Leadership – eine Dialogerfahrung im Stuhlkreis

An den Wänden hängen bunt beschriebene Flipcharts. Die Stühle stehen im Kreis angeordnet. Der Raum, der tagsüber als Büro für Organisationsberatung genutzt wird, ist nun Treffpunkt für eine Gesprächsrunde zwischen sich noch unbekannten Leuten. 

Vier der Stühle sind belegt und die Menschen darauf schauen mich erwartungsvoll an, als ich 20 Minuten zu spät in das Büro in der Einsteinstraße 1 im Wissenschaftspark haste.
Einsteinstraße und nicht Albert-Einstein-Straße, die liegt nämlich mitten in einem Wohngebiet in Kronshagen und wirkte 20 Minuten zuvor nicht wie ein Ort, an dem ein Dialog-Abend stattfinden würde. 

Auch wenn ich den Ort nicht richtig aus der E-Mail entnommen habe, wusste ich doch, was mich inhaltlich erwartet. Die Organisationsberaterin Carol lud zu einem Park-Dialog ein. Im „Circle“ soll eine Konversation zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen entstehen. Das Thema diesmal: „Leadership”. Was genau das für jeden einzelnen bedeutet, ergibt sich erst im Gespräch.

Ich nehme im Stuhlkreis platz, in dem in meiner Vorstellung deutlich mehr Teilnehmende saßen. „Eigentlich braucht es für einen Dialog-Abend mindestens acht Teilnehmende“, berichtet Carol von ihren Erfahrungen in Berlin. Wir schauen uns schulterzuckend an. Wir sind schließlich da und neugierig auf das, was uns erwartet. Carol ist offen für Experimente, schüttelt kurz ihren Oberkörper, als wolle sie die Skepsis abwerfen und erklärt uns die Gesprächsregeln.

Auf einer Pappstellwand hängen vier Schilder: Mover, Opposer, Follower und Bystander. Die vier Haltungen kann es im Gespräch geben. Sie zeichnen sich durch unterschiedliche Qualitäten aus: von Herzen sprechen, Verlangsamen, offenes Zuhören und lernendes Verhalten. „Versucht in eurem ersten Dialog-Abend, erstmal eine Position einzunehmen”, beruhigt uns Carol. Ich versuche hastig, mir die Beschreibungen der Rollen einzuprägen.

Carol klopft sacht gegen die Klangschale und läutet den Dialog ein. Ab jetzt muss zum Reden das Talking-Piece, ein türkisfarbener Stein, aus der Mitte in die Hand genommen und nach jedem Wortbeitrag wieder dorthin zurückgelegt werden. Es dauert einen Moment bis meinen Sitznachbarin zum Stein greift. Leadership in der eigenen Erziehung fällt ihr spontan ein. Dazu kann ich aus Erfahrung als rebellierende Teenagerin auch was sagen. Ich knete meine anfängliche Nervosität in das Redestück. Plötzlich kommen mehr Impulse in die Runde. Wir kommen von Erziehung auf autoritäre Chefs, flexible Arbeitszeiten und Selbstdisziplin, bis hin zu Rollenbildern und Wertewandel in der heutigen Arbeitswelt. Auf die Stellwand schaut niemand mehr. Alle sind konzentriert darauf, zuzuhören und mitreden zu können. Die verschiedenen Gesprächshaltungen scheinen vergessen zu sein.

Nach 45 Minuten gibt Carol ein Zeichen. Unsere verabredete Redezeit ist vorbei. Wir beschließen uns weitere 30 Minuten zu geben und das Gespräch nimmt wieder an Fahrt auf. Unsere Ansichten sind unterschiedlich. Kein Wunder, ich bin mindestens 20 Jahre jünger als der Rest, der Mann zu meiner Linken ist Ingenieur, die Frau gegenüber Projektmangerin, die Mutter zu meiner Rechten arbeitet derzeit von zu Hause.

Nach der Idee von David Bohm soll ein Dialog entstehen, in dem durch die Diversität der Teilnehmenden das Verständnis füreinander, aber euch ein tieferes Verstehen für das übergeordnete Thema, wächst. Während Gespräche in Alltagssituationen oft eine Weitergabe von Informationen oder ein Austausch von Argumenten sind, soll hier eine lernende Haltung geübt werden. Im Idealfall soll aus dem Potenzial der Gruppe etwas Neues gedacht und vielleicht sogar getan werden.
Wir haben an diesem Abend zwar kein wirksames Patentrezept für eine guten Führungsstil entwickelt, aber unsere eigene Wahrnehmung überdacht, neue Sichtweisen gewonnen und eine ganz andere, reflektiertere Gesprächshaltung eingenommen. Beim nächsten oder vielleicht auch übernächsten Mal ist dann mein Ziel, bewusst eine der vier Rollen im Dialog einzunehmen und vielleicht sogar zwischen ihnen zu hin und her zu springen. Auch wenn mir die Unterhaltung nicht so viel  Aufschlussreiches über das Thema „Leadership“ vermittelt hat, so habe ich viel über mein eigenes Verhalten in Gruppengesprächen mitnehmen können. Zum Beispiel einfach mal Reaktionen zurückhalten, die eigenen Impulse betrachten und überdenken, das kommt im Alltag oft zu kurz.

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.