Wenn Chamäleons Bier trinken und Bären aus dem Hochbett fallen.

Irina und ich sitzen im Wartezimmer des Teddybärkrankenhauses auf dem Asmus-Bremer-Platz. Mit uns wartet Bruno, der Bär, der vom Hochbett gefallen ist und Cali, das Chamäleon, dass zu viel Bier getrunken hat und nun die Farbe nicht mehr wechseln kann. Diese und ähnlich kreative Geschichten bekommen die Teddydocs von ihren drei- bis sechsjährigen Besuchern täglich zu hören.

Wir werden von Sarah, der Obär-Ärztin, abgeholt. Sie studiert Medizin im neunten Semester und organisiert das 2011 gegründete Teddybärkrankenhaus gemeinsam mit ihren Kommilitonen. Passend zu ihrem Engagement möchte sie “entweder Kinderärztin oder Kinderchirurgin werden. Auf jeden Fall Pädiatrie!”

 

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Das Teddybärkrankenhaus ist aber für alle Medizinstudierende interessant. “Für viele Medizinstudierende ist es der erste Kontakt zum ‚Patienten‘. Wir können einfach mal üben. Das hilft uns, auch wenn es nur Kuscheltiere sind. In der Vorklinik-Phase schon mal im Kittel und mit Stethoskop herumzulaufen ist ein schönes Gefühl, gerade wenn man noch am Anfang ist.”

 

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90 Stunden Dauerdienst für die gute Sache.

 

Das Teddybärkrankenhaus öffnet jedes Jahr für fünf Tage im Mai. “Tatsächlich sind wir von Sonntagabend bis Donnerstagmittag die ganze Zeit hier.” Nachts wird Pizza bestellt und dieses Jahr gab es sogar einen Geburtstag zu feiern. In jedem Zelt übernachten zwei Teddydocs, damit von der liebevoll zusammengetragenen Einrichtung auch nichts wegkommt. Nach drei Stunden Schlaf fällt das Aufstehen manchmal schwer. “Die Arbeit an sich und die Begeisterung der Kinder motiviert uns dann wieder.” Auch Irina und ich sind sofort von der etwas ängstlichen, aber unbändigen Neugierde der Kinder fasziniert.

 

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Das gemeinsame Ziel, Kindern spielerisch die Angst vor dem Arztbesuch zu nehmen, schweißt hier alle zusammen. “Die Kinder stehen total auf diese Grenzerfahrung. Mit ihren Kuscheltieren das zu machen, was sie selber am schlimmsten finden. Ausprobieren und Selbermachen ist total gut, um Ängste abzubauen.” Die Kinder schlüpfen im Teddybärkrankenhaus in die Rolle ihrer Eltern und begleiten ihr Kuscheltier durch den gesamten Krankenhausprozess.

 

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Von der Anamnese bis in den Operationssaal.

 

In der Anmeldung bekommt jedes Kind einen Teddypass, der in der Anamnese gemeinsam mit dem Teddydoc ausgefüllt wird. “Als Erstes vermessen wir das Tier. Wie groß und wie schwer ist es? und wir lassen uns die aktuelle Krankengeschichte erzählen. Da werden die Kinder auch einfach super kreativ!”

 

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“Wenn der Teddypass ausgefüllt ist, geht es mit der Untersuchung weiter.” Der Bauch des Tiers wird abgetastet. Herz und Lunge werden abgehört. “Meistens horchen wir erst ein Mal selber und fragen dann: Möchtest du auch mal horchen?’” Durch das Klopfen mit dem Finger auf die Membran des Stethoskops simuliert der Teddydoc ein Herzklopfen. Die Kinder stellen dann begeistert fest: “Das Herz schlägt ja!”

 

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In den letzten vier Jahren haben die Teddydocs mit viel Engagement und Kreativität die Geräte für ihr Krankenhaus selbst gebaut. Mit Blutentnahmeröhrchen wird zum Beispiel das Blutabnehmen simuliert. Das passende Blutanalysegerät gibt im Anschluss auch prompt ein Ergebnis aus. “Wenn die Drehscheibe des Geräts auf den Apfel zeigt, muss das Kuscheltier natürlich mehr Obst und Gemüse essen.”

 

Paul Jobst der anatomische Teddy.

 

Die Reise der Kinder geht von der Untersuchung dann über den Operationssaal und die Zahnmedizin bis in die Apotheke, die natürlich von Pharmaziestudierenden betreut wird.
Überall ist die Atmosphäre fröhlich und offen. Die Begeisterung, die die Kinder für den spielerischen Arztbesuch entwickeln, hilft ihnen auch im echten Leben.

 

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Nicht nur der Spaß, den die Kinder haben, ist Ansporn für Sarah: ”Ich bin auch der Meinung, dass es den Kindern wirklich etwas nützt. Nicht immer ist in der Realität ein Kinderarzt verfügbar und so sind manche Erfahrungen mit Ärzten vielleicht etwas ruppig”. Das Feedback, welches die Teddydocs aus der Praxis bekommen, ist sehr positiv. Das Teddybärkrankenhaus bereitet die Kinder auf genau diese schwierigen Situationen vor.

 

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Noch mehr Kindern die Angst nehmen!

 

Die meisten Besucher des Krankenhauses sind Kindergärten, die das Thema vorher in der Gruppe besprechen. Jedes Kind bringt dann sein eigenes Kuscheltier mit. Aber auch für Familien, die das Krankenhaus spontan besuchen, warten genug gespendete Kuscheltiere vor Ort.
Für die Teddydocs gibt es ein Vorbereitungsseminar, dass aber nicht Pflicht ist. Viele Studenten kommen auch einfach so und “werden dann vor Ort eingewiesen.”

Sarah möchte in Zukunft auch Kinder erreichen, für die die Hürden größer sind, das Teddybärkrankenhaus in der Kieler Innenstadt zu besuchen. Neben der jährlichen Aktion möchte die Gruppe daher ab Herbst gerne Kinder in Flüchtlings- und Pflegeheimen besuchen.