Tiny House – Inspirationsraum auf 12m²

Boomende Großstädte, steigende Mieten und Wohnungsknappheit – während viele ländliche Gebiete in Deutschland veröden, steigt die Einwohnerzahl in Großstädten rasant an. Doch Not macht erfinderisch. Die Architekturstudentinnen Julia Wehdeking und Truija Hillner entwarfen ein Konzept, das multifunktionales Wohnen auf kleinstem Raum ermöglicht. Gemeinsam mit Enno Schröder von Goldeimer gGmbH und Willem Salge, einem befreundeten Zimmermann, bauten sie 2017 und 2018 ein winziges Haus. Fünfeinhalb Meter lang und zwei Meter breit – so groß darf ihr Tiny House sein, damit es, auf einem Anhänger montiert, noch auf der Straße transportiert werden darf. Knapp 12 m² Wohnfläche klingt beengend. Doch Enno Schröder betont: “Das Haus ist nicht dafür gemacht, viele Leute unterzubringen, es ist für ein bis zwei Personen gedacht.”

Der Trend zum minimalistischen Wohnen

Tiny Houses – winzige Häuser auf Rädern, bieten Platz für das Nötigste. Die Bewegung kommt aus den USA und ist dort bereits als mobile, kostengünstige und ressourcenschonende Wohnform etabliert. Mittlerweile sind Tiny Houses eine internationale Bewegung und ein neuer Wohntrend geworden. Ein Blick unter dem Hashtag tinyhouses auf Instagram verrät, dass Menschen nicht nur als Reaktion auf steigende Mieten in diese winzigen Häuser ziehen.

Was brauchen wir zum Leben?

Das Tiny House Team will nicht nur eine Lösung für knappen Wohnraum finden sondern hinterfragen, welche Objekte zum Leben eigentlich nötig sind. Dahinter steckt der Begriff Suffizienz aus der Nachhaltigkeitsdiskussion und meint Auskommen mit möglichst wenig Rohstoffen und Konsum. Das Tiny House zeigt, dass Beschränkung nicht Verzicht bedeuten muss, wenn Dinge funktional durchdacht sind. So ist im Tiny House der Kleiderschrank gleichzeitig Trennwand, das Sofa nachts Bett und der Schrank auch Treppe. Fragt man Enno nach seinem Lieblingsobjekt in ihrem Tiny House, erzählt er von der Goldeimer Trockentoilette, die im ersten Kooperationsprojekt mit Werkhaus entstanden ist, und betont lachend, dass er die Antwort auch geben würde, würde er nicht für Goldeimer arbeiten. “Das Goldeimer Klo to go muss man sich wie eine kleine Box vorstellen, die neben der Toilette Stauraum für Hobelstreu, Klopapier und ein Staufach für Putzmittel bietet”.

Das Haus ist nicht nur minimalistisch, sondern auch ökologisch gebaut. “Wir haben heimische Hölzer verwendet, mit getrocknetem Seegras isoliert und ein Solarpanel auf dem dach montiert”, erklärt Enno, “es ist autark und ganzjährig bewohnbar.”

Gespräche im Wohnzimmer

Es geht dem Tiny House Projekt nicht nur um die Wohnraumthematik. Durch die Zusammenarbeit mit Goldeimer wird das Tiny House zum Kommunikationsraum. “Wir laden Leute ins Goldeimer Tiny House Wohnzimmer ein”, sagt Enno, “und starten so einen partizipativen und öffentlichkeitswirksamen Prozess.” Den Sommer über stand das Tiny House auf verschiedenen Festivals, bei der Altonale und Millerntor Gallery. An den Wänden hängen dann Informationen zu Goldeimer, das mehr ist als nur Betreiber von Komposttoiletten auf Festivals ist. Goldeimer sensibilisiert rund um’s Thema Sanitärversorgung weltweit, mit seinen Gewinnen unterstützt das Social Business die Arbeit von Viva con Agua und der Welthungerhilfe.

“Wir suchen schöne und ungewöhnliche Orte – von guter Aussicht bis hin zum Mittelkreis im Holstein Stadion.” (Enno Schröder)

Das Tiny House ist ein Prototyp. Eine Serienproduktion ist nicht geplant. Vielmehr will das Team für alternative Wohnformen begeistern, eine Thematik, die ihre Hintergründe in Goldeimer, Architektur und Zimmerei vereint. Ein Herzensprojekt, für das die vier ehrenamtlich arbeiten. Werkzeug, Bau- und Montagematerial konnte das Teammitglied Willem über die Zimmerei beziehen. Anschubfinanzierung gewann das Projekt im yooweedoo Ideenwettbewerb 2017.
Die Entwicklung des Prototypen war mit viel Recherchearbeit verbunden – vom Wälzen der Straßenverkehrsordnung bis hin zur Materialforschung. Enno rät Projekten, bei der Arbeit auf eine ausgewogene Mischung zwischen Planungs- und Umsetzungsphase zu achten. Der Schlüssel für erfolgreiche Projektarbeit, sei es bei Goldeimer oder beim Tiny House, liegt für ihn in der Kontinuität: “Sich immer wieder mit der Sache beschäftigen, sie wieder zur Seite legen, aber dann wieder aufnehmen, das ist wichtig, denn frische Ideen kommen, wenn man nicht aktiv drüber nachdenkt”.

Fotos von Goldeimer

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.