Mehr Lebenszeit für deine Kleidung

„Ich habe ein Problem damit, dass wir unsere kaputten Jeans nicht selbst flicken können!“ Debby sitzt mit ihren Kommilitoninnen Christine und Ursula hinter einer alten Nähmaschine.„Ich bekomme secondhand Kleidung von Freunden, die meist zu groß ist“, fährt Debby fort, „auch zu Hause in Hong Kong bin ich zu klein und schlank für die meisten Klamotten“. Eine professionelle Schneiderei ist für den studentischen Geldbeutel oft zu teuer. Wenn sich Shirts noch mit der Hand umnähen lassen, wird es spätestens bei der Jeans zu kompliziert. Dann ist eine Nähmaschine und ein gewisses Know-How erforderlich. Das richtige Werkzeug und passende Wissen möchten die drei Studentinnen in ihrem Projekt Nadelköppe, das sie im Changemaker Kurs an der Uni entwickelten, vermitteln.

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Es wäre großartig einen Ort zu haben, an dem Leute Nähmaschinen nutzen können und zu bedienen lernen

Wer könnte das Know-how vermitteln? Für die drei war schnell klar, dass ältere Damen die passende Zielgruppe ist, um Handarbeitskenntnisse zu vermitteln. „Wir haben Flyer in Supermärkten und ambulanten Pflegediensten verteilt“, erzählt Ursula, „aber am effektivsten war der Zeitungsartikel in den Kieler Nachrichten“. Daraufhin meldeten sich auch Leute, die alte Nähmaschinen, Zubehör und Textilien abzugeben hatten.

Mittlerweile ist ein Kreis aus fünf bis acht Frauen entstanden, die zwischen 40 und 87 Jahre sind und die Wissensgruppe des Projekts „Nadelköppe” bilden. Es ist ermutigend zu merken, wie motiviert die Damen sind und wie sehr sie wollen, dass die Nähwerkstatt entsteht“, sagt Christine fasziniert. Sie ergänzt: „Hier kommen Leute in Kontakt, die sich normalerweise nicht treffen würden“. In netter Atmosphäre entsteht so ein Raum, an dem gemeinsam geschnackt, gearbeitet und Erfahrungen ausgetauscht werden können.

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Handwerkskenntnisse gehen über die Generationen verloren

„Wir jungen Leute haben die Gewohnheit, ständig neue Dinge zu kaufen“, stellt Debby fest. Die Nadelköppe wollen Kleidung eine längere Lebensdauer geben und gleichzeitig den Konsum zurückfahren. Ursula erzählt von ihrem ganz persönlichen Antrieb: „Als ich zwischen acht und zehn Jahre alt war, habe ich genäht, aber dann ist meine Oma verstorben, die mir das Wissen weitergeben hat.“ Sie schiebt hinterher: „Jetzt hoffe ich, dass sich meine Kenntnisse ganz schnell verbessern.“

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Unsere Vision ist es, regelmäßige Öffnungszeiten zu haben

Angefangen hat das Projekt mit Workshops in den Räumen der Thinkfarm im Alte Mu Impuls-Werk e.V. Mittlerweile teilen sie sich einen Raum mit dem yooweedoo Projekt „Entzückt“ und entwickeln derzeit ein Konzept, um das Projekt und die Raumkosten tragen zu können. „Die Werk statt Konsum war unser Vorbild“, sagt Christine, „wir möchten auch einen Raum mit festen Öffnungszeiten als Nähwerkstatt schaffen“.

Doch Studium und Projektarbeit unter einen Hut zu bekommen ist gar nicht so einfach. „Es ist einfach zu untertreiben, wie viel Zeit wir tatsächlich hier reinstecken”, gibt Christine zu, „manche der Damen haben beispielsweise keine E-Mail-Adresse und wir müssen sie jedes Mal anrufen.“

Zum Semesterstart im Herbst soll der Raum hergerichtet und einmal pro Woche geöffnet sein. Dann können kaputte Klamotten wieder aus dem Schrank gekramt und die Lieblingsjeans endlich geflickt werden.

Bis dahin finden weitere Workshops statt, zum Beispiel am 17.06.2016 ein Jeans-Upcycling Workshop an der Uni. Auf dem Tisch liegen bereits die Etuis und Aufbewahrungsboxen aus alten Jeans. Am 22. Juni sind die jungen Frauen mit einer Aktion auf dem MUDDI Markt der Kieler Woche anzutreffen, um auf die kurze Lebensdauer von Kleidungsstücken aufmerksam zu machen.

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Fotos von Iryna Zamuruieva

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.