Superfood aus Mölln

Sogenannte Superfoods, wie Avocados oder Chiasamen, stehen wegen ihres hohen Omega-3-Fettgehaltes für eine gesunde und bewusste Ernährung. Was KonsumentInnen ausblenden, ist die schlechte Ökobilanz vieler dieser Nahrungsmittelangebote.

„Avocados zu essen ist in meinen Augen nicht zu Ende gedacht“

Ernährungslieblinge wie Avocados müssen lange Transportwege zurücklegen. Der Anbau von einem Kilogramm Avocado verbraucht laut der ZEIT 1.000 Liter Wasser. Im Vergleich: Ein Kilogramm Salat bringt es auf 130 Liter Wasser. Dabei gibt es heimisches Omega-3-Fettlieferanten. Leinsaat ist – wenn man es so nennen will – solch ein Superfood. Schon die alten Griechen wussten um den hohen Nährstoffgehalt. In der äußeren Hülle befinden sich vor Krebs schützende Lignane, im Kerninneren wertvolle Omega-3-Fettsäuren. Diese sind lebensnotwendig und können vom Körper nicht selbst hergestellt werden. Etwa zwei Gramm Omega-3 pro Tag benötigt ein erwachsener Mensch. Über den Verzehr von unbehandelter und geschroteter Leinsaat können nur 10 – 40% der Fettsäuren vom Körper aufgenommen werden.

Das Möllner Start-up Leinkrämerei nutzt eine Verarbeitungsmethode, die 80% der Omega-3-Fettsäuren und Proteine aus den Kerninnern herauslöst. „Wir haben ein Verfahren entwickelt, in dem wir Leinsamen mit etwas Druck aufpoppen lassen“, erklärt Gründerin und BWL-Studentin Christine, „das Innere kommt so nach Außen und wird dann zu veredeltem Leinmehl zermahlen“. Anders als Leinöl ist das Mehl lange haltbar. Der „matschige, harte Klumpen“, der durch die Verarbeitung entsteht, wird mit Weizen oder Buchweizen gemischt. Linette heißt das nussig schmeckende Endprodukt, das als Salattopping, Müsli oder als Backzutat eingesetzt werden kann. „Das Produkt mit Buchweizen geht am besten“, sagt Christine, „Weizen ist komischerweise verpönt“.

„Unsere Zielgruppe ist ganz unterschiedlich, da das Thema Omega-3 für viele wichtig ist“

Reichlich Omega-3-Fettsäuren stecken in fettreichen Kaltwasserfischen wie Lachs, Makrele oder Hering. „Unser Produkt ist für Veganer interessant, da zwei Löffel Linette den Tagesbedarf an Omega-3-Fettsäuren decken“, sagt die Christine. Sportler, Menschen mit Herz-Kreislaufproblemen sowie Schwangere sind weitere Personengruppen, die besonders auf die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren achten sollten. Derzeit wird Linette in drei Läden angeboten, einer davon ist die Galerie Seepferdchen in Kiel. Den größten Umsatz erwirtschaftet die Leinkrämerei über ihren Onlineshop. „Food-Interessierte sind online-affin und leicht ansprechbar“, sagt die Gründerin, „wir arbeiten mit Ernährungsbloggern bei Instagram zusammen, um die Zielgruppe zu erreichen“.

„Es macht mir am meisten Spaß mit den Leuten zu reden und das Produkt in die Welt zu tragen“

Linette wird aus Goldlein gewonnen, einer besonders fettreichen Sorte. „Unsere Leinsamen sind biozertifiziert und werden in Deutschland und Frankreich angebaut“, sagt Christine. Leinsaat aus Europa ist selten. Obwohl Leinsaat ein uraltes Produkt ist, gibt es heutzutage kaum noch Felder in Deutschland. Kanada, Kasachstan, Russland und die Ukraine sind Haupterzeuger für den Weltmarkt.

„Mein Vater hat eine Firma, die ein ähnliches Produkt als Tierfutter herstellt“, erklärt Christine, „durch die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren werden die Tiere weniger krank“. Das bedeutet weniger Zufuhr von Antibiotikum. Außerdem sind die tierischen Erzeugnisse wie Milch und Eier mit natürlichen Omega-3-Fettsäuren angereichert. In Frankreich ist das Pendant zu Linette bereits erfolgreich. Der französische Firmenpartner des Vaters hat eine ganze Produktpalette mit Omega-3 fetthaltigen Nahrungsmitteln auf den Markt gebracht.

„Ich stehe total hinter dem Produkt“

Ohne die Unterstützung durch die väterliche Firma und die Verwendung des patentierten Produktionsverfahrens wäre die Gründung von Linette wohl kaum denkbar. „Ich kann die Büroräume und Infrastruktur der Firma nutzen“, sagt Christine. Die beiden anderen Teammitglieder kennt Christine ebenfalls über die Firma in Mölln. „Eigentlich ist meine Aufgabe ein Vollzeitjob“, sagt die Studentin, „ich muss mich zügeln, mich nicht jeden Tag daran zu setzen sondern das Studium fertig zu machen“. Die Masterarbeit schreibt Christine über Linette. „Langfristig will ich mit Linette arbeiten“, sagt sie, „aber ich merke manchmal, dass ich noch sehr unerfahren und blauäugig bin“. Deshalb überlegt die Studentin, einige Jahre Arbeitserfahrungen zu sammeln, bevor sie sich gänzlich Linette widmet. „Ich habe 1.000 Ideen, was ich noch mit Linette machen könnte, mein Problem ist, da jetzt Struktur reinzubringen.“

Fotos von Akihiro Yasui

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.