Utopien Realität werden lassen

Was ist eine Utopie? Ich bin davon ausgegangen, dass es eine Idealvorstellung ist, die meist nicht im realen Leben existieren kann. Etwas, dass nicht wahr werden kann also.

Das Utopien-Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, namentlich „Angewandte Utopien Nachhaltiger Entwicklung“ hat den Kursteilnehmenden die Chance gegeben, ihre eigene Utopie einer besseren Gesellschaft und Zukunft (weiter) zu entwickeln und hat sie in Kontakt mit bereits heute existierenden alternativen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen gebracht. Die Organisation eines „Utopientags“ durch die Seminarteilnehmenden auf dem MUDDI Markt stellte den Abschluss des Seminars dar. Ziel war es, die BesucherInnen durch kleine spaßige Aktionen zu Reflexion und Perspektivwechsel anzuregen. Ob ihnen das gelungen ist?

Ich habe die Utopien auf dem MUDDI Markt während der Kieler Woche ausprobiert und dabei interessante Erfahrungen gemacht. Ohne mich im Vorhinein viel mit Utopien beschäftigt zu haben oder mir Gedanken gemacht zu haben, stürze ich mich ins Utopien-Abenteuer der Studierenden. Sie haben verschiedene Projekte vorbereitet.

Das erste Projekt, für das ich mich interessiere, ist ein Schrank mit diversen Gegenständen. m heißt das Projekt. „Ziel ist es, die Gedanken der Langlebigkeit und des Schenkens wieder zu beleben, und ein Zeichen gegen die aktuelle Konsum- und Wegwerfgesellschaft zu setzen“, erklärt der Projektverantwortliche.

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Ich könne einfach etwas hineinlegen, oder einfach nur etwas heraus nehmen. Damit wären alle Gegenstände in diesem Schrank gleichwertig, denke ich, egal ob es der Apfel ist oder ein T-Shirt. Andernfalls könne man auch etwas tauschen: „Jemand hat einen Apfel gegen ein Buch getauscht“, sagt er. Am interessantesten in diesem Schrank sind die Geldscheine. Ja, echte Geldscheine. Auch die kann man tauschen. Egal gegen was. Zum Beispiel auch gegen den Bleistift, den ich in meiner Tasche habe. Das Geld habe aber wohl niemand bisher angerührt, außer einem eifrigen Kind. Das finde ich sehr interessant. Warum rühren die Leute das Geld nicht an, wenn doch viele immer so versessen auf Geld sind? Und eine weitere Frage, die mich nun beschäftigt, ist: Warum ist Geben und Nehmen so utopisch?

Und so bekommen diese Gegenstände im Schrank nun doch einen Zusammenhang und eine Bedeutung für mich, die größer ist, als geahnt. Freiheit von Geld und eine Kultur des Schenkens, oder nicht-monetären Gebens und Nehmens ist die Utopie, die hier verdeutlicht werden soll.

Das nächste Projekt ist ein Blind-Meeting. Es zielt darauf ab, eine fremde Person kennen zu lernen, ohne gesellschaftlich etablierte Standardfragen zu benutzen (z.B. Wie alt bist du?, Wie heißt du?, Was machst du?). Es stimmt, dass diese Fragen nichts über einen Menschen aussagen, und wir sie trotzdem immer wieder stellen. Wer macht das nicht? Fängst DU etwa ein Gespräch mit einem/einer Fremden an, indem du fragst, was Familie für ihn/sie bedeutet? Zur Unterstützung hat der Projektleiter Karteikarten vorgefertigt, damit sich zwei Menschen kennen lernen können, indem sie beispielweise darüber reden, was Glück bedeutet. Es sind Stichworte wie „Sommer“, „Kiel“, „Urlaub“, „Do it yourself“, „Kindheit“, und viele mehr, die einem helfen sollen, eine fremde Person einmal auf andere Art zu begegnen. Ich probiere das mit einem schüchternen jungen Mann aus. Er wird von Gesprächsthema zu Gesprächsthema offener. Am Ende betont auch er, dass er sich so nie mit mir unterhalten hätte, weil „man das halt nicht so macht“. Er hat ja Recht. Aber ich finde, man sollte das viel öfter tun, weil so ein Mensch gleich viel mehr von seiner Geschichte erzählen kann. Danke für diesen Moment.

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Nun kommt das Zeitrad-Projekt. Man dreht ein Glücksrad und gewinnt Zeit. Schließlich wird man dazu angehalten, über viele verschiedene und abstrakte Fragen diese gewonnene Zeit zu verwenden. Meine Frage war: „Wenn dein Leben ein Film wäre, würdest du ihn dir anschauen?“ Das klingt erst einmal nach einer komischen Frage. Vielleicht würde ich ihn mir anschauen, wenn ich alt bin, um mich zu erinnern. Aber passt mein ganzes Leben in die Länge eines Spielfilmes? Kann dieser Film meine Gefühle reproduzieren? Der Sinn hierhinter ist, Zeit eine andere und wertschätzendere Bedeutung zu geben. Zum Beispiel, dass man sich Zeit nimmt, einen Moment zu genießen, statt daran vorbei zu rasen. Was habe ich am Ende von viel erarbeitetem Geld, wenn ich aber nicht mit meinen Kindern gespielt habe? Zeit bedeutet auch ein Anfang und ein Ende – zumindest in menschlichem Daseinsverständnis.

Plötzlich wird mir bewusst, dass die simpel scheinende Frage „Was ist Zeit?“, gar nicht so einfach und mal eben so zu beantworten ist.

Schließlich probiere ich das Querdenker-Fahrrad aus. Ein Fahrrad, das nach rechts fährt, wenn man nach links lenkt. Es ist kaum möglich, auch nur einen Meter damit zu fahren, und das obwohl man doch Fahrradfahren kann! Egal wie viel Ehrgeiz man in das richtige Lenken steckt, es ist wie verhext. Ein bisschen sei es wohl auch Übungssache, meint der Projektverantwortliche. Wie dem auch sei, hat die Intention des Querdenker-Fahrrades eine wundervolle symbolische Bedeutung. Menschen sollen zum Umdenken animiert werden. Im Grunde erfährt man direkt am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, wenn man nicht in der Lage ist, wenigstens ab und zu über seinen eigenen Horizont zu schauen.

Wenn du dir keine Sorgen um Geld machen müsstest und deinen Traum realisieren könntest, was würdest du tun? Diese Frage zu beantworten ist einfach. Sie umzusetzen erscheint tatsächlich utopisch, also nicht realisierbar. Oder doch? Das dachte ich im ersten Moment, und dann habe ich mir die Zeit genommen, mich in meine Utopie zu träumen. So irreal ist das eigentlich gar nicht, wovon ich träume. Allerdings ist mein Traum nicht bedingungslos. Wie ist das bei dir?

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Der Versuch, Utopien real werden zu lassen ist den Studierenden meiner Meinung nach gut gelungen. Manchmal hat mir ein bisschen das Verständnis gefehlt, warum genau diese Projekte so utopisch sind. Das kann aber auch lediglich daran liegen, dass es ein Begriff ist, den jeder für sich selbst definiert. Fakt ist: Es hat Spaß gemacht, die verschiedenen Projekte auszuprobieren. Es wäre interessant, diese Projekte einfach mal in der Kieler Innenstadt mit Passanten auszutesten. Ich würde auf jeden Fall wieder vorbei schauen, ob für ein Blind-Meeting oder eine verqueere Radtour. Wenn den Studierenden jedoch vor allem eines gelungen ist, dann das Anregen zum Nachdenken.

Fotos von Akihiro Yasui