Moin Moin auf Klick. So geht Ankommen.

Vom Wind zerzaust kommen wir in das Hinterhofgebäude, wo die Agentur Markenwerk ihre Büroräume hat. Der erste Eindruck: hier macht Arbeit vorm Bildschirm Laune. Ein Kicker im Eingangsbereich, davor eine rote Eckcouch, hier und da Pflanzen. Von vorherigen Besuchen weiß ich: oben gibt’s Starwars Wandschmuck an hellen Wänden rund um Tischgruppen mit PCs. Paul macht uns Tee, und wir sitzen bereits muckelig auf der Couch als Birger zu uns kommt. Jetzt kann’s losgehen: wir sprechen über die Moin-Refugee-App.

“Wir sind nicht so die Typen, die sich an den Bahnhof stellen”

Birger und Paul kennen wir von Treffen mit den Initiativen verschiedener Ehrenamtlicher, die sich für Geflüchtete engagieren, und von Gesprächen in unseren weniger hübschen Unibüros. Immer ging es dabei über Möglichkeiten, die Moin Refugee App zu verbessern, mehr Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Bei einem dieser Treffen kam die Frage auf, was eine Firma denn im Kontext der Flüchtlingshilfe für Interessen verfolgt. “Uns geht es darum, mit den Mitteln, die wir bieten können, eine Hilfestellung zu geben”, sagt Birger. Was ein Unternehmen wie Markenwerk tun kann? Einen Wegweiser bereitstellen, schnell geordnete Informationen liefern, Verbindungen schaffen. Ein kurzer Blick auf die Berichterstattung im Kontext der Flüchtlingshilfe reicht aus um zu wissen, wie wichtig das ist.

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Was gibt’s bei der Moin-Refugee-App?

  • Eine vollständige Auflistung aller wichtigen Ämter und Behörden.
  • Leistungsbeschreibungen von Initiativen und Ämtern.
  • Offline verfügbares Kartenmaterial für eine bessere Orientierung in Kiel.
  • Eine Umkreis-Karte mit allen wichtigen POIs die sich in der Nähe befinden.
  • Fotos von Gebäuden und Eingängen der Ämter und Behörden.
  • Eine Bookmark-Funktion zum schnellen Zugriff auf gespeicherte Artikel.

Es ist eine App, die bei jedem Öffnen Moin, Moin ausdrückt und das Ankommen in Kiel erleichtert. Unkompliziert und praktisch sollte sie sein und ist sie geworden. Weil ich null Ahnung vom App schreiben habe, bekomme ich das Ganze von der Pike auf erklärt – und merke, dass die zwei es gewöhnt sind, Interviews zu geben und von ihrem Projekt zu erzählen. Zunächst fiel die Entscheidung für eine App über eine mobile Website wegen der Erreichbarkeit der Inhalte im Offlinezustand. Für Android wurde sie geschrieben, weil die meisten Geflüchteten kein Iphone, Windowsphone oder Blackberry haben. Und dann musste noch ein Content Management System her, das es auch den weniger technikaffinen Helfern ermöglicht, ihre Inhalte einzupflegen.

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Projektwege

Die Arbeit an der App hat etwa 4-5 Monate umfasst. “Wir haben uns sehr in dieses Projekt reingefressen”, sagt Birger über die letzte Zeit. Nach dem ersten Ideenwälzen im Sommer ging die Idee im Team des achtköpfigen Unternehmens durch die Köpfe. Markenwerk ist eine bunte Zusammensetzung aus Informatikern, Webdesignern und Mediengestaltern, die seit zehn Jahren diverse Projekte online und offline bearbeiten. Entscheidungen werden in flachen Hierarchien getroffen. Teamarbeit ist Tagesprogramm, in wechselnden Konstellationen.

Für die Moin-Refugee-App kamen noch etwa 25 freiwillige Helfer hinzu, die Texterstellung, Lektorat und Übersetzung beisteuerten. Viel Unterstützung kam dabei Kiel hilft Flüchtlingen oder auch Tatenkrake. “Das war auch ein sehr gutes Erlebnis”, sagt Birger zu der Zusammenarbeit mit anderen Initiativen. Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Albanisch – Birger und Paul wollten, dass so viele Sprachen wie möglich die App bespielen. „Viele andere Seiten für Geflüchtete gibt’s auf Deutsch und Englisch – das hilft vielen auch nicht weiter“, sagt Paul.

Beim Feinschliff gab es noch einiges zu beachten. Birger erklärt mir, dass Arabische Apps anders aufgebaut sind, der Schließen Button ist auf der linken Seite, die Sprache ist anders angeordnet. Dies war “eine sehr starke technische Herausforderung. Bei einer App die Sprache zu wechseln und dann baut die sich direkt um”, kommentiert Birger.

“Das hat sich gelohnt!”

Das alles klingt nach viel Arbeit. Paul und Birger schauen sich an, zucken mit den Schultern und erzählen, dass es auch viel Zeit eingenommen habe, vielleicht auch mehr als anfangs gedacht. Und dass natürlich daneben andere Projekte laufen mussten – denn Geld verdienen mussten sie ja auch noch. Wann und wie belohnt eine App ihre Entwickler? Die Rückmeldung belohnt. Über 1000 Downloader sind es mittlerweile und vielen hilft die App dabei, sich in Kiel zurecht zu finden. Birger erzählt von einem Treffen an der Uni bei opencampus, wo zwei Syrer die App angeschaut haben und dort genau die Institution gefunden haben, die sie vergeblich gegoogelt hatten. Und das einfach, weil sie auf Arabisch beschrieben ist. So muss das, finden Birger und Paul.

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Ein breiteres Moin! für SH

So soll das eigentlich auch über Kiel hinausgehend sein. Einen digitalen Wegweiser könnte es in ganz SH geben, aber dafür bräuchte das Team mehr Leute, die an der App mitarbeiten und sie mitfinanzieren.  “Wir wollen bestenfalls etwas für ganz SH schaffen. Bestenfalls mit irgendjemand im Hintergund, der an alle Gemeinden herantreten kann”, überlegt Paul.  “Wir versuchen gerade, das weiter voran zu treiben, aber wir können das nicht mehr so machen, wie wir das für Kiel gemacht haben”, erklärt Birger. Das leuchtet ein – All die freiwilligen Helfer und auch das Markenwerkteam können nicht genau so intensiv weiterarbeiten wie bisher.

Birger und Paul hoffen, dass sich jemand findet, der mit ihnen zusammen weiter macht oder sogar die Federführung übernimmt. “Vielleicht geht ja noch was – wer weiß”, mutmaßen die zwei.

Wir drücken die Daumen für mehr Moin Moin!

Photos von Claudia Härterich

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.