Schritt für Schritt auf dem Weg zum restlosen Glück

Krumme Möhren, Äpfel mit kleinen braunen Stellen, dreckige Kartoffeln und eine Milch kurz vor dem Ablaufdatum. Diese und viele andere Lebensmittel werden von KäuferInnen im Handel in der Regel kritisch beäugt. Die Konsequenz: Die Nahrungsmittel werden von Supermärkten in den meisten Fällen nicht zum Verkauf bereitgestellt, sondern aussortiert.  

Wie weit die zu krumme Banane gereist sein mag interessiert dabei niemanden. Ihr Leben endet hier. Und das nur, weil sie nicht so schön ist, wie eine andere? Ein solcher Umgang mit Nahrung ist nicht gerechtfertigt und vor allem nicht richtig, findet der Berliner Verein Restlos Glücklich e.V. Er setzt sich für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln ein.

 

Die Location

Im Berliner Szene-Bezirk Neukölln geht so einiges. Ein schickes Kino neben einer fetten Baustelle. Die Autos rasen, Fußgänger meckern, obwohl sie bei Rot über die Ampel gehen. Jugendliche sitzen mit einem Mate- oder einem Matcha-Getränk vor dem Späti. Gegenüber des schnieken Kinos gibt es eine kleine Straße, wo der Trubel nachlässt. In der Kienitzer Straße befindet sich das Lokal „Restlos Glücklich“. Es ist das Standbein des gleichnamigen Vereins. Die warme Atmosphäre strömt förmlich aus der Tür beim Eintreten in das Lokal. 35 Plätze im Innenraum aus bunt zusammengestellten Möbeln an Holztischen, mit Kerzen und Blümchen verziert, laden zum Essen ein. Die Wände sind handbemalt, mit Fotos dekoriert und auch die täglich wechselnde Speisekarte hängt hier an der Wand.

Jedes Lebensmittel hat es verdient, verzehrt zu werden

Ein Restaurant wie jedes andere individuelle Szene-Restaurant in Berlin? Keineswegs. Dieser Ort ist nicht nur ein Lokal, sondern ein Ort mit geistiger Unterfütterung. „Wir verwerten größtenteils Lebensmittel, die im Handel aussortiert werden“, erklärt Julia. Seit 2015 ist die Wahlberlinerin bei Restlos Glücklich und im Bereich Kommunikation aktiv. Sie interessiert sich stark für das Thema Nachhaltigkeit und suchte einen Ort, wo sie sich engagieren kann und gleichzeitig ihre Skills als Online-Redakteurin anwenden könnte. Bei Restlos Glücklich kann sie beides optimal verknüpfen. „Wir wollen auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen und einen bewussteren Umgang und Konsum mit Lebensmitteln fördern.“

Wenn ein Gast im Restaurant sich für das Konzept genauer interessiert, dann wird er oder sie nicht nur informiert sondern auch mit tatkräftigen Tipps für den eigenen Haushalt versorgt. „Wer hier herkommt, der hat Interesse und ist offen für die Thematik“, sagt Julia. Für sie steht fest: „Allein der Besuch stößt oft schon etwas an bei den Leuten.“

Der Weg von Kopenhagen nach Berlin

Die Gründerin von Restlos Glücklich, Annette Keuchel, war bei einem Kopenhagen-Aufenthalt ganz begeistert von einem Restaurant namens Rub & Stub (ganz und gar), das mit überschüssigen Lebensmitteln kocht. So etwas ähnliches braucht auch Berlin, dachte sie sich. Auf diese Weise wurde die Idee zu Restlos Glücklich im Jahr 2014 geboren. Zu Beginn gab es eine Testphase in Form von kleinen Kochveranstaltungen in angemieteten Küchen hier, und Pop-Up Events da. Die erste Finanzierung lief über ein sehr erfolgreiches Crowdfunding und die Förderung durch den yooweedoo Ideenwettbewerb im Jahr 2015. Vor ungefähr einem Jahr, am 18. Mai 2016, hat der Verein erstmalig die Türen eines eigenen Restaurants geöffnet.

„Es war immer ein Traum, das Restaurant zu eröffnen“, lächelt Julia. „Als dann wirklich der Ort da war und es richtig losging, war es ein ganz toller Moment. Das haben wir jetzt alles erreicht und geschafft.”

Verschiedene Menschen – eine Vision

Beim Verein Restlos Glücklich e.V. kann sich jeder engagieren. Momentan bilden etwa 15 Engagierte das Kernteam. Hinzu kommen circa 70 ehrenamtliche Helfer, die den Verein hauptsächlich in der Küche, im Service und bei Veranstaltungen unterstützen. Darunter finden sich alle Altersgruppen wieder, von 20 bis 60 Jahren. Sie sind über alle Tätigkeitsbereiche verteilt, von Studierenden über Arbeitende bis hin zu Rentnern. „Wir können immer Unterstützung gebrauchen, egal wo“, sagt Julia, „wir sind offen für jeden.“

Doch das Wichtigste ist, dass man auch mit dem Herzen dabei ist. „Uns alle verbindet eine Idee. Die Idee, dass Lebensmittel wieder mehr wertgeschätzt werden sollen“, erzählt Julia, „Und so etwas wollen wir erschaffen.“ Menschen mit tollen Ideen sollten sich nicht von zu viel Grübelei vom Weg abbringen lassen sondern einfach machen. „Es kann funktionieren, wenn du eine Idee hast, eine Vision, dann mache es und setze es um“, sagt Julia mit euphorischer Stimme.

 

Mit dem Thema den Nagel auf den Kopf getroffen

Grob über den Daumen gepeilt wird jedes achte, gekaufte Lebensmittel weggeschmissen. Dass Lebensmittelverschwendung ein faktisches Problem unserer Gesellschaft ist, ist nicht zu leugnen. „Wir hatten sehr viel Aufmerksamkeit in der Presse die letzten Monate“, berichtet Julia, „daran merken wir, dass es ein Thema ist, das die Leute anspricht und relevant ist.“

Sich als kleines Restaurant in Berlin durchzusetzen ist eine bemerkenswerte Leistung, aber Restlos Glücklich hat genau das geschafft. Die Idee und das Thema nachhaltiger und bewusster Nahrungsmittelversorgung scheint auf wachsenden Zuspruch zu stoßen. „Das motiviert einen, sich weiterhin zu engagieren“, freut sich Julia, „es scheint echt in der Bevölkerung angekommen zu sein.“

 

Eine Herausforderung für die Köche – Eine Überraschung für die Gäste

Zweimal in der Woche bekommt das Team von Restlos Glücklich Lebensmittel vom Handel. Dann ist die Kreativität der Köche gefragt. Immerhin wissen sie nie, welche Lebensmittel sie bekommen, was sie nun daraus zaubern können. Auch unverhältnismäßige Mengen der Lebensmittel fordern die Köche heraus. Das bedeutet, wenn beispielsweise nur wenig Gemüse verfügbar ist, dafür aber sehr viel Brot, so muss ein warmes Hauptgericht entstehen, welches alle Lebensmittel verwertet. Schließlich soll bei Restlos Glücklich am Ende des Tages nichts übrig bleiben. Zudem soll das Essen auch noch ansprechend angerichtet sein.

Gar nicht so einfach, oder? „Die Leute wissen zuerst nicht genau, was sie von einem Kochen mit „Resten“ erwarten sollen“, merkt Julia an, „aber dann sind sie immer positiv überrascht.“

Wer auf der Suche nach gewagten Gewürzkombinationen und anderen speziellen Zusammenstellungen ist, ist in der Kienitzer Straße genau richtig. Julia ist der Meinung, dass viele Leute auch in einem Restaurant nach einem besonderen Erlebnis oder Abwechslung suchen. „Ich glaube, dass sie das hier bekommen.“, sagt Julia stolz.

 

Ein Restaurant, das Bildung finanziert

Ein Lokal zu betreiben ist eigentlich nur der erste Teil des Traumes auf dem Weg zum Restlosen Glück. „Was uns am Herzen liegt sind Bildungsprojekte, damit man konkret daran weiter arbeiten kann, den Leuten unsere Botschaft zu vermitteln. Wir wollen gerade bei den jüngeren Menschen ansetzen.“

Gewinne, die nach Abzug der laufenden Kosten, mit dem Restaurantbetrieb und dem Restlos-Glücklich-Cateringbetrieb erwirtschaftet werden, steckt der Verein in eigene Bildungsprojekte. Es gibt Workshops für Erwachsene und Kinder sowie Kooperationen mit Schulen. Das letztendliche Ziel von Restlos Glücklich ist es, eine gut vernetzte, ausgebaute Bildungsarbeit zu schaffen. So der Plan.

Schritt für Schritt restlos glücklich

„Es motiviert, wenn man die einzelnen Schritte geht und sieht, was man schon erreicht hat. Und dann einfach Schritt für Schritt weitergeht.“

Julia, und auch der Rest des Teams, ist überzeugt, dass Restlos Glücklich mit noch mehr motivierten Menschen an seiner Seite noch viel erreichen kann. Das bedeutet vor allem ein langes Leben für die krummen Möhren, die dreckigen Kartoffeln und die angeditschten Äpfel.

 

Fotos von RESTLOS GLÜCKLICH: Andreas Chudowski, Claudia Goedke, Lars Bösch;
und von Josefine Gottschalk