Mit Marmelade gegen den Kinderhunger

„Wir sind die Reste Ritter.“ Selbstbewusst, bodenständig und unterwegs auf einer ehrbaren wie mutigen Mission: Lebensmittel vor der Verschwendung retten und so dem Kinderhunger in Kiel den Kampf ansagen.

„Es passte nicht zusammen, dass in derselben Stadt so viele Lebensmittel weggeschmissen werden und gleichzeitig Kinder nicht genug zu essen haben.“ Rund 2300 Kinder in Kiel sind betroffen. Ein warmes Mittagessen in der Schule ist finanziell nicht drin. Aus Unverständnis entwickelte sich bei Moritz Dietzsch der Drang aktiv etwas zu verändern. So kompliziert die Probleme auch scheinen, die Lösung der Reste Ritter ist simpel: Sie sammeln übrig gebliebenes oder aussortiertes Obst von privaten Leuten und Händlern ein und kochen daraus leckere Marmeladen und Chutneys. Die leckeren Ergebnisse wie Bratapfel-, Birne- Weiße Schokolade- oder Traube-Apfel- Marmelade können dann unter anderem in der AWO Geschäftsstelle in Kiel oder der Galerie Seepferdchen in der Alten Mu erstanden werden. Immer neu, kreativ und spontan. Dabei auch noch völlig transparent, denn mit dem Erlös unterstützt das Team das Projekt MachMittag e.V. Dieses setzt sich gegen den Kinderhunger in Kiel ein.

„Wenn wir nur eine Person, die vorher viel weggeschmissen hat zum Umdenken bewegen, dann hat es sich gelohnt.“ (Moritz Dietzsch)

Bereits bei den Pfadfindern setzte sich der Mitbegründer Moritz Dietzsch der Reste Ritter gegen die Verschwendung von Lebensmitteln ein. Später kämpfte er als FÖJler der Nordkirche auf der Grünen Woche in Berlin und kochte Marmelade aus „geretteten“ Lebensmitteln. Dort war auch sein Mitstreiter Nick Eßwein mit am Start. Schnell wurde den beiden klar: Einzelne Aktionen reichen nicht. Wir brauchen ein dauerhaftes Projekt. Im Geographiestudium komplementierte Oke Hansen das Trio. Die Reste Ritter waren geboren. Die Idee war da. Motivation auch. Und nun? Die ersten Pläne waren fertig, aber anzufangen ist am schwersten, erinnert sich Moritz. Dank des yooweedoo Ideenwettbewerbes kam das Projekt ins Rollen. Nun mussten sie liefern und die Idee umsetzen. Die Erinnerung führt sie zurück ins yooweedoo Summer Camp, an den windigen Strand von Sylt. Wie beschreibt man sein Projekt in einem Satz? Am Ende wurden es drei Sätze und eine wichtige Erfahrung. Doch das Team brauchte nicht nur eine kostenlose Küche, Geräte und Lebensmittel, die gerettet werden wollten. Die rechtlichen Vorgaben des Gesundheitsamtes und der europäischen Konfitüren-Verordnung machten es nicht leichter. Hier zeigt sich das enorme Potenzial der Stadt an der Förde. Kiel bietet eine super Infrastruktur und die richtige Größe, um ein Start-up zu testen und außerdem noch genügend kreative Räume und eine nachhaltige Szene, schwärmt Moritz.

„Das Thema Lebensmittel retten ist gerade mega trendy. Das will jeder unterstützen.“ (Moritz Dietzsch)

Schnell wurde der Radiosender R.SH auf die Ritter aufmerksam. Ein öffentlicher Aufruf für die Küchensuche wurde gestartet. Der NDR und Sat.1 Regional folgten. Doch der Durchbruch gelang über alte Kontakte. Ein neues Zuhause fand das Team in der Küche des Nachbarschaftsprojektes der AWO in Gaarden. Auch eine Grundausrüstung war mit dem Startkapital des Ideenwettbewerbs schnell gefunden. Ganz neu ist der Entsafter. Ein Geschenk der Großmutter. Die gesundheitsrechtlichen Vorgaben waren eine Herausforderung. Doch auch die haben die hartnäckigen Ritter gemeistert.  Und die Lebensmittel? Die meisten Supermärkte geben ihre übrigen Lebensmittel an die Tafel. Da war für das Team nichts mehr zu holen. Noch aus FSJler Zeiten kannten die Gründer den Kieler Großhandel Brötzmann KG. Geschäftsführer Thorben Stampe war gleich vom Konzept der Reste Ritter überzeugt. Er sicherte eine wöchentliche kostenlose Abgabe von Obst und Gemüse zu. Äpfel mit kleinen Macken. Trauben mit der ein oder anderen Stelle. Ware der dritten Wahl. „Wir haben uns beim Aussehen von Äpfeln an einen Standard gewöhnt“, erklärt Moritz. Deshalb sind viele Lebensmittel für den Verkauf nicht mehr geeignet, aber zum Wegschmeißen zu schade.

 „Wenn ich einen Apfelkuchen backe, ist es doch egal, wie der Apfel aussieht.“ (Moritz Dietzsch)

 Recht so. Lecker muss es vor allem sein. Doch noch immer greifen wir nach dem optisch einwandfreiem, dem am längsten haltbaren Produkt. Und verbrauchen es meist doch am gleichen Tag. Das andere Extrem: Lebensmittel, die ungebraucht gelagert werden bis sie scheinbar nicht mehr zu gebrauchen sind. Jährlich werden laut WWF 18 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln deutschlandweit weggeworfen. Dass es anders geht, beweist das Team unter anderem auf ihren Schnippelparties. In netter Atmosphäre gemeinsam gerettete Lebensmittel zum Einkochen kleinschnippeln und Spaß haben. Die Reste Ritter kochten daraus nicht nur das Abendessen für die Helfer*innen sondern auch die ersten Marmeladen zum Verkauf. Das kam gut an. Gut einhundert Personen folgten dem Aufruf der Reste Ritter. Die Resonanz zeigt eindeutig: das Thema trifft einen Nerv.

 „Wir haben den Leuten gezeigt, dass aus vermeintlichem Müll etwas Gutes entstehen kann.“ (Nick Eßwein)

 Den ResteRitter geht es nicht nur darum Lebensmittelverschwendung sondern auch darum den Kinderhunger zu bekämpfen. Kann eine Stadt wie Kiel, kann eine Gesellschaft, wie die unsere, Kinderhunger moralisch noch vertreten? Der Kinderhunger existiert mitten in unserer Gesellschaft. Dagegen kämpft seit 2015 der Förderverein MachMittag e.V. Nach dem Sieg beim yooweedoo Ideenwettbewerb und dem Auftritt bei R.SH wurde der Verein auf die Reste Ritter aufmerksam. Seitdem spenden die Reste Ritter mit jedem verkauften Glas geretteter, eingekochter Lebensmittel 1€ an MachMittag e.V.  Dies kommt auch bei den Konsument*innen gut an. Denn das mit der ehemaligen Kieler Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz prominent besetzte Projekt ist bekannt, die Spende bleibt vor Ort und versickert nicht. Das motiviert zum Mitmachen.

 „Wir sind nicht nur Studenten, die Marmelade kochen.“ (Moritz Dietzsch)

 Seit zwei Jahren vergibt die Stadt Kiel den Kieler Nachhaltigkeitspreis. Das Thema in 2017: Nachhaltiger Umgang mit Lebensmitteln an und um die Förde. Da konnten die Reste Ritter überzeugen. Belohnt mit dem zweiten Platz und einem Preisgeld von 1500€ kann das Projekt nun weiter investieren. „Der Titel des Nachhaltigkeitspreises birgt eine Seriösität. So werden wir noch ernster genommen“, freut sich Moritz. Ihr Projekt soll sich nicht nur finanziell tragen sondern sich auch gesellschaftlich lohnen. Die drei Reste Ritter schreiten mutig voran. Mit Küchenschürze und Kochlöffel bewaffnet, stellen sich sich den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Dafür brauchen sie tatkräftige Mitstreiter*innen. Die nächste Möglichkeit steht bereits zur diesjährigen Kieler Woche an. Am Donnerstag, den 21. Juni bitten die Reste Ritter auf dem MuddiMarkt zur Schnippelparty. Dort hoffen sie, noch mehr Menschen von einem achtsamen Umgang mit Lebensmitteln zu überzeugen.

Fotos von Aki Yasui

 

Sarah Heider

Kieler Sprotte mit Fernweh. Kiel ist mein Heimathafen. Ich freue mich darauf, die vielen kreativen, nachhaltigen Ideen der Region bekannter zu machen.