Helge, Iris, Flo, Niels, Frederik und Franca im Gespräch in der Skischule Kiel

Winter-Startschuss: Pistenfreuden mit snow&eyes

Wenn ich dir die Augen zubinde, wenn du nichts sehen kannst – vielleicht noch Konturen und Helligkeitsunterschiede – würdest du dann einen Berg auf Skiern meistern? Ich wüsste keine flotte Antwort – du vielleicht? Für das Team von snow&eyes heißt es hingegen schnell: klar doch! Ich habe mit Iris, Flo, Frederik, Niels und Helge darüber gesprochen, wie Skisport für Blinde möglich ist und wie sich das eigentlich anfühlt, das Skifahren ohne Sicht.

„Wie bring’ ich Leuten so was Schönes wie Skifahren bei?“

Seit der Pilotphase 2013 gibt es das Projekt snow&eyes, das es Sehgeschädigten ermöglicht, mit Guides in Norwegen auf die Piste zu gehen. Die Kieler Skischule kooperiert hierfür mit ihren Partnern Color Line, dem Institut für Sportwissenschaft der CAU Kiel und Skistar, dem Anbieter vor Ort im Skigebiet.

‚Wie kommt man auf diese Idee?‘, frage ich in die Runde.“Das muss ich jetzt wissen“, lacht Flo, und erzählt: Sein Vater Gerd hat über das “Landesförderzentrum Sehen” vom Skifahren für Blinde gehört. Mit Andreas Märzhäuser und Burkhardt Weißer kam der Gedanke ins Rollen und sie machten sich daran, in Kiel ein solches Projekt anzusiedeln. „Ich hab immer gesagt: Macht mal!“, berichtet Flo grinsend. Flo ist im letzten Jahr erblindet, er kann noch gewisse Farben und Kontraste erkennen. Sein Vater kann auf einem Auge eingeschränkt sehen. snow&eyes ist ein persönlich motiviertes Herzensprojekt. 2014 ging snow&eyes in die Vollen: Fördervereinsgründung und die erste Reise mit überschlagen 50 Leuten.

„Skifahren ist ein Individualsport. Guiding nicht, da ist man ein Team.“

„Da tastet man sich ran“, ans Skifahren miteinander, wird mir berichtet. Guides und Teilnehmende fahren im Tandem, dicht beieinander, sodass niemand dazwischen passt. Bei Vollblinden gibt es Lautsprecher auf dem Rücken, sonst werden die Kommandos gerufen. Dank dieser eins zu eins Betreuung sind die Teams nach kurzer Zeit miteinander gut eingespielt. Die Kommandos, die Guides während der Fahrt rufen sind Halt!; Geht!; und Hopp!. „Man hört sich auch an wie eine Pistenraupe“, meint Iris, und erntet allseitiges Lachen.  Die Dringlichkeit der Kommandos variieren durch die Intonation, lerne ich von Frederik. Kaum gesagt, ruft er einmal langgezogen: „Haaaaaaaaaaaalt!“. Selbstbewusst, bestimmt – ein Zögern in der Stimme, das kann man sich nicht erlauben. „Unsicherheit darf nicht nach draußen strahlen, das überträgt sich auf Teilnehmer“, sagt Niels. Guides müssen klare Ansagen machen, genau wissen, wie das Team als nächstes fahren kann, und immer versuchen alles auf der Piste im Blick zu behalten.

Zu sehen sind zwei Skifahrer in Aktion. Einer trägt ein Leibchen mit der Aufschrift Guide, der zweite trägt ein Leibchen mit der Aufschrift Blind

Unterwegs mit „Pistenraupen“

Von Helge lerne ich, dass die dynamische Bewegung des Skifahrens ungewöhnlich ist für Blinde und einen hohen körperlichen Anreiz darstellt. Skifahren ist eine besondere Herausforderung für den Gleichgewichtssinn, und das insbesondere, wenn man die Piste nicht sieht. ‚Wie fühlt sich Skifahren an?‘, frage ich Flo und Niels. Flos Antwort kommt auf den Punkt: „Geil!“ Alle lachen. „Für mich ist das ein Freiheitsgefühl“, schiebt er nach. „Kann ich mich nur anschließen“, sagt Niels.

Niels hat 2014 zum ersten Mal auf Skiern gestanden. Wie jeder Anfänger lag er „womöglich mehr im Schnee als drauf zu stehen“. „Roll- und Gleitbewegungen sind erstmal etwas Ungewöhnliches“, das man im Alltag nicht hat. Für Flo war es einfach ein „geiles Gefühl“ hinter seinem Bruder herzufahren. Er konnte vorher Skifahren, vielleicht macht es das einfacher. „Es ist ’ne ganz krasse Vertrauenssache. Es ist eine Vertrauensfrage, ob ich jemandem mein Leben anvertrauen möchte – und das ist es ja, wir fahren ja nicht nur 10kmh“ – „Du nicht, ich schon“, schiebt Niels ein. Flo lacht und sagt: „Aber deshalb geht es eben weniger darum zu schauen, was kommt, sondern zu vertrauen“.

Vertrauen zum Guide: „eine Selbstverständlichkeit!“

Ich hänge Niels Gedanken dazu gerne nach: „Wenn ich auf dem Hügel stehe und unterwegs bin, versuche ich alles drum herum auszuschalten und versuche mich nur aufs Skifahren zu konzentrieren. Wenn ich da ständig mit einem Gefühl der Angst konfrontiert wäre, das wäre schlimm“. Es ist „ein gewisses Grundvertrauen da“. Niels erklärt mir langsam, dass vielleicht bei ihm mehr Vertrauen in andere Menschen da ist als bei Sehenden. Das begründet er so: „Man kommt als Sehender relativ gut alleine klar. Aber als Blinder – prinzipiell kann man da gut verarscht werden“, zum Beispiel wenn man nach dem Weg fragt. „Eine Selbstverständlichkeit“ wird dann Vertrauen. Man denkt schließlich nicht, dass die Frage nach der Ampelfarbe fälschlicherweise mit der anderen Farbe beantwortet wird. Ich schaue in die Runde und denke, wie anders mir wahrscheinlich Herr Müller von Nebenan auf die Frage nach Vertrauen in andere Menschen geantwortet hätte. Warum eigentlich? Ohne dass er’s weiß, hat Niels mir gerade Gedankenfutter für die Woche mitgegeben.

Zu sehen ist eine bunt gemischte Gruppe aus Guides und Blinden, die Pflug fahren lernen

Austausch zwischen Lebenswelten

Die Reise ist auch ein Annäherungsprozess. Ein reger Austausch zwischen Sehenden und Sehgeschädigten kommt auf der Reise automatisch zustande, weil alle zusammen wohnen und Sport machen. Das alles hilft, Beklemmungen abzubauen. Denn die, so erfahre ich, gibt es am Anfang bei vielen der sehenden Teilnehmenden. Und dann geht’s unerwartet einfach: „Man guckt in die Lebenswelt der Blinden rein und bekommt einen andern Blick auf die eigene“. Es ist eine gemeinsame Reise, ein gemeinsames Erleben. Ein Teilnehmer hat rückgemeldet: „Psychologische Hilfe für Blinde gibt es nicht?! Doch, bei euch, ganz praktisch“.

„Für mich geht’s nicht so sehr nur ums Skifahren – sondern auch um Schnee, Kälte, Wind.“

Ich werde an diesem Abend eingeweiht in Skifahrerinnerungen und nehme vor allem mit, dass es „sehr viel ums Gefühl geht“: unterschiedliche Schneearten und ihre Reaktion unterm Ski spüren, gefrorene Wasserfälle anfassen, das gehöre auch dazu. „Da achtest du nicht so krass drauf, wenn du gucken kannst“, meint Flo. Das hat er nach seiner Erblindung bemerkt.

Iris hat das Guiding verändert. Sie fährt jetzt viel bewusster. „Da hat sich bei mir nochmal eine andere Welt aufgetan“, sagt sie. Frederik schließt sich an: „Das Blindenskifahren hat mir geholfen, mich nur auf meinen Körper zu konzentrieren“. „Das ist auch ein super Gefühl, sich fallen zu lassen“, der andere nimmt einem die Verantwortung ab und man kann „einfach mal laufen lassen“.

Und ist es leicht, als Blinder Sport zu machen? Gibt es viele Angebote? „Ich fahre auch Tandem und Longboard“, sagt Flo. Aber ein Tandem muss man erstmal haben und das ist teuer. Niels und Iris gehen zusammen klettern. Und sonst? Nicht so einfach. Es gibt schon Angebote, aber oft sind das dann Kurse nur für Blinde. Gemischte Gruppen sind selten, denn meistens ist Sport mit Wettkampf verbunden und es geht weniger um die Lust an Bewegung. Das Kieler Projekt ist ein absoluter Einzelfall – schön! Und auch, ein bisschen: Schade!

Zu sehen ist ein schneebedeckter Hang mit einer Gruppe von Skiguides in gelben Jacken

Mit diesen Aufnahmen vom Skiort bekommt Einblick ins Geschehen!

 

Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.