Integration und Upcycling an einem Faden

Taschen, Blusen, Jacken, Körnerkissen, Schals, Kleider und Accessoires hängen und liegen an verschiedenen Ecken von Gabrieles Arbeitsraum in ihrem Wohnhaus in Schleswig. Hier entwickelt sie ihre Ideen, erstellt Muster und lagert fertige Produkte sowie unterschiedliche Recyclingstoffe. In ihrem Projekt Schick&Gut haucht sie, gemeinsam mit geflüchteten NäherInnen, gebrauchten Stoffen neues Leben ein.

Anpacken ist ihr roter Faden

Gabriele ist eine Macherin: „Wenn sich eine Idee bei mir festgesetzt hat, wird sie auch irgendwann umgesetzt”, sagt sie mit Nachdruck. So gründete sie ein Strickcafé in Schleswig, initiierte eine Büchertausch- sowie eine Kleidertauschbörse.

Als Geflüchtete in Schleswig ankamen, wollte sie auch hier anpacken und mithelfen. Sie begann Geflüchtete bei ihren Deutsch-Hausaufgaben zu unterstützen. „Auf diese Weise lernte ich sehr viele Geflüchtete persönlich kennen und erfuhr, dass viele von ihnen in ihrem Heimatland Schneiderei gelernt hatten”, erinnert sie sich. Das brachte sie vor circa einem Jahr auf die Idee Schick&Gut zu gründen.

Mit diesem Projekt verfolgt Gabriele zwei Ziele: Sie will „Geflüchteten eine Möglichkeit zum Tätigwerden und Deutsch lernen geben” sowie, durch die Wiederverwendung von Stoffen und Kleidungsstücken, Ressourcen und die Umwelt schonen.

„Wir machen keinen Schnickschnack”

Nähen, Stricken und handwerkliche Tätigkeiten hat Gabriele von klein auf mitbekommen. „Meine Mutter hat immer viel genäht und mein Vater war handwerklich sehr geschickt”, erinnert sie sich. Sie war auch schon früh neugierig auf verschiedene Näh-Techniken und hat sich viel selbst beigebracht. Heute ist es ihr großes Hobby und „mein kreativer Ausgleich zum Beruf”, erklärt die gelernte Buchhalterin.

Die Produktpalette von Schick&Gut ist divers und vielseitig. Von Second-Kleidungsstücken, die aufgehübscht werden über Körnerkissen aus Vorhängen bis zu Taschen aus alten Jeans. „Mir ist wichtig, dass die Dinge die wir produzieren, auch wirklich gebraucht werden”, sagt sie bestimmt. Genäht wird mit Stoff- und Kleiderspenden, die das Projekt von den Bewohnern Schleswigs, gemeinnützigen Organisation und Firmen bekommt.

Anregungen für ihre Produkte findet sie im Internet, entstehen durch Alltagserfahrungen oder „oft ist es auch der Stoff, der mir sagt, was er werden will“ erklärt die Projektgründerin.

 

Die Allrounderin

Zur Zeit sind Gabriele und zwei geflüchteten Frauen das Team von Schick&Gut.

Die beiden Frauen, Manal aus Syrien und Zahra aus Afghanistan, sind seit circa einem Jahr in Schleswig und gelernte Schneiderinnen.

Gabriele ist die treibende Kraft des Projekts. Sie ist Ideengeberin, Musterzeichnerin, macht Zuschnitte, Marketing, Fotos und den Vertrieb. Auch bei dem Design der Produkte gibt bis jetzt sie den Ton an.

Zweimal wöchentlich trifft sich das Team, um Ideen und Muster zu besprechen und anzupassen und neue Accessoires zu nähen. „Ich mache die Vorgaben, die genaue Umsetzung liegt dann in den Händen der Schneiderinnen“, erzählt sie. Eigentlich möchte sie die Geflüchteten, ihre Ideen und auch traditionelle Techniken ihrer Heimatländer stärker mit einbeziehen, doch „das ist ein Prozess, der dauert“. „Es fällt ihnen oft schwer fällt, ihre Meinung zu sagen oder selbst Entscheidung zum Design der Accessoires zu treffen”, berichtet sie. Schön findet sie, dass die beiden jedoch schon viel offener und mutiger geworden sind und sich zu ihren Ideen kritisch äußern, Feedback geben und Veränderungen vorschlagen.

„Wir lernen alle gemeinsam dazu”

„Schick&Gut soll Geflüchteten die Chance bieten, in ihrer Freizeit etwas zu tun, was sie gut können und gerne tun”, beschreibt Gabriele. Momentan ist die Arbeit aller beteiligten noch ehrenamtlich, doch Gabriele hat ein klares Ziel: Sie will „ein Social Business gründen, um den Geflüchteten Gehalt zahlen zu können”.

Wichtig ist ihr, dass die freiwilligen Näherinnen jedoch ihren Deutschunterricht nicht vernachlässigen. „Das Schöne ist: das gemeinsame Nähen ist ein richtig gutes Deutschtraining“, sagt Gabriele erfreut. Die beiden Geflüchteten haben unterschiedliche Muttersprachen. Deutsch ist ihre einzige gemeinsame Sprache. Gabriele unterstützt das Lernen mit einem Flipchart, auf dem die wichtigsten Näh-Begriffe auf Deutsch, Arabisch und Farsi beschrieben stehen.

Auch Gabriele lernt bei dem Projekt viel Neues. „Die beiden Näherinnen bringen viel Fachwissen und Erfahrung mit und Wissen welche Nähideen sich gut umsetzen lassen”, erzählt Gabriele euphorisch. Zudem lernt sie durch die enge Zusammenarbeit viel über deren Leben und Kultur. Begeistert ist sie besonders von der Höflichkeit und der Gastfreundlichkeit, die sie erlebt. „Bei Hausbesuchen bin ich noch nie hinausgegangen ohne einen Kaffee oder Tee getrunken und meist auch etwas gegessen zu haben”, sagt sie lachend.

Den Faden weiterspinnen

Bis jetzt hat das Team von Schick&Gut hauptsächlich Kleidungsstücke und Accessoires entwickeln, getestet und in mehreren Größen oder Ausführungen zu vorproduziert. Nebenbei war es zwar schon möglich die Produkte im Online-Shop zu kaufen, doch öffentlich präsentiert wurde noch nichts. Das soll sich jetzt ändern!

Ihren ersten Auftrag hat das Team bereits: sie designen und nähen Taschen für die Kampagne der örtlichen Gleichstellungsbeauftragten. „Demnächst wollen wir unsere Waren auch auf Messen und in verschiedenen Läden anbieten”, erzählt die ambitionierte Gründerin. „Ich möchte, dass die geflüchteten Frauen den Erfolg ihrer Arbeit sehen und ihre Produkte gekauft werden”, hofft Gabriele.

Fotos von Akihiro Yasui

Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.