Transition-Town-Initiative Kiel im Wandel: Globale Probleme lokal angepackt

Klimawandel und Ölfördermaximum – das sind unausweichliche globale Herausforderungen, für die wir Lösungen finden müssen. Auf bahnbrechende Impulse aus Politik und Wirtschaft ist dabei nicht zu hoffen, wie die Klimakonferenzen der letzten Jahre beweisen. Deshalb hat sich in über 40 Ländern der Erde eine Bewegung formiert, die die Veränderung selbst in die Hand nimmt. In Transition-Town-Initiativen werden für globale Herausforderungen lokale Lösungsansätze entwickelt.

Widerstandsfähig werden und gemeinschaftliches Engagement fördern

So auch in Kiel. 2010 wurde in der Stadt eine Transition-Town-Gruppe gegründet. „Wir müssen widerstandsfähig werden gegenüber den Problemen, die zukünftig auf uns zu kommen.“ Volker ist Mitglied der Kieler Initiative. Wir treffen ihn in seiner Praxis. Es ist angenehm warm und das Licht leicht gedämmt. Neben dem Garderobenständer stehen Schuhe, unter einem kleinen Holzregal sind graue Flilzpuschen sorgfältig aufgereiht. Wir fühlen uns ein bisschen wie zu jemanden nach Hause eingeladen, als wir in den bequemen Stühlen im Sprechzimmer Platz nehmen. „Die Süßigkeiten sind selbstverständlich fair und bio“, Volker reicht augenzwinkernd die Schälchen herum. Bei Glückstee und Keksen erzählt uns der Psychotherapeut von seinem Engagement.

15-10-15_Transition Town

„Wir müssen unseren Lebensstil radikal verändern!“

Wenn man mit Volker spricht, merkt man schnell, dass sein Engagement nicht bloß ein Hobby ist. Volker hat die Ansätze der Transition-Town-Initiative fest in seinem Lebensstil verankert, noch bevor er überhaupt wusste, was die Bewegung, die 2004 in England ins Leben gerufen wurde, überhaupt bedeutet. „An meinem 19. Geburtstag wollte ich keine Geschenke mehr, sondern habe stattdessen Spenden für ‚terres des hommes‘ gesammelt.“ Seitdem ist er Mitglied der Organisation. „Themen wie Armutsbekämpfung und fairer Handel waren mir immer schon wichtig, ökologische Themen haben sich verstärkt, als ich ein Haus in der zweiten Kieler Ökosiedlung gebaut habe.“

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Mittlerweile wohnt Volker auf dem Land im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Dort versuchte er 2014 eine Transition-Town-Gruppe ins Leben zu rufen. „Landwirtschaft ist ein wichtiger Teil der Transition-Bewegung“, begründet Volker seine Idee. Wie ernähren wir uns zukünftig? Wie können wir durch unsere Lebensweise möglichst viel CO2 einsparen? Landwirtschaftliche Anbaumethoden, die auf ökologisch nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen basieren, können konkrete Antworten auf diese Fragen geben. Das dachte Volker zumindest, doch: „Fakt ist: Auf dem Land tut sich fast gar nichts!“ Darum schloss er sich der Kieler Gruppe an.

„Eine Transition-Town-Initiative besteht anfangs aus einer zentralen Gruppe, aus der einzelne Projekte gestartet werden.”

In Kiel hingegen tut sich einiges. Aus der zentralen Kerngruppe, die sich regelmäßig im Glückslokal trifft, haben sich verschiedene Projekte abgeleitet: Urban Gardening, Schrebergarten-Projekte, eine Apfelbörse, die Initiative gegen die Möbelkraft-Ansiedlung und die Unterstützung der Solidarischen Landwirtschaft sind einige Beispiele. Aktuell haben sich unter der Koordination von Volker Inhaberinnen und Inhaber Kieler Geschäfte zusammengeschlossen, um – unter anderem – die Gründung eines nachhaltigen Kaufhauses zu unterstützen.

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Eine andere Gruppe entwickelt einen Wegweiser für nachhaltigeren Konsum. Im nächsten Jahr soll es dann einen gedruckten Einkaufsführer, eine App und Homepage geben, die zeigt, wie und wo es sich in Kiel ökologisch und fair einkaufen lässt. „Die Grundidee von Transition ist es, Synergien zu bündeln und Leute unterschiedlichsten Alters und aus allen sozialen Schichten zusammen zu bringen“, erklärt Volker das Prinzip. Bei der praktischen Umsetzung wirkt er maßgeblich mit. „Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, verschiedene Akteure zusammenzuführen, Öffentlichkeit herzustellen und Leute zu begeistern.“ Seine Ausbildung als Psychologe hilft ihm außerdem dabei, die Gruppentreffen zu moderieren und Gruppendynamiken zu managen.

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„Mein Hauptziel ist es, Menschen zu helfen, ihren Lebensstil zu ändern – und das kann eine Menge Spaß machen!“

Leute für ökologische Themen zu sensibilisieren mag gar nicht so schwer sein, aber sie zu überzeugen, selbst aktiv zu werden, dazu braucht es mehr Einsatz und Energie. Volker kennt das Problem gut: „Wir können Leute zwar motivieren, aber nur wenn sie sich mit ihren individuellen Interessen und Stärken in konkrete Projekte einbringen können, machen sie langfristig mit.“ Im Vordergrund des Engagements stehen Spaß, Begeisterung und der gemeinsame Austausch mit der Gruppe. „Wir müssen zeigen, dass wir etwas gewinnen, wenn wir unseren Lebensstil verändern.“ Wie das funktioniert, lebt Volker vor. „Meine radikalste Veränderung war die Umstellung meiner Mobilität“, berichtet er, „ich fliege nicht mehr und fahre seit zwei Jahren ein Elektroauto – Ruhe pur.“ Das erfordert allerdings auch eine neue Blickweise auf Distanzen: „Ich muss seitdem genau planen, wohin ich fahre und wie viel Ladung mein Auto dafür braucht; ich fahre andere Wege, lautloses Gleiten durch die Natur.“

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„Regionalität und eine neue Sesshaftigkeit“

Die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe, der sparsame Umgang mit Ressourcen, recyceln und upcyceln, Fertigkeiten erwerben, die uns widerstandsfähig werden lassen, Gemeinschaften bilden, uns vernetzen, uns stärken – all das sind Ziele der Transition-Town-Initiative, die sich Volker auch persönlich wünscht. „Wenn ich reise, dann CO2-neutral. Ich kann mich zwar überall auf der Welt zu Hause fühlen, aber bewusst lebe ich in einer Region, die ich aktiv mitgestalte. Wir müssen eine neue ‚Sesshaftigkeit’ lernen, denn mit Flugreisen setzen wir die größte Menge CO2 frei, mit der ein einzelner Mensch in kurzer Zeit das globale Klima belasten kann.“ Auch wenn mit Deutschland die Energiewende und Umweltpolitik assoziiert werden, so gehören wir immer noch zu den zehn Nationen, die weltweit am meisten CO2 ausstoßen. „Unser verschwenderischer Lebensstil geht auf Kosten unserer äußeren und inneren Natur“, sagt Volker und schaut besorgt aus, „das erlebe ich als Psychotherapeut alltäglich. Wir müssen aufhören zu verdrängen, zu verleugnen und zu verharmlosen, dass wir auf Kosten vieler anderer Menschen, zukünftiger Generationen und der Natur leben.“

Fotos von Anne Krischker

Teresa Inclan

Teresa Inclan

Im Oktober 2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.