät wird, wenn sie wollen, gleich vor Ort ordnungsgemäß entsorgt.

 

Genial! Es läuft!

 

An dem Tag unseres Interviews fand das Werftstadt-Café zum zweiten Mal statt. Vor dem ersten Event hat Jasmin „Blut und Wasser geschwitzt und gehofft dass wenigstens 20 Leute kommen.“ Schlussendlich stürmten beim offiziellen Beginn bereits 60 Besucher in den Raum. Was für eine Erleichterung! Gleich war klar „okay es läuft, die Leute haben Bock drauf, das machen wir ein zweites Mal.“ Auch Heute wieder über 80 Besucher mit reparaturbedürftigen Geräten – ein voller Erfolg! Zudem 20-30 Neugierige, die lieber zuerst einmal zuschauen.
Jung, Alt, Gaardener, Kieler aber auch Leute, die extra aus Preetz oder Bordesholm hierher kommen, weil sie von der Idee so begeistert sind.

 

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Gaarden überrascht

 

Das Werftstadt-Café erfüllt Jasmin mehre Herzenswünsche. Reparatur, Begegnungsstätte und die Anerkennung des Stadtteils Gaarden: dass Menschen hier herkommen, Zeit verbringen, schöne Erfahrungen machen und diese weitertragen. Menschen sollen erleben „hier geht auch was, hier ändert sich was und die Leute sind nachhaltig eingestellt.“

 

Ideen willkommen

 

Es wird zukünftig 3-4 Werftstadt-Cafés pro Jahr geben.
Das nächste findet am 24. April ab 15 Uhr statt. Jasmin möchte das Angebot auch noch ausbauen und freut sich über Ideen. „Wer das Gefühl hat, Mensch da pass ich dazu, kann sich gerne melden.“

 

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Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.