Vom Studentenprojekt in die Selbstständigkeit

2013 baute Goldeimer als fünfköpfige Studentengruppe noch die ersten beiden Komposttoiletten, mit denen sie den Sommer über von Festival zu Festival tourten. Heute bespielen sie rund 25 Festivals in der Saison, haben 80 Toiletten und sogar ein eigenes Klopapier im Gepäck. Goldeimer ist für Enno und Malte längst nicht mehr nur ein Projekt sondern Vollzeitjob. Wenn das Studentenprojekt zum Beruf wird, dann verändern sich Verpflichtungen und Verantwortung.

Rund ums Klo

Malte und Enno arbeiten heute Vollzeit für Goldeimer. Meist sitzen sie auf selbstgebauten Hockern oder Palettenmöbeln in der Thinkfarm Kiel, einem Co-Working Space in der Alten Mu. Hier schmieden sie auf bunten Post-its Pläne, wie sie Goldeimer weiterentwickeln können. Das Spektrum an möglichen Produkten rund ums Thema Toiletten ist groß. „Es muss sich um ein nachhaltiges Produkt handeln und die Botschaft so kommunizieren, wie wir es tun“, erklärt Enno die Kriterien. Das heißt: kreativ und lässig soll es sein. Genauso wirkt auch das soziale Recycling-Klopapier, das Goldeimer kürzlich auf den Markt gebracht hat. Sozial deshalb, weil der Konsument durch den Kauf die Arbeit von Viva con Agua und Sanitärprojekte der Welthungerhilfe unterstützt. Ein tätowierter Matrose auf den Klopapierrollen und der auffällig gelben Verpackung weist zustimmend darauf hin. „Es ist schwierig, sich nur mit den Komposttoiletten über Wasser zu halten“, sagt Malte, „das Klopapier ist ein zweites Standbein und erreicht mehr Leute“.

Als nächsten Schritt wollen Enno und Malte den Fokus noch stärker auf die Bildungsarbeit setzen. „Wir wollen Workshops an Schulen machen.“ Malte berichtet über die Zukunftspläne. „Es gibt so viele beschissene Schulklos! Wir wollen ein Konzept entwickeln, um das Thema zu behandeln und gleichzeitig etwas Praktisches zu machen.“

„Ich kann mir keinen besseren Job vorstellen“

Malte und Enno sind sich sicher, dass die Freiheiten und Gestaltungsspielräume den Reiz der Selbstständigkeit ausmachen. „Du kannst dir echt überlegen, was du machen willst und die Inhalte in dem Kontext Goldeimer platzieren“, sagt Enno, „das ist eine unglaubliche Freiheit”. Den Unterschied zum Studentenleben merken sie trotz der Begeisterung. „Man kann nicht mehr so viel im Sommer reisen gehen, ist an einen Ort gebunden und hat Verpflichtungen und Verantwortung“, gibt Malte zu, „aber wenn wir darüber sprechen, ist immer klar, dass wir eigentlich Freiheit und Verantwortung miteinander kombinieren“.

Für zwei weitere Projektmitbegründer hat Goldeimer 450€-Jobs geschaffen. Außerdem haben sie sich ein saisonales Arbeitszeitmodell ausgedacht, um die Festivalbegleiter, die mit den Toiletten im Sommer unterwegs sind, zu entlohnen.

„Wenn es nach mir geht, würde ich Goldeimer auch die nächsten zehn Jahre machen“

Fragt man die beiden danach, wie sie es geschafft haben, aus einem Studentenprojekt den eigenen Arbeitsplatz zu schaffen, lautet die Antwort: Kontinuität. „Du musst dich immer wieder mit dem Thema beschäftigen und Schleifen drehen“, sagt Enno, „dann erntest du irgendwann die Früchte dafür“. Enno und Malte mussten lernen, Strategien zu entwickeln und Risiken abzuwägen. „Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, nicht immer alles zu Ende zu denken sondern einfach mal anzufangen“, ergänzt Malte. Ein Mittelweg also, der gründlicher Projektplanung genauso viel Platz einräumt wie Spontanität und Kreativität.

Das eigene Projekt zum Beruf zu machen und mit Freunden zusammen zu arbeiten, klingt nach dem perfekten Job. Aber die Selbstständigkeit bringt auch Risiken mit sich. Das monatliche Gehalt der beiden ist gering und steht kaum in Relation zum Arbeitsaufwand. „Ab einem gewissen Alter fängst du an, dir Gedanken darüber zu machen, wie du deinen Lebensunterhalt langfristig bestreiten willst und was du machst, wenn du mal ein bisschen mehr Geld brauchst“, sagt Malte. „Die Gedanken stressen mich nicht, aber ich muss mich jetzt anfangen drum zu kümmern.“ Deshalb stecken die beiden all ihre Energie in das junge Unternehmen, um auch auf lange Sicht von der Arbeit für Goldeimer leben zu können.

Mit Goldeimer aufs Festival

Für alle, die Lust haben, die Komposttoiletten im Sommer auf Festivals zu betreiben, bietet Goldeimer im Frühjahr einen Workshop an. Der Termin ist dann auf der Facebook-Seite zu finden. In dem Wochenendtraining wollen sie zeigen, wie der Auf- und Abbau der Toiletten läuft, aber auch wie Inhalte an Festivalbesucher vermittelt werden. Wie viele Menschen haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen? Goldeimer verbindet genau das: Theorie und Praxis, Themen mit Tiefgang und Leichtigkeit im Umgang damit.

Fotos von Akihiro Yasui; Goldeimer; Winker, ISOE;  Mathey 

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.