Wenn Schicksale plötzlich nah kommen

„Ich habe das Jahr meines Lebens und neben mir laufen junge Menschen, die aus dem Krieg kommen und versuchen, ihre Existenz retten.” Als Dominik während seines Auslandsjahres in Athen den täglichen Weg zur U-Bahn Station einschlug, führte dieser am Stadtpark vorbei. Mitten im Zentrum der griechischen Hauptstadt saß eine Gruppe junger Flüchtlinge, die darauf wartete, das etwas passiert. „In diesem Moment wusste ich, dass das kein lokales Problem bleiben würde.” So beschreibt Dominik die Situation, die seine Wahrnehmung und seinen Alltag nach der Rückkehr nach Deutschland grundlegend veränderte.

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Ich fühle mich durch mein Erlebnis emotional mit der Flüchtlingssituation verbunden. Ich habe das Chaos in Athen gesehen und möchte nicht, dass es in Deutschland genauso wird.

Zurück in München stieß der Jurastudent auf Flyer der Refugee Law Clinic Munich. Der Verein bietet Geflüchteten eine kostenfreie Rechtsberatung. Heute ist Dominik einer der ehrenamtlichen Berater und Teil des Vorstandes. Doch um Berater zu werden, müssen die Jurastudierenden eine Ausbildung durchlaufen. Parallel zum Studium besuchen sie Vorlesungen zu Asyl- und Auslandsrecht. „Wir schulden unseren Mandaten eine gute Beratung und müssen auf Rechtsgrundlage agieren”, erklärt Dominik, „deshalb ist die Ausbildung nötig”. Ob die Asylsuchenden die Möglichkeit bekommen, in Deutschland zu bleiben, hängt auch von der Qualität der Beratung ab. Auf menschlicher Ebene tragen die Berater somit ein hohes Maß an Verantwortung. „Das beängstigt mich”, gibt Dominik zu, „aber ich vertraue darauf, dass ich mehr Gutes als Schlechtes ausrichten kann.” Außerdem werden die Berater von einem Beirat aus ehrenamtlich tätigen Juristen unterstützt.

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„Unser Ruf eilt uns voraus!”

Man muss kein Jurist sein oder in München wohnen, um sich bei der Refugee Law Clinic zu engagieren. In anderen Bereichen als der Beratung können Menschen ihre Fähigkeiten, beispielsweise in Marketing oder BWL, in den Verein einbringen. Das Netzwerk gibt es deutschlandweit, auch in Kiel. Die Clinic in München ist mit ihren drei Jahren eine der ältesten. 325 Mitglieder zählt der Verein im Moment. Davon sind ca. 60 aktiv, 40 frisch ausgebildete Berater kommen noch hinzu.

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Seit der Förderung durch das Start Social Stipendium hat der Verein neue Strukturen festgelegt. „Durch die Preise, die wir gewonnen haben, sind wir bekannter geworden und haben mehr Anfragen bekommen”, sagt Dominik, „alle zufrieden zu stellen und die Anfragen zu bedienen ist eine echte Herausforderung”. Auch der Kieler Ideenwettbewerb yooweedoo hat die Refugee Law Clinic mit einem Startkapital unterstützt. Nun ist der Verein dabei, einen noch größerer Pool an Beratern aufbauen, um die Nachfrage zuverlässig bedienen zu können.

„Ich mag es nicht nur zu reden, ich will was machen!”

Die Beratungen finden in Räumlichkeiten der Caritas statt. „Wir vergeben Beratungstermine, um dem Angebot gerecht zu werden”, erklärt der Student das System. Ein Mandat kann bis zu zwei Wochen Nachbearbeitungszeit bedeuten. Das ist viel Arbeit für eine Tätigkeit neben dem Studium. „Ich weiß, dass das, was ich hier mache, den Leuten hilft”, sagt Dominik überzeugt, „meinen studentischen Nebenjob mache ich, um mein Studium zu finanzieren, mein Engagement in der Refugee Law Clinic mache ich, weil es Sinn macht”.

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„Ich mag keinen Stillstand oder Leute, die tatenlos bleiben!”

Den Sinn hat er am Anfang seines Studiums vermisst. Die Beratung in der Refugee Law Clinic bildet für Dominik die Brücke zwischen Universitätswissen und Realität. „Ich musste erst lernen, die Rechtsfolge umzuformulieren”, sagt Dominik, „ich kann das Uniwissen nicht einfach runter rattern, sondern muss den Menschen die Tatsache erklären”. An seinen ersten Fall erinnert sich der Student noch ganz genau: „Ich musste dem Mann sagen, dass es keine Möglichkeit gibt, seine Familie nachzuziehen”. Auch wenn er lediglich die Gesetzeslage darlegt, das Mitgefühl bleibt.

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„Ein System kann sich nur wie ein Schiff hin und her bewegen, bis es einen Mittelpunkt gefunden hat.”

Ein einzelner Prozess kann neun Monate bis hin zu einem Jahr dauern. Danach geht es weiter mit Fragen, zum Beispiel nach dem Familiennachzug. Dominiks Sichtweise auf Politik und Medienberichte hat sich durch sein ehrenamtliches Engagement verändert: „Politik kann immer nur reaktionär handeln, deshalb kann ein System nie perfekt sein.” Der Jurastudent hat seinen Platz gefunden, aktiv zu einer Verbesserung der Situation beizutragen. Durch das Engagement in der Refugee Law Clinic profitieren beide Seiten: Die Geflüchteten bekommen eine kostenfreie Beratung, während die Studierenden lernen, die Gesetzeslage in die Realität zu übertragen. Dabei bekommen sie hautnah zu spüren, dass an jedem Fall ein menschliches Schicksal hängt.

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Fotos von Sandra Singh und Felix Wenning

 

 

Teresa Inclan

Teresa Inclan

2014 bin ich für den Master „Sustainability, Society and the Environment“ nach Kiel gezogen und geblieben. Ich bin begeistert davon, wie viel sich hier tut und bewegt. All die kleinen Projekte und Initiativen machen Kiel für mich zu einer total spannenden und besonderen Stadt.