Obdachlose lernen durch „Prep Table“ professionell zu kochen

Fiona Donaldson war der Beruf als Köchin in Restaurants zu langweilig. Durch Zufall begann sie in Elternzeitvertretung als Köchin in einem Obdachlosenheim in Edinburgh zu arbeiten. Was als normaler Job begann, entwickelte sich schnell zu einem Projekt von Fiona, das sie bis heute weiterentwickelt. Sie sagt: „Prep Table hat mein Leben übernommen.“

Vom Job als Elternzeitvertretung zum Herzensprojekt „Prep Table“

Im Obdachlosenheim kochte Fiona Essen für 20 Bewohner und acht Angestellte, das die gleiche Qualität wie in einem Restaurant hatte. Nach kurzer Zeit bekam sie von den Bewohnern Besuch in der Küche: Einige wollte einfach nur Abwaschen und dabei Musik hören, andere wollten von Fiona in der Küche lernen. Manchmal fragte Fiona auch, welche Zutat oder welches Rezept die Bewohner gerne ausprobieren würden und dies diente dann als Grundlage für die nächste Mahlzeit. Auch Fiona lernte viel von den Bewohnern. Einige kommen aus anderen Ländern und arbeiteten früher als Köche. Daher lernte sie von einem ehemaligen Koch aus der Türkei beispielweise wie man Baklava zubereitet.

Fiona beobachtete, dass ihre Arbeit und die gemeinsamen Erlebnisse eine positive Wirkung sowohl für die mentale, als auch für die physische Gesundheit der Bewohner hatten. „Für mich ist Essen nicht nur Nahrung, sondern es hat auch eine soziale Dimension, indem es Menschen zusammenbringt. Außerdem kann jemand durch das Kochen mehr Selbstvertrauen aufbauen“, sagt Fiona. Als ihr Vertrag auslief, war für sie klar, dass sie das Projekt weiterführen wollte.

Sie nannte es „Prep Table“ und bewarb sich bei der Organisation „First Port“ in Edinburgh auf ein Startkapital von 5.000 Pfund für ein Pilotprojekt über sechs Monate. Normalerweise kann man sich nach 12 Monaten auf eine weitere Finanzierung „Build it“ bewerben, doch da es so gut lief, wurde sie ermutig, sich bereits nach sechs Monaten zu bewerben. Nach ihrem erfolgreichen Pitch gewann sie wieder die volle Summe, das sind bei „Build it“ 25.000 Pfund, die für Personalkosten zur Verfügung stehen.

Zu Beginn hat sich Fiona nur 700 Pfund pro Monat ausgezahlt, da sie nie wusste, wie es in den nächsten Monaten läuft und sicherstellen wollte, dass Prep Table jederzeit genug Geld zur Verfügung hatte. Die zuletzt gewonnen 25.000 Pfund klingen nach viel Geld, doch die Mieten in Edinburgh sind sehr hoch und auch mit diesem Einkommen kann man sich den Besuch in einem Restaurant oder im Kino kaum leisten.

Prep Table arbeitet in Edingburgh erfolgreich mit verschiedenen Organisationen zusammen

Prep Table arbeitet inzwischen mit verschiedenen Organisationen zusammen, die sich um Obdachlose kümmern. Ein Beispiel ist die Organisation „Rock trust“, deren Zielgruppe Obdachlose zwischen 16 und 25 Jahren sind. Fiona ist bei verschiedenen Organisationen in Einrichtungen aktiv, sorgt aber ebenso dafür, dass Küchen gebaut werden, die es ermöglichen ihr Wissen über Essen weiterzugeben. Zudem bietet sie Catering für Veranstaltungen an. In manchen Obdachlosenheimen gibt es nicht genug Geld, um eine Küche und Essen anzubieten, daher sorgt Prep Table dafür, dass dies möglich ist.

„Für mich sind es keine Obdachlosen, sondern Menschen wie du und ich, die einfach andere Lebensumstände haben. Ansonsten sind wir alle gleich.“ (Fiona Donaldson)

Bei „Rock trust“ ist Fiona Teil einer Kochgruppe, in der sie das erste Mal auf die Jugendlichen trifft, sie kennenlernt und Vertrauen aufbaut. Meistens wollen die Jugendlichen anschließend mehr über Fiona und Prep Table erfahren und werden oft Teil des Projekts. Im Rahmen von Prep Table nimmt Fiona Obdachlose mit in andere Organisationen, sodass sie die Aktivitäten dort kennenlernen, doch sie helfen ihr ebenso, das Essen für das Catering auf Events zuzubereiten. Die Obdachlosen sammeln immer mehr Erfahrung als Köche, haben Aufgaben, tragen Verantwortung und bekommen mehr Selbstvertrauen. „Für mich sind es keine Obdachlosen, sondern Menschen wie du und ich, die einfach andere Lebensumstände haben. Ansonsten sind wir alle gleich“, betont Fiona.

Fionas Vision für die Zukunft

Generell gibt es in Schottland laut Fiona immer mehr Menschen, die arbeiten und trotzdem arm sind. Für diese Menschen möchte sie in Zukunft auch Angebote mit Prep Table schaffen. Außerdem arbeitet sie gerade daran, ihre eigenen Räumlichkeiten zu eröffnen. Sie möchte mindestens drei ehemalige Obdachlose als Mitarbeiter einstellen, die dann ihr eigenes Einkommen verdienen und noch mehr Erfahrung sammeln können. „Ohne eigene Räumlichkeit war es oft eine Herausforderung, das Essen für die Cateringanfragen bei Events zu kochen“, erklärt Fiona. Das Catering ist Teil der Finanzierung von Prep Table und der Stellen, die Fiona schaffen möchte. Ein weiteres Ziel von Fiona ist es, mit der Organisation Fareshare (ähnlich zur deutschen Tafel) zusammenzuarbeiten und die Lebensmittelverschwendung zu minimieren. Lebensmittelabfälle, die von Supermärkten an Fareshare gehen, werden von dort aus an gemeinnützige Organisationen verteilt. Diese Organisationen haben oft viele Lebensmittel übrig, die noch genießbar sind. Diese Lebensmittel würde Fiona gerne in ihren Räumlichkeiten verarbeiten, sodass sie nicht – wie bisher – im Müll landen.

Kleine und große Herausforderungen gehören dazu

Neben den fehlenden Räumlichkeiten gab es für Fiona andere Herausforderungen. Sie würde aus Prep Table gerne eine sogenannte „Community interest company“ machen, doch um ein Social Enterprise zu werden braucht sie beispielsweise einen Aufsichtsrat. Momentan ist sie allerdings die einzige Person, die für Prep Table arbeitet und sich um alles kümmert. Fiona ist einfallsreich und begegnet anderen Herausforderungen ganz pragmatisch: „Ich fahre kein Auto, doch ich schreibe einfach auf meine persönliche Facebookseite wann ich wo sein muss, um Lebensmittel abzuholen oder Essen für ein Catering zu liefern. Meistens hilft mir dann sofort jemand.“ Aus ihrem Umfeld bekommt sie viele positive Rückmeldungen und Freunde und Familie unterstützen sie bei der Umsetzung von Prep Table.

„Es lohnt sich, ein Risiko einzugehen und sich für eine soziale Idee einzusetzen.“ (Fiona Donaldson)

Durch Prep Table hat sie nicht nur viel Unterstützung aus ihrem Umfeld bekommen und Startkapital gewonnen, sondern auch persönlich viel gelernt. „Es lohnt sich, ein Risiko einzugehen und sich für eine soziale Idee einzusetzen“, berichtet Fiona. Sie würde gerne mehr Menschen dazu inspirieren, Möglichkeiten zu sehen und zu nutzen, um sinnvolle Projekte zu kreieren.

Menschen, die bereits angefangen haben ihre Ideen umzusetzen, rät sie den sozialen und ökologischen Mehrwert eines Projektes auf Social Media Plattformen darzustellen. „Man sollte sich allerdings nicht darauf verlassen müssen, dass Menschen die Produkte auf Grund sozialer Werte kaufen. Die Qualität muss ebenso stimmen“, sagt Fiona. Auf Social Media dokumentiert sie die positive Wirkung von Prep Table, damit möglichst viele Menschen erfahren, warum das Projekt lohnenswert ist.

Fiona kann sich nicht mehr vorstellen, in einem normalen Restaurant als Köchin zu arbeiten. Ihr Job als Gründerin von Prep Table ist dynamisch und sie trägt etwas zur Gesellschaft bei. Der Bedarf ist groß, manche Organisationen könnten ohne Prep Table kein Essen in ihren Einrichtungen anbieten. Fiona bekommt fast täglich gesagt, dass Menschen dankbar für ihre Arbeit sind und Prep Table ein tolles Projekt ist. Daraus zieht sie neue Energie, um die nächsten Herausforderungen zu meistern.

Fotos von Prep Table

Jacqueline Knopp

Jacqueline Knopp

Seit 2016 wohne ich in Kiel und fühle mich hier inzwischen zu Hause. Ich freue mich tolle, nachhaltige Projekte vorzustellen, von denen jede*r - auch über die Region hinaus - gehört haben sollte.