Kreative Impulse, Inspiration und Vielfalt unter einem Dach: Das ALTE MU Impuls – Werk ist Kiels Experimentierraum für gelebte Nachhaltigkeit

Kieler Honig, Glückslokal und Goldeimer – so unterschiedlich diese Projekte thematisch auch sind, eines haben sie neben ihrer nachhaltigen Orientierung gemeinsam: Sie befinden sich alle in den Räumlichkeiten der Alten Muthesius Kunsthochschule, kurz: ALTE MU. Höchste Zeit für die Funkenzeit, dem Ort, der über 20 Projekten Raum und Inspiration bietet, einen eigenen Artikel einzuräumen!

Mit dem Ende des Jahres endet auch der Nutzungsvertrag für die Räumlichkeiten des ALTEN MU Impuls – Werks

Höchste Zeit auch deshalb, weil die Zukunft der ALTEN MU aktuell hitzig diskutiert wird. Ich statte Daniel und Felix, zwei der fünf Vorstandsmitglieder des Vereins “ALTE MU Impuls – Werk e.V.”, einen Besuch ab, um mehr zu erfahren. “Am 31.12.2015 läuft unser Nutzungsvertrag für die Räumlichkeiten aus und wird von der Muthesius Kunsthochschule nicht verlängert.” Felix beschreibt die Tatsachen sachlich: “Wir führen Gespräche mit den politischen Akteuren und haben zahlreiche interne Treffen gehabt, um unser Konzept und eine Vision zu entwickeln.” Mit diesen Sätzen sind wir mittendrin in einem Gespräch über Realität, Motivation und Zukunftsträume.

Ideenpfad bei Quer Beet

Vom Pläneschmieden am Küchentisch bis zur Vereinsgründung

2012 verließ die Muthesius Kunsthochschule die Gebäude am Lorentzendamm. Gleichzeitig hatte sich das Projekt Kieler Honig über den yooweedoo Ideenwettbewerb gegründet und war auf der Suche nach einem Lager. “Die Anfrage nach Räumlichkeiten stieß bei der Verwaltung der Muthesius Kunsthochschule direkt auf offene Ohren”, erinnert sich Felix. “Wir sind hier eingezogen und drei Monate später kam Goldeimer dazu, dann das Fahrradkinokombinat.” Daniel ist einer der Mitbegründer der Kieler Stadtimkerei. “Das ging relativ schnell so weiter. Nach einem Jahr waren wir um die zehn Projekte.”

Die Projekte kannten sich untereinander kaum. “Daniel und ich saßen in der Küche zusammen und haben überlegt, wie wir hier eine Struktur reinbringen könnten.” Felix arbeitet für yooweedoo und hat die Projekte von Anfang an begleitet. “Es kamen immer mehr Projektanfragen. Wir wollten uns selbst verwalten und haben im August 2014 zum ersten Plenum gerufen.”

Interview mit Daniel und Felix in der Thinkfarm

“Am Anfang war die Euphorie groß, dann sind wir schnell auf den Boden der Tatsachen zurück gekommen.”

In einer bunten Gruppe aus Menschen hat jeder eine andere Vorstellung davon, wie abgestimmt und ein Konsens gefunden wird. “Wir waren uns einig darüber, dass es hier basisdemokratisch ablaufen sollte.” Daniel erzählt von den ersten Plenen: “Die Diskussionen dauerten oft bis zu fünf Stunden. Wir mussten lernen, dass wir nur in der Geschwindigkeit der Gruppe voran kommen.” Zeitgleich kam die Nachricht der Muthesius Kunsthochschule: “Der Hausmeister hört auf, wir brauchen jemanden, der die Räume verwaltet.” Daniel wurde als Liegenschaftsverwalter angestellt. “Wir sind dann nach und nach zu einem Leitbild gekommen, haben eine Satzung entwickelt und Arbeitsgruppen aufgestellt.” Im September 2015 wurde daraus der Verein “ALTEMU Impuls – Werk e.V.” gegründet – ein Jahr nach dem ersten Plenum.

Gärtnern bei Quer Beet

“Wie können wir die ALTEMU der Öffentlichkeit zugänglich machen?”

“Wir haben uns überlegt, wie wir das ganze hier der Öffentlichkeit zugänglich machen können”, erinnert sich Felix. Aus der Frage heraus entstand die Idee der Jahreszeitenfeste. 2014 gab es das erste Sommerfest. Verschiedene Projekte stellen sich dann vor, bieten vielseitige Aktionen und ein kreatives Programm für die BesucherInnen an. Im Innenhof entsteht so zwischen Gemüseanbau und Komposttoilette ein Ort für Austausch und Dialog. “Wir haben bei den Festen zwischen 600-1000 Gäste und dadurch eine große Wahrnehmung in Kiel.”

Stimmung beim Sommerfest im Innenhof

Diese Öffentlichkeit ist für die politische Entscheidung, was ab 2016 mit der ALTEN MU passiert, wichtig. “Wir werden sehr positiv in der Stadt und im Land von politischen Akteuren und Bürgern aufgenommen.” Felix erklärt den Stand der Dinge. “Dennoch ist das Gebäude hier eine Landesliegenschaft, die in dieser Lage eine sehr hohe Wertigkeit hat.” Das bedeutet finanzielle Mittel fürs Land, die für Hochschulbauten eingesetzt werden sollen.

Sommerfest im Innenhof mit Grillstand

Drei Säulen: Wohnen, Arbeiten und Bildung

“Wir haben die Gegenposition, dass wir für die Stadt Kiel etwas Mittel- bis Langfristiges planen, das auch eine Impulswirkung auf das ganze Land hat.” Anhand eines Kreislaufmodells erklären die beiden das Konzept der ALTEN MU. “Der Kreislauf beschreibt, dass es immer darum geht Wissen einzubringen, davon zu lernen, danach zu handeln und das dann weiterzugeben.” Aus der Verknüpfung von Wohnen, Arbeiten und Bildung soll in der ALTENMU so ein Ort entstehen, der die verschiedenen Säulen zusammenführt und aktive Integrationsarbeit leistet. “Wir wollen Kiel bereichern, indem wir einen Ort schaffen, in dem alle Bürgerinnen und Bürger – von Studierenden über Senioren und Geflüchtete – zusammen kommen.” Wenn Felix erzählt, merkt man, wie viele Gedanken er sich schon gemacht hat, um diesen Ort weiter zu entwickeln.

Dynamik in der ALTENMU als Kreislaufmodell

“Wo wollen wir hin?”

Das ist die zentrale Frage der Vereinsmitglieder. “Wir wollen neben dem Verein eine Genossenschaft gründen, die dann diese Liegenschaft vom Land kauft um das, was hier innerhalb eines Jahres entstanden ist, fest in Kiel und im Land Schleswig-Holstein zu verankern.” Daniel beschreibt konkret die nächsten Schritte. “Seit ein paar Tagen gibt es ein Konto. Jeder kann Fördermitglied werden und die ALTE MU direkt unterstützen.” In den Räumen am Eingang ist ein kleines Vereinsbüro eingerichtet, dass unter der Woche von 10 bis 17 Uhr geöffnet sein wird. “Außerdem wird es ein kleines Arbeitsamt für Aktivitäten und eine Freiraumzentrale geben, die über die Räume informiert.”

MUtopie – Pläne für die Zukunft

Die beiden fordern mich auf, in die Mitte der Thinkfarm zu kommen. Auf dem Tisch liegt ein riesiger Plan: die MUtopie. “Wir haben wild drauf los geschrieben, was wir wollen.” Felix erklärt den Enstehungsprozess der Graphik. Ein Café und Yoga auf dem begrünten Dach, Hochbeete und Wohnraum – auf dem Plan gibt es eine Bandbreite an Ideen zu entdecken. “Im Grunde sind das Projekte, die schon angefangen haben und jetzt auf die nächste Ebene gehoben werden.” Ich entdecke eine Station des Kieler Tretwerks. In Verbindung mit verschiedenen Projekten, aber auch mit der Stadt Kiel und der Universität soll hier ein kreativer Experimentierraum entstehen. “Durch die Zusammenarbeit der Projekte entstehen neue Möglichkeiten”, Daniel erzählt begeistert, was hier gewachsen ist, “wenn zum Beispiel im ‘Urban Gardening’ nicht nur gegärtnert wird, sondern Raumstrategen, Kommunikations- und Industriedesigner zusammenarbeiten, ergeben sich neue Synergien daraus.”

Erklärung der Mutopie

Impulse aufnehmen und nach außen tragen

“Offenheit, in den Dialog treten und sich austauschen, deswegen haben wir den Namen Impuls – Werk für den Verein gewählt.” Die ALTE MU ist ein Ort, in dem Impulse aufgenommen, integriert und nach außen gegeben werden. “Wenn man das jetzt weiter spinnt, was hier in einem Jahr entstanden ist, dann macht das unglaublich Lust auf mehr.” Wenn Daniel in leichtem Berliner Dialekt spricht, leuchten seine Augen. Er schaut mich geradewegs an, so dass ich direkt merke, wie ernst er meint, was er sagt. “Manchmal ist es anstrengend und ich könnte alles hinschmeißen, aber das sind nur kurze Momente. Für mich persönlich ist es das Beste, das ich je gemacht habe.”

Innenhof der Alten Mu mit Sonnensegel

Fotos von Anna-Lena Kolze, Maximilian Bischof und Felix Wenning

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.