Kaufen oder Ausleihbar?

Ein Auto steht über 90 Prozent des Tages nur herum, die Bohrmaschine wird nur einmal im Jahr aus dem Keller geholt und muss jedes Mal aufs Neue entstaubt werden; die Gitarre steht auch schon seit zwei Jahren in der Ecke herum, die Bierzeltgarnitur wird seit der großen Feier im letzten Sommer nicht mehr benötigt und die Heckenschere braucht man eh nur im März. Gekauft hat man all das aber trotzdem, weil man es benötigt. Das Ergebnis dieses Konsumverhaltens ist das Anhäufen von immer mehr Gegenständen, das Nutzen von immer mehr Ressourcen, von Geld und Platz. Doch gerade in den Städten hat sich in letzten Jahren ein neues Wirtschaften entwickelt. Hier gibt es mehr Nachbarn und weniger Platz. Teilen und Leihen statt Besitzen und Kaufen: Die Sharing Economy.

Die Idee Dinge zu teilen, ist nicht neu. Das haben schon archaische Stammesverbände genauso gemacht wie moderne Industriegesellschaften. Früher nutzte man Ressourcen gemeinsam, später wurden Güter verpachtet, vermietet oder verliehen. Lesezirkel, landwirtschaftliche Genossenschaften oder Autovermietungen gibt es schon länger. In den letzten Jahren hat sich die Ökonomie des Teilens jedoch rasant verbreitet und das Angebot erweitert. Gerade durch digitale Technologien bieten sich ganz neue Möglichkeiten. Das vor knapp 10 Jahren noch als Randthema behandelte Phänomen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es erwächst eine neue Form des Wirtschaftens, eine „Meins-ist-Deins“-Ökonomie getragen von ökologischen und ökonomischen Motiven. Die Befürworter sehen darin die Lösung altbekannter Probleme des Kapitalismus: Ressourcenverschwendung, Überproduktion, Umweltbelastung. Zu den Befürwortern zählt das Kieler Projekt „Ausleihbar“, eine Online-Plattform, auf der registrierte Nutzer Gegenstände anbieten und suchen können, die kurzfristig gebraucht bzw. nicht mehr gebraucht werden.

Ein Uni-Projekt aus dem WG-Alltag entsprungen

Das Team hinter „Ausleihbar“ besteht aus sechs Studierenden der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Caro, Vincent, Susi, Gesa, Jenny und Franziska haben sich im Master-Studium kennengelernt und den Changemaker Entrepreneurship-Kurs der School of Sustainability besucht. Franziska hat das Thema der „Sharing Economy“ schon in ihrer Bachelorarbeit behandelt. „Im Changemaker Kurs mussten wir uns thematisch einsortieren. Und uns alle hat die Frage beschäftigt, wie man Gegenstände effizienter nutzen kann und wie man das Verleihen auch über die eigene WG hinaus organisiert bekommt“, berichtet Franziska von der ersten Idee. Bei der Umsetzung dieser Idee zum fertigen Projekt haben die sechs dann einen Weg eingeschlagen, der als Blaupause gelten darf: Zuerst die Bedürfnisse der vermeintlichen Zielgruppe ausmachen. „Wir haben am yooweedoo Changemaker-Wettbewerb teilgenommen und im Zuge dessen auch am Summer-Camp auf Sylt. Dort mussten wir willkürlich ausgewählten Menschen unsere Idee vorstellen. Durch den Austausch ist uns ziemlich klar geworden, worauf es bei der online-Plattform ankommt und welchen Mehrwert wir Menschen bieten können, die aus wirtschaftlichen Gründen eigentlich kein Interesse am Leihen und Verleihen von Gegenständen haben müssten“, sagt Franziska.

Vernetzen, um zu vernetzen

Ein weiterer Schritt war, sich ähnliche Projekte in anderen Städten anzuschauen und sich mit diesen zu vernetzen. „Facebook-Tauschbörsen erschienen uns zu unübersichtlich und unsortiert. Andere Leihbörsen boten ihre Sachen in ganz Deutschland an, was wir aber nicht wollten, weil das logistisch zu kompliziert und umständlich wäre und wir den lokalen Netzwerk-Charakter erhalten wollten“, erzählt Jenny von ihren Erfahrungen der Recherche. Hängen geblieben sind sie schließlich bei „Fairleihen“, einer ähnlich funktionierenden Online-Plattform wie es „Ausleihbar“ ist. „Dort haben wir viele guten Tipps erhalten, was wir unbedingt beachten sollten. Wir wären zum Beispiel am Anfang nicht alleine auf die Idee des Leihvertrags gekommen, der uns ein wenig aus der Verantwortung nimmt“, sagt Franziska. Der Leihvertrag besteht bei „Ausleihbar“ nur zwischen den Personen, die leihen bzw. verleihen. Die Plattform dient dabei als Vermittler und stellt den Kontakt her. Alles Weitere regeln dann die beteiligten Personen unter sich. Lediglich eine Kaution wird empfohlen, Miete soll aber keine erhoben werden. „Ob dann am Ende wirklich ein Leihgeschäft zustande kommt, wissen wir gar nicht. Und aus Datenschutzgründen führen wir darüber auch kein Buch“, sagt Gesa, die sich in erster Linie um die Homepage kümmert. Diese Fähigkeit musste sich Gesa aber auch erst anlernen und ging damit einen weiteren Schritt vieler junger Start-Ups: Das Aneignen neuer Kompetenzen. „Niemand von uns hat jemals eine Homepage programmiert und das hatten wir am Anfang auch unterschätzt. Aber wir hatten im Bekanntenkreis ein paar Informatiker, die uns Starthilfe geleistet haben. Wir haben uns dann eine WordPress-Maske gekauft, die unseren Ansprüchen weitestgehend entsprach, und haben die dann nach und nach angepasst“, erzählt Gesa auch ein wenig stolz, wie der Internetauftritt entstanden ist. Die Nutzerfreundlichkeit steht dabei über allem und soll die suchenden und anbietenden Menschen schnell zusammenführen. Jedes Start-Up steht irgendwann auch mal an einem Punkt, an dem der Aufwand und der Ertrag in Frage gestellt werden. „Beim Programmieren der Homepage waren wir manchmal der Verzweiflung sehr nahe, weil es nicht so geklappt hat, wie man es wollte. Wenn es dann aber dann doch noch klappte, dann war die Freude umso größer“, erzählt Gesa.

Ein gute Atmosphäre im Team ist in solchen Situationen genauso wichtig, wie das klare Abstecken und Anerkennen von Wert um Kompetenzen für das Team. „Uns ist klar geworden, dass es schwierig ist, immer alles mit allen abzusprechen. Deswegen haben sich bei uns recht schnell Aufgabenbereiche ergeben, die in Einzelverantwortung erledigt werden“, sagt Franziska. Nur alle paar Wochen trifft sich dann das gesamte Team und bespricht den Stand der Dinge, so dass „eigentlich immer alle wissen, wie gerade der Stand ist“, so Franziska weiter. Als Gegenpart zum bereits beschriebenen Punkt der Verzweiflung gibt es bei jedem Projekt auch den Moment, der alles rechtfertigt, was bisher investiert wurde. Das kann für jeden einzelnen ein anderer Moment sein. Jenny, Franziska und Gesa sind sich aber einig – wie sie sich eigentlich bei allem einig sind – dass dieser Moment die Launch-Party ihrer Online-Plattform gewesen ist.  „Es kamen sehr viele Freunde, Bekannte und Interessierte, um uns zu unserem Start zu beglückwünschen. Da wurde uns zum ersten mal so richtig klar, woran wir die letzten Monate gearbeitet haben und wie gut es sich anfühlt, dass wir das nun geschafft haben“, erzählen die drei. Schon in der Vorbereitung zur Party zeigte sich welches zusätzliche Potential in „Ausleihbar“ steckt. „Wir haben eine Tombola veranstaltet und dafür bei Geschäften um Preise geworben und nahezu jedes Geschäft hat etwas gegeben, weil sie unsere Idee so überzeugend fanden“, sagt Franziska. Sie begegneten vielen Menschen, die das Konzept des „Teilen statt Kaufen“ unterstützen. Die Online-Plattform bringt diese Menschen zusammen, die Launchparty sogar in einer großen Anzahl.

Sharing als Geschäftsmodell

„Wir planen immer mal wieder solche Events. Denn wir wollen nicht nur auf den ökologischen Aspekt hinweisen, sondern auch die Anonymität der Stadt ein wenig aufbrechen“, sagt Jenny. Denn das, was die Sharing-Economy auch ausmacht, ist auch das Zusammenkommen von Gleichgesinnten. Hinter der Idee des geteilten Konsums steht für viele auch der Wunsch nach einem besseren, nachhaltigeren Leben. Man will weniger besitzen, weniger wegwerfen. Die Ökonomie des Teilens erscheint als die bessere, die sauberere, die menschlichere Wirtschaft. Sie passt in das politisch korrekte Selbstbild eines jedes einzelnen seiner Teilnehmer. Sie hat das Potential, um einen Beitrag für nachhaltigeres Wirtschaften zu liefern. Bei jüngeren Menschen wirkt dieses Ideal sehr anziehend und gerade in Großstädten wächst der Zuspruch. Es gilt nicht mehr derjenige als schick, der durch ein teures Auto in der Nachbarschaft glänzt. Man teilt seine Güter und trägt das auch nach außen. Man kann dies als eine neue Form des demonstrativen Konsums verstehen. Wer besonders nachhaltig und umweltbewusst lebt, wird wertgeschätzt und sozial anerkannt. Aber kann die Sharing-Economy die Versprechen halten, die ihr aufgeladen werden? Denn natürlich gibt es immer mehr Unternehmen, die aus dem Geschäftsmodell des Teilens ein lukratives Geschäft machen wollen. Menschliche Beziehungen werden dort zu einer Ware. Sie ermutigen uns dazu, unser Leben als Kapital zu betrachten. Ein leer stehendes Zimmer? Das kann man doch an Touristen vermieten. Anbieter wie Airbnb sehen sich als Vorreiter eines neuen, nachhaltigeren Wirtschaftens. Doch solchen Anbietern geht es nicht darum, die Welt besser zu machen. Sie besetzen lediglich eine unbesetzte Marktnische.

Profitorientierung zerstört den Sharing-Gedanken

Jenny, Franziska, Gesa, Vincent, Caro und Susi ist es besonders wichtig, dass bei „Ausleihbar“ alles kostenlos bleibt. „Der Sharing Gedanke wird durch Profitorientierung zerstört“, sagt Franziska. Es soll solidarisch bleiben und damit wehrt sich das Team gegen jede Verlockung, mit ihrem Angebot selbst Geld zu verdienen.  Die drei sind sich bewusst, dass sich dieses Modell nur durch einen hohen Aufwand ehrenamtlicher Arbeit aufrecht erhalten lässt. „Wie es nach dem Studium aussieht, kann niemand wissen“, so Franziska. Der Wunsch ist, dass sich das Projekt dann fast von alleine trägt und lediglich die Homepage gepflegt werden muss. Zu wünschen wäre es dem Team allemal. Sie zeigen, was Sharing-Economy bedeuten kann: Eine partizipative Wirtschaft, die den Gemeinschaftsgedanken aufleben und durch das Teilen von Gegenständen neue Beziehungen zu Fremden entstehen lässt.

Fotos: Franca Bülow & Ausleihbar

Gazi Sikican

Gazi Sikican

Ich bin zwar kein gebürtiges Nordlicht, fühle mich hier aber schon seit Jahren verwurzelt. Ich habe Germanistik und Anglistik an der CAU studiert und die vergangenen 5 Jahre in einer PR-Agentur gearbeitet.