Von der Zarge bis ins Glas – Der Weg des Honig

Große Holzkisten und Plastikeimer stehen gestapelt am Bürgersteig, als wir in der Alten Mu eintreffen. Hier lagert das Kieler Honig Team seine Materialien. Im Lager reihen sich Gläser, Zargen und Boxen aneinander. Der Geruch von geschmolzenen Wachs hängt in der Luft. Heute steht die Honigernte auf dem Dach des Geomar an.

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Zweimal im Jahr, im Juni und August, muss an den sechs Standorten geerntet werden. „In der Stadt verzögert sich die Ernte um zwei Wochen, weil die Blumen noch länger in Blüte stehen“, erklärt Maren. Wir stülpen Schutzkleidung über, schließen Imkerschleier und klettern rauf aufs Dach. Von hier blickt man auf die Förde, die noch ruhig in der Sonne glitzert. Uns steigt ein süßlicher Blumenduft in die Nase. Unter dem Schleier staut sich die Wärme, obwohl eine frische Morgenbrise weht.

„Die Arbeit mit Bienen hat etwas Meditatives“

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„Wir öffnen zunächst die Kästen“. Benny beschreibt die ersten Schritte der Honigernte. Die Bienen schwirren heraus und selbst mit sichereren Abstand ist das laute Surren noch zu hören. Routiniert fegen Maren und Benny die Waben ab und stecken diese in die Holzkisten. Dann werden die Bienenkisten winterfest gemacht.

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Plötzlich verzieht sich Bennys Gesicht und seine Hand schnellt in den Nacken. Eine Biene hat trotz Schutzkleidung zugestochen. Die beiden Imker bleiben locker: „Der Stich ist gar nicht tief“, stellt Maren fest, „der Stachel ist noch dran.“ „Im Herbst ist das Gift besonders stark, weil die Bienen ihr Volk vor Einbruch des Winters verteidigen wollen“, erläutert Benny sachlich und geht unerschrocken seiner Arbeit nach. „Bienen können zwar auch aggressiv sein“, gibt er zu, „aber meistens ist die Arbeit sehr entspannend.“ Diese Gelassenheit verkörpert Benny voll und ganz.

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Honigernte – 24 Stunden auf den Beinen

Nach einer Stunde sind die Holzkästen mit goldgelben Waben gefüllt und lassen sich nur schwer bewegen: „Eine Zarge kann jetzt bis zu 35 kg wiegen“, informiert uns Maren. Das ist ein hartes Stück Arbeit, nicht nur für die Imker: „In weniger als zwei Monaten haben die Bienen die Waben wieder aufgefüllt. Aus einer Trachtenernte bekommen wir ca. 1000 Gläser Honig, zur Frühtracht sind es aber weniger.“

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Doch bis der Honig ins Glas kommt, muss noch einiges passieren. Deshalb geht es direkt weiter zum Schleudern, wo die andere Hälfte des Teams bereits in knallroten Schürzen wartet. Abtropfsiebe, Eimer und Schleuder sind einsatzbereit in der Küche aufgebaut.

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Während Arasch, Kiwi und Maren mit der Weiterverarbeitung beginnen, machen sich Sebastian und Benny schon wieder auf den Weg um Nachschub zu besorgen: Die Spättracht aus dem Schrevenpark. Sebastian wird an diesem Tag erst am nächsten Morgen nach Hause kommen. „Bei so großen Aktionen wie der Honigernte bin ich manchmal 24 Stunden am Stück beschäftigt“, gesteht er.

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Auch wir dürfen ran. Kiwi macht vor, wie es funktioniert: „Die Entdeckelungsgabel einfach durch die Waben schieben und die Abdeckung lösen.“ Ein leichter Widerstand ist zu spüren, wenn die Gabel durch die Wabe geschoben wird und der Honig schwer herunter tropft. Die Waben werden nun in die Schleuder gestellt. Durch die Umdrehungen wird die goldgelbe Flüssigkeit an die Außenwände gedrückt. Langsam sammelt sich der Honig auf den Edelstahlboden des Gefäßes. Maren öffnet neugierig die Schleuder und lässt die erste Portion in einen großen Eimer ablaufen. „Danach wird der Honig in einen Eimer mit Deckel umgefüllt“, Maren beschreibt das weitere Vorgehen. „Dort muss er fünf bis sechs Wochen lang alle zwei Tage von uns cremig gerührt werden.“

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In Deutschland sind 99% aller Imker Hobby- oder Nebenerwerbsimker. Bennys Botschaft lautet deshalb: „Esst mehr Honig und kauft ihn beim Imker!“

„Anfangs hatte ich die Hoffnung, dass ich mit dem Imkern einen Teil meines Lebensunterhalts finanzieren könnte, aber von diesem Gedanken musste ich mich schnell verabschieden.“ Die Honigproduktion ist aufwendig und die Materialien teuer. Während des Sommers ist das Team oft über 20 Stunden in der Woche beschäftigt. „Imkern ist ein zeitintensives Hobby“, gesteht Benny. „Aber einer der großartigsten Momente ist, wenn im Frühjahr das erste Mal 15 Grad sind. Dann fahre ich zu den Bienenvölkern und sehe sie schon von weitem fliegen.“ Benny erzählt ganz langsam und macht kurze Pausen zum Lächeln: „Dann frage ich mich schon, wie der Honig wohl schmecken wird?“

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Honig mit Brombeergeschmack

Die verschiedenen Standorte schmecken ganz unterschiedlich. „Wir schmecken die Unterschiede, aber die richtigen Wörter zu finden ist gar nicht so einfach“, meint Benny. Er überlegt einen Moment, bevor er uns seine Lieblingsstandorte verrät: „Die Frühtracht des alten Botanischen Gartens ist sehr geschmacksintensiv, aber auch die Spättracht der Festung in Friedrichort. Da stehe ich mitten in einem Brombeerurwald und diese fruchtige Note schmeckt man auch.“ Wer die feinen Unterschiede gern selbst entdecken möchte, kann die verschiedenen Sorten des Kieler Honigs bei „Extrawürste 56“ (Holtenauer Straße 56) kaufen.

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„Die Biene und der Raumbezug“

Abschließend erzählt Benny uns in einem Interview, wie das Projekt entstand. „Die Idee zum Imkern bekam ich während einer Exkursion im Geostudium“. Kurzerhand las sich der damalige Student ins Thema ein. „Ich habe gelesen, dass es Probleme um die Imkerei und die Honigbiene gibt. Dann habe ich als Geograf eins und eins zusammen gezählt“, lacht Benny. „Der Honig dient zum einen als Message, um auf die vielfältige Probleme Aufmerksam zu machen und zum anderen ist der Honig ein Produkt, um die Arbeit zu refinanzieren.“

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„Dem Honig ein Gesicht geben“

Die Honigproduktion ist aufwendig. Deshalb träumt das Team von einer Verkaufsgemeinschaft. „Das Prinzip ist ganz einfach“, erklärt Benny. „Jede Imkerin und jeder Imker gibt so viel Honig wie er oder sie möchte und wir zahlen einen fairen Preis dafür.“ Kieler Honig kümmert sich dann ums Etikettieren und den Vertrieb. Außerdem werden die Imkerinnen und Imker in das Honiginformationssystem der Homepage aufgenommen. „Über einen Code auf dem Honigglas gelangt der Käufer auf unsere Internetseite und kann abrufen, von welchem Standort und Imker der Honig stammt.“

Fotos von Anne Krischker und Max Bischof

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.