Kiel kocht interkulturell

Syrien ist seit einiger Zeit in aller Munde. Ich weiß jetzt zwar einiges mehr über die aktuelle Lage der Menschen vor Ort, doch immer noch nicht viel über das Land, seine Leute und seine Kultur. Ein Kochabend von Kiki- Kiel kocht interkulturell bietet mir die Möglichkeit, diese Kultur mit all meinen Sinnen zu erfahren.

Kulinarik trifft Kultur

In der Sozialkirche in Gaarden finden sich an diesem Abend ein Dutzend Kochwillige ein – eine Mischung von Studierenden, Berufstätigen, KielerInnen und Geflüchteten. Gespannt schauen sich die Teilnehmenden an und Einige versuchen bereits mit einem Blick auf den großen Berg Zutaten zu erraten, was heute auf dem Speiseplan stehen könnte.

Das Gründerteam besteht aus den vier befreundeten Kommilitoninnen Lea, Teresa, Jana und Anna-Lena. Die Grundidee für das Projekt entstand aus Erfahrungen von Lea und Jana bei kulturgrenzenlos, einem interkulturellen Tandemprojekt, das sie vor zwei Jahren gegründet haben. „Die eigene Esskultur ist etwas, das man sehr einfach aus seiner Heimat mit nach Deutschland nehmen kann. Außerdem bietet gemeinsames Essen eine gute Möglichkeit, in eine fremde Kultur einzutauchen“, erzählt Lea.

„Bei unseren Treffen haben wir festgestellt, dass es viel mehr Spaß macht, gemeinsam zu kochen und voneinander zu lernen, anstatt einfach nur fertige Gerichte zu probieren“, ergänzt Jana.

Teresa, eine leidenschaftliche Köchin, hatte auch davor schon im kleinen Rahmen Kochabende mit Freunden aus Indien und Mexiko veranstaltet. Kiki ist für sie die Chance, ein Projekt mit ihren Freundinnen auf die Beine zu stellen, selbst unbekannte Gewürze und Zutaten kennen zu lernen und Andere mit neuen Kochideen zu bereichern.

Anna-Lena lädt nach jedem Urlaub ihre Freunde ein, um etwas Typisches aus dem Urlaubsland zu kochen. „Und dann wird es jedes Mal doch nicht so, wie ich es in dem Land gegessen habe“, sagt sie lachend. „Das klappt einfach nur dann, wenn man die Speisen mit einem Einheimischen gekocht hat!“

Authentisch syrisch

Unsere Köchin des Abends heißt Bothina, sie kommt aus Aleppo. Ihr Sohn, Ayman, ist bereits länger bei kulturgrenzenlos aktiv. „Sie brachte zu einem unserer Treffen Pizzateig für gefühlt fünfzig Pizzen mit – für uns war klar, sie wäre genau die richtige für einen kiki-Kochabend“, erinnert sich Lea begeistert. „Wir suchen nicht professionelle Köche, sondern Leute, die leidenschaftlich gern kochen und Lust haben, ihre Esskultur allen schmackhaft zu machen“, stellt Jana fest.

Die Rezepte hat Bothina selbst ausgewählt und die notwendigen Zutaten gemeinsam mit dem Team eingekauft. Die einzige Anmerkung der Kiki-Projektgründerinnen: Bitte auch etwas Vegetarisches! „Wir möchten, dass die Köche so authentisch wie möglich kochen und auch die Rezepte aussuchen, die sie gerne kochen möchten, jedoch auch Vegetarier sollen die Möglichkeit bekommen, so viel wie möglich zu probieren“, erklärt Lea. An dem Kochabend hält sich das Team weitgehend im Hintergrund. „Wir möchten unsere Köche so viel wie möglich unterstützen, doch sie spielen die Hauptrolle“, erklärt Teresa.
Bothina begrüßt uns auf Deutsch und erklärt in einem Mix aus Deutsch-Englisch-Arabisch bei dem sie einen kleinen Zettel mit deutschen Begriffen zur Hilfe nimmt, welche Leckereien wir heute zaubern werden. Man merkt ihre Aufgeregtheit und dass sie sich sehr bemüht, alles richtig auszusprechen. Gleichzeitig muss sie selbst über ihre Vermischung der verschiedenenSprachen lachen. Das macht sie nicht nur total sympathisch, sondern lässt schon zu Beginn des Abends eine lockere Atmosphäre entstehen.

Wir werden aufgefordert, uns auf verschiedene Tische zu verteilen, wo große Mengen an Zutaten darauf warten, von uns zerpflückt, geschnitten oder geschält zu werden.

Ich sitze an einem Tisch mit drei syrischen Frauen. Sprachliche Differenzen überwinden wir mit Händen, Füßen und viel Humor. Gesprächsstoff bietet beispielsweise meine Unwissenheit, Koriander auf typisch syrische Art zu zerkleinern. Das führt zu großer Erheiterung meiner Kochkolleginnen. Wer hätte gedacht, dass man bereits bei so kleinen Kochschritten so viel lernen kann.

Beim Kochen kommen die Menschen zusammen

Bei uns nehmen die Leute von Anfang bis zum Ende teil – vom Schnibbeln bis zum Abräumen“, erklärt Jana das Konzept. Die Köchin vermittelt die nächsten Schritte und zeigt uns, wann welche Zutaten vermischt werden. Immer wird in Kleingruppen gearbeitet. So komme ich mit vielen der Teilnehmenden ins Gespräch. Auch das ist ein wichtiges Ziel von Kiki. „Wir wollen ein Projekt, wo sich unterschiedliche Menschen – sowohl verschiedene Generationen als auch unterschiedlicher Herkunftsländer – begegnen und kennenlernen“, wünscht sich Jana. Für die Teilnahme am Kochkurs ist es nicht notwendig bestimmte Fähigkeiten oder Kenntnisse zu besitzen. „Hier helfen alle zusammen und jeder lernt etwas Neues“, erzählt Lea überzeugt.

Dem Team ist wichtig, Kochkurse anzubieten, die sich jeder leisten kann. Sie werden dabei vom Verfügungsfond Gaarden finanziell unterstützt. „Die Teilnahme erfolgt auf Spendenbasis“, beschreibt Teresa. „Wir schreiben immer transparent auf, wie viel wir für die Zutaten bezahlt haben und wie viel das pro Person kosten würde.“ Danach kann jeder selbst entscheiden, wieviel er oder sie gibt.

Köstliche Aussichten 

Kiki bietet jeden Monat, bis zu den Sommerferien, einen Kochkurs an. „Wir versuchen dabei möglichst abwechslungsreich zu sein und verschiedenen Kulturkreisen und Kontinenten eine Küche zu bieten“, sagt Jana.

Danach stellt sich die Frage, wie wir weitermachen“, erzählt Lea, „denn wir nähern uns dem Ende des Studiums.“ Wahrscheinlich wird es eine Pause geben, bis alle mit ihrer Masterarbeit fertig sind. Das Team sucht jetzt schon nach möglichen NachfolgerInnen. Lea hat auch noch eine andere Vision. Inspiriert vom internationalen Foodmarket in London möchte sie ein Event auf die Beine stellen, bei dem bis zu zehn verschiedene Köche live kochen und die Menschen zusehen und dann die Speisen bei guter Atmosphäre und Musik genießen können.

 Unaussprechlich leckere Gerichte

Nach circa zwei Stunden ist es soweit: Mit großer Vorfreude und ebenso großem Hunger sitzen wir an einer langen, gedeckten Tafel, hören syrische Musik und sehen eine Präsentation mit Bildern aus Syrien, die Bothinas Sohn zusammengestellt hat. Jetzt sind wir circa dreißig Leute, denn jeder Teilnehmende darf eine weitere Person zum Essen einladen.

Sechs Gerichte, die wir heute gemeinsam gekocht haben, werden aufgetischt:

Hummus, Mutabal, Tabbouleh, Bohnen mit Tomate, Sumaghiyyeh und Ananaskuchen. 

Das klingt nicht nur außergewöhnlich, sondern schmeckt auch außergewöhnlich gut!

Mit wohl gefülltem Bauch, vielen schönen Eindrücken, interessanten Gesprächen und guten Rezeptideen gehe ich nach Hause.

 

Fotos von Anna Lena Kolze

 

 

Irina Bartmann

Irina Bartmann

Um meinen Master in "Sustainability, Society and the Environment" an der Uni Kiel zu machen, habe ich Bergluft gegen Ostseebrise getauscht. Seit 2016 bin ich Projektmitarbeiterin bei yooweedoo. Ich bin begeistert von den vielen inspirierenden Projekten und Start-Ups die ich bei meinen Interviews kennenlerne.