Wo sind die Gründer*innen? – Wie Feminismus die Wirtschaft antreiben könnte

Weltweit verändern Start-Ups unsere Gesellschaft. Sie revolutionieren wie wir kommunizieren, uns fortbewegen und leben. Auch in Deutschland gibt es viele mutige Pioniere, die das Abenteuer eines eigenen Unternehmens angehen und selbst das Steuer übernehmen. Vor allem Pioniere und weniger Pionierinnen. „Frauen bilden 50% der Gesellschaft und haben meistens bessere Bildungsabschlüsse. Jedoch sind sie weit weniger in Führungspositionen vertreten. Das zeigt den enormen Schiefstand in unserer Gesellschaft“, stellt Kirsten Mikkelsen fest. Sie arbeitet am Institut für Wirtschaftswissenschaften der Europa Universität in Flensburg. Ihr Fachgebiet: Women’s Entrepreneurship. Warum gründen Frauen weniger als Männer? Wieso gibt es weniger Frauen in Führungspositionen. Brauchen wir eine Frauenquote? Mikkelsen verbindet die wissenschaftliche Forschung und ihre langjährige Erfahrung in der Start-Up Szene, um Frauen aller Altersstufen für das eigene Start-Up zu motivieren.

Vom Wahlrecht zum Recht auf die eigene Zukunft

Vor genau 100 Jahren wurde in Deutschland das Wahlrecht für Frauen gesetzlich verankert. Doch zur vollen Gleichberechtigung ist es noch ein langer Weg. Schon im jungen Alter werden mittels Erziehung und gesellschaftlichen Stereotypen die Grundsteine dafür gelegt, dass Mädchen sich nicht in der Rolle einer Geschäftsführerin oder der eigenen Chefin sehen. Dies stellt Mikkelsen in ihren Forschungsprojekten mit Schülerinnen fest. „Viele Mädchen sagten immer wieder, dass sie es sich weder zutrauen noch es sich nicht vorstellen können ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das sei so weit weg.“ (Mikkelsen) Die Häufigkeit dieser mutlosen Aussagen macht Mikkelsen stutzig. Woher kommt diese Mutlosigkeit? In ihren Projekten motiviert sie Schülerinnen eigene Projekte zu starten und beobachtet eine Menge Begeisterung für Informatik und sogar der Auseinandersetzung mit Programmiersprachen. Es zeigt sich ganz klar, dass Mädchen bereits in der Schule an MINT -Fächer (MINT ist die Kurzform für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) herangeführt werden müssen, um ihr Potenzial rechtzeitig zu fördern und Talente zu entdecken. Das bedeutet nicht, dass Mädchen und Frauen besondere Hilfestellungen brauchen, um dies zu erreichen. Frauen brauchen Gleichberechtigung sowohl in der Schule als auch in den Köpfen der Gesellschaft.

„Durchsetzungsfähige Männer gelten als super. Durchsetzungsfähige Frauen hingegen als Zicken“ (Kirsten Mikkelsen)

Noch immer kämpfen Frauen und auch Männer mit den stereotypischen Rollenbildern früherer Generationen. „Das weniger Frauen eigene Start-Ups gründen liegt nicht an den Frauen, dass die das nicht können, sondern zum Teil an den Eintrittsbarrieren“, stellt Mikkelsen fest. Um erfolgreich zu gründen bedarf es eines guten Netzwerks, welches einen motiviert und unterstützt sowie Investitionen in die eigene Idee. „Ich glaube nicht, dass Frauen größere Schwierigkeiten haben zu Netzwerken. Ich sage es mal so, dass die Netzwerke, die es bisher gab im Gründungskontext, sehr stark männlich dominiert waren. Dies hängt tendenziell damit zusammen, dass wir mehr Männer haben, die in diesen „Old-Boys-Clubs“ unterwegs sind.“ (Mikkelsen) Noch immer werden die meisten Netzwerke von Männern dominiert. Und von Selbstdarstellung. Frauen netzwerken meist anders. Hier steht Kooperation im Vordergrund. „Von Frauen dominierte Netzwerke sind eher auf Austausch aus“, erkannte auch Mikkelsen in ihrer Forschung. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, jedoch lässt sich eine deutliche Tendenz nachweisen.

Wir müssen Frauen nicht an die Hand nehmen, sondern aufhören, sie zurückzuhalten.

„Viele Frauen außerhalb der Universität wissen gar nicht, wo sie Ansprechpartner*innen finden.“ (Mikkelsen) Genau hier möchte StartUp Schleswig-Holstein e.V. ansetzen. Das Innovationsorientierte Netzwerk, in dem auch Kirsten Mikkelsen aktiv ist, beinhaltet verschiedene Projekte zur Förderung von Start-Ups und Innovationen im Norden. „Ziel ist es Frauen stärker miteinander zu vernetzen sowie bedarfs- und bedürfnisgerechte Unterstützung von neuen Gründungen zu bieten.“ (Mikkelsen) Die meisten Frauen gründen weniger in der High-Tech Branche, die mit hohen Summern gefördert wird. Frauen gründen oft in sozialen Branchen. Doch sind nur mit Millionen geförderte Start-Ups erfolgreiche Gründungen? Auch hier muss sich etwas ändern. Wir brauchen mehr Wertschätzung für Projekte, die unsere Gesellschaft weiterbringen und nicht nur die Taschen füllen. Unsere Wirtschaft und Gesellschaft braucht beides. Vor allem ein Ende von veralteten Rollenbildern. Auch Frauen sind gut in Informatik, wenn man sie nicht zurückhält, sondern ermutigt. Meetings müssen nicht abends stattfinden. Von familienfreundlichen Zeiten profitieren nicht nur Frauen, die immer noch Hauptverantwortlich in die Rolle der Kindererzieherin gesteckt werden. Auch moderne Männer, die endlich mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen, profitieren.

Wo sind die Vorbilder in Schleswig-Holstein?

Vor allem wird es Zeit, dass Frauen in Führungspositionen kein Sonderfall mehr sind, sondern Selbstverständlichkeit. Mädchen brauchen inspirierende Vorbilder, mit denen sie sich identifizieren können. Vorbilder wie Ida Tin (Gründerin der Clue-App) oder Lea-Sophie Cramer (Gründerin vom Onlineshop Amorelie), die erfolgreich ihr eigenes Unternehmen gegründet haben. Seit dem Frauenwahlrecht ist viel passiert und doch noch nicht genug. Vielleicht brauchen wir wirklich erst die Frauenquote, damit sich etwas ändern. All denen, die dies verneinen sage ich: Ihr hattet die letzten 100 Jahre Zeit.

Fotos Akihiro Yasui

 

Sarah Heider

Kieler Sprotte mit Fernweh. Kiel ist mein Heimathafen. Ich freue mich darauf, die vielen kreativen, nachhaltigen Ideen der Region bekannter zu machen.