Vegan, umweltfreundlich und mobil – Röstprinzessin grillt hausgemachte Köstlichkeiten auf dem Lastenrad

„Ich hatte immer schon den Traum von einer eigenen Würstchenbude“, sagt Tom Riedel. Kindheitsträume gehen manchmal in Erfüllung, wenn auch in einer abgewandelten Variante. So wie bei Tom. Statt in einer Würstchenbude steht der junge Mann nun hinter einem Lastenfahrrad und verkauft hausgemachte Sojabratwürste statt Currywurst. Röstprinzessin nennt sich die mobile Grillstation, die seit 2016 auf Veranstaltungen in Kiel zu sehen ist.

„Meine Patienten sagen: ‚vegetarisch, das schmeckt doch nicht‘, ich will zeigen dass es doch schmeckt.“  (Tom Riedel)

Die Geschichte der Röstprinzessin fängt in einer Therapiepraxis an. Denn im „wirklichen” Leben ist Tom Physiotherapeut. „70 bis 80 Prozent meiner Patienten haben Krankheiten des Bewegungsapparats, ausgelöst durch falsche Ernährung.“ Die Tatsache, dass ein zu hoher Fleischkonsum zu körperlichen Erkrankungen beiträgt, ließ Tom nicht los. „Ich bin selbst kein Vegetarier“, betont er, „aber wenn man sich die gesundheitlichen Auswirkungen, den Wasserverbrauch und die Klimabilanz des hohen Fleischkonsums anschaut, dann können wir nicht jeden Tag Fleisch essen“. Kurzum stellte sich Tom in die Küche, experimentierte mit verschiedenen Eiweißmischverhältnissen und Gewürzen, und produzierte seine ersten veganen Würstchen. Seine Freunde feierten die Produkte auf sommerlichen Grillpartys.

„Man muss einfach loslegen und sich in die Öffentlichkeit begeben.“ (Tom Riedel)

„Ich habe ein Lastenrad bei Ebay von einem Rentnerpaar ersteigert“, erzählt Tom, „das war der erste Ebay-Verkauf ihres Lebens“. Die Kosten finanzierte er durch das Preisgeld des yooweedoo Ideenwettbewerbs. In Kiel stellte er das Rad in einer Werkstatt unter und begann es auszubauen. „Ich habe immer schon gerne gewerkelt“, sagt der gebürtige Hamburger. So wurde das Rad mit einem Grill versehen. Bei der Arbeit in der Werkstatt lernte er Alexander Kurzhöfer kennen, der von der Idee eines Fahrradgrills begeistert war. „Alex ist Kommunikationsdesigner und wollte endlich Mal ein Projekt für sich machen“, erinnert sich Tom. Der neue Teamkollege entwickelte prompt ein Logo und die Corporate Identity.

„Das Fahrrad ist ein Sympathieträger.“ (Tom Riedel)

Das Lastenrad ist nicht nur CO2-neutrales Transportmittel und mobile Grillstation, sondern „zieht sofort eine Traube von Menschen an“, sagt Tom begeistert, „dass schaffst du mit einem Imbisswagen nicht“. Die Kunden, die am Fahrrad Schlange stehen, sind ganz unterschiedlich und keineswegs alle streng vegan. „Zu uns kommen Großeltern, die durch ihre Enkel über vegane Burger gehört haben und dass nun endlich mal probieren wollen“, erzählt Tom lächelnd. An einem guten Tag geht alle zwei Minuten ein Burger über den Lenker.

„Der Grill riecht zehnmal intensiver als eine Bratpfanne, da kommen die Leute, auch wenn sie eigentlich gerade gar keinen Hunger haben.“ (Tom Riedel)

Das Angebot der Röstprinzessin ist begrenzt. Tom hat keine Lust auf viele Auswahlmöglichkeiten und langen Entscheidungsprozesse.  Varietät bei den Burgern schafft er durch verschiedene selbstgemachte Soßen und besondere Gewürzmischungen. „Ich beziehe die Gewürze von einem Hamburger Unternehmen“, sagt er, „das verarbeitet die Gewürze sobald sie in der Speicherstadt ankommen“. Denn eine lange Lagerung wirkt sich negativ auf den Geschmack aus. Für die Frische zahlt Tom den fünffachen Preis. Das ist es ihm wert. Seine Burger sollen dennoch nicht mehr als fünf bis sechs Euro kosten. „Ich würde gerne Brötchen von Bäckern statt vom Großhandel beziehen“, sagt er bedauernd, „aber das kann ich mir nicht leisten, dann müsste ich acht Euro für den Burger nehmen“.

„Manchmal stehe ich bis zu 10 Stunden am Stück in der Küche und probiere neue Mischverhältnisse aus.“ (Tom Riedel)

Für die Produktion der veganen Grillspezialitäten ist eine gewerbliche Küche nötig. Nicht nur aus Platzgründen sondern auch, weil das Gesundheitsamt es so will. Das prüft auch das Lager und schreibt vor, dass keine frischen Zutaten am Grillstand geschnitten werden dürfen. Doch so eine Einmietung in Küchen ist teuer. Das Alte Mu Impuls-Werk bietet eine Alternative. Tom ist im Alte Mensa Team aktiv. Gemeinsam sanierten sie ein Jahr lang die Räumlichkeiten der ehemaligen Mensa der Kunsthochschule. „Ich habe viel Zeit in die Sanierung gesteckt“, sagt Tom und ergänzt grinsend: „Jetzt würde ich mir zutrauen, ein altes Haus zu renovieren“. Die Arbeit hat sich gelohnt, denn in der Küche kann er stundenlang neue Rezepturen ausprobieren und für Veranstaltungen vorproduzieren.

Röstprinzessin ist derzeit ein Plus-Minus-Null-Geschäft. „Ich würde gerne meine Stunden als Physiotherapeut reduzieren und mehr für Röstprinzessin mache“, sagt Tom. Aber das bei seinem derzeitigen Arbeitgeber nicht möglich. Um das Geschäftsmodell auszubauen, braucht es nicht nur mehr Zeit sondern auch einen elektrischen Anhänger und Zusatzmotor. „Wir haben uns beim Nachhaltigkeitspreis der Stadt Kiel beworben und hoffen, dass wir das Preisgeld gewinnen, um die Investitionen tätigen können“.

„Ich hatte erst die Wurst und dann den Stand. Das, finde ich, ist ein sinnvolles Vorgehen.“ (Tom Riedel)

Der Kindheitstraum vom eigenen Imbiss ist durch die Röstprinzessin noch nicht vollkommen in Erfüllung gegangen. „Ich träume immer noch davon, irgendwann einen richtigen veganen Laden zu haben“, sagt Tom. Die Kauflust auf vegane Speisen in Kiel ist groß, da ist sich Tom sicher. „In Kiel gibt es eine Szene, in der sich jeder hilft und genug Nachfrage für alle da ist.“

Fotos von Röstprinzessin und g.b_illustration

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.