Do-It-Yourshelf! Das Projekt Holzknoten verbindet.

Heute ist in Kiel ein so richtig fieser nicht-Sommer-Tag: Sturm, viel Regen, Gewitter. Wir finden: das ist das perfekte Wetter, um ein Regal zu bauen! Mit uns rettet sich eine bunte Gruppe Mitte bis Ende Zwanzigjähriger in die Werkstatt Konsum um zu sägen, zu schleifen zu lackieren und zu knoten, bis am Ende ein wunderschönes Hängeregal entsteht. Ein Möbelstück mit Geschichte selber bauen, das ist das Workshopkonzept des 5-köpfigen Holzknoten Teams.

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Anne, die heute Photos macht, und ich werden direkt zu Kaffee und Snacks eingeladen und stehen kurze Zeit später mit allen Teilnehmenden im Kennenlernspiel-Kreis. Wir werfen uns kreuz und quer Seile zu, nennen unseren Namen, unsere Herkunft und was wir gerne machen. Mit diesem ersten Geflecht lässt sich symbolisch ausdrücken, worum es dem Team geht: Verbindungen schaffen, eine schöne Zeit in einer Gruppe haben, die sich spielerisch-leicht kennenlernen kann. Und dann ist da noch das schöne Erinnerungsstück, das wir bauen können.

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“Mein Regal ist sozial!”

Dominique, Cyntia, Bettina, Rédouane und Anton arbeiten seit April an ihrem Projekt, das Upcycling mit Willkommenskultur verbindet. Holz bekommen sie von Tischlereien aus Kiel und Flensburg; Yachtclubs der beiden Städte sammeln für Holzknoten Seilreste, deren Entsorgung andernfalls Kosten verursachen würde. Mit diesen Materialien ausgestattet geht es unter dem Motto „Mein Regal ist Sozial“ ans Werk. Sozial deshalb, weil hier explizit eine Möglichkeit dazu geboten wird, Zeit fernab der großen Wörter wie Asylbewerberantrag zu verbringen – schöne Zeit, wo der Kopf so sehr die Bewegung der Hände mitmacht, dass die Gedanken in erster Linie mit dem Prozess des Bearbeitens der Materialien befasst sind.

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Sprachbarriere, Gedanken an Antragstellung, Uniabgaben und Co? Nicht hier!

Bei handwerklicher Arbeit geht es weniger ums Nachdenken, da ist Anpacken gefragt. Und das können alle fünf Holzknoten Teammitglieder: Sie leiten durch die einzelnen Arbeitsschritte, motivieren und beraten. Wir suchen uns unsere Bretter, unsere Seile und lernen, wie man mit Bohrern und Schleifmaschine umgeht. Auf die Frage, ob die fünf denn selber Handwerksmeister gewesen sind, bevor Holzknoten in die Pilotphase ging, werde ich beruhigt: “Ich hatte vorher auch ganz große Skepsis. Ich dachte: Wenn ich jetzt so einen großen Holzbohrer in die Hand nehme, dann wird das alles total schief!”. Auch Dominique hat also nicht immer so ganz selbstverständlich wie heute hinter der Kreissäge gearbeitet, sondern sich die Tricks und Kniffe an den ersten schiefen Stücken antrainiert – “und das ist so ein schönes Erfolgserlebnis, mit den eigenen Händen etwas herzustellen.” Dem können alle zustimmen.

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‘Traumversion’ von Holzknoten: Workshops für ein offenes Miteinander

Auf den Sesseln in der Sitzecke der Werkstatt, zwischen Werkbänken und Theke, bilden sich rasch Gesprächsmomente. Dominique erzählt, dass es gerade in dieser Atmosphäre des Bauens, des Erschaffens zum Austausch kommt: „Sonst ist es manchmal schwierig das Eis zu brechen”. Über ein gemeinsames Erlebnis, bei dem es zumeist keine primäre Expertenrolle gibt, kommt das dann ganz natürlich zustande. Dominique erzählt vom Feedback, das sie von den Treffen bekommen haben und dass die Regale für die Workshop-Teilnehmenden Erinnerungsstücke an eine richtig schöne Zeit miteinander sind. Zu sehen, dass die Idee fruchtet, Handwerk mit breitem Austausch zu verbinden, das motiviert sie sehr.

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Dominique hat vor dem Studium in Kiel in Frankfurt ehrenamtlich Asylberatung angeboten und wollte die Gelegenheit des Yooweedoo-Ideenwettbewerbs nutzen, um weiterhin etwas in diese Richtung gehend zu machen. Ein Wochenend-Freizeitangebot für Asylbewerber fehlte ihr in Kiel. Aber wie kommt man mit Gelflüchteten in Kontakt? Unpersönliche Werbung in sozialen Netzwerken war für den ersten Kontakt mit Geflüchteten eher weniger erfolgsversprechend. Dominique meint: der persönliche Kontakt geht hier über alles, da reicht es manchmal, “wenn man einfach schon ein Gesicht dazu hat und deutlich wird, dass es nicht nur darum geht, Regale zu bauen, sondern vor allem um einen spannenden Nachmittag, bei dem neue Kontakte entstehen”!

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Auch die Holzknoter sind glücklich darüber, dass schon viele Kontakte und Freundschaften aus ihrer Projektidee hervorgegangen sind. Sie treffen sich mit der Tauschbörse und Kulturgrenzenlos und erzählen dort von ihren Workshops und dem anschließenden Grillen. Über die ZBBS, der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten e.V., haben sie persönliche Kontakte geknüpft und ihr Projekt beworben.

Mit Holzknoten Stadtstrukturen kennenlernen

Mit einem Projekt wie Holzknoten kann man die Strukturen der Stadt Kiel besser kennenlernen: Mit wem kann man kooperieren, gibt es Möglichkeiten, unser Projekt weiter zu finanzieren, wie bekommen wir mehr Mitglieder und ist Marketing etwas, in das investiert werden muss? Das Holzknoten Team ist in der Pilotphase gewachsen: Regale sind – mit immer mehr Expertise – gebaut und verkauft worden, der Kontakt zu anderen Projekten wurde vertieft und die Workshops laufen. Dominique ist wichtig, dass die Projekte der Willkommenskultur nicht nur das Lebensgefühl in Kiel beleben, sondern gemeinsam auch auf politische Veränderungen hinarbeiten. Sie hört bei Holzknoten viele Geschichten und hat auch schon Fälle von Abschiebung miterlebt. “Wir haben natürlich keine Patentlösung. Aber was wir uns vorstellen ist, dass es mehr Angebote gibt für diejenigen, die sich einbringen wollen” – und das kann man bei Holzknoten.

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Holzknoten-Zukunft

Im September endet die Pilotphase von Holzknoten und drei der fünf Organisatoren gehen ins Ausland. Aber das Projekt soll nicht auslaufen, sondern sich weiter entwickeln und mit Kiel verwurzeln. Liebe Interessierte: Holzknoten freut sich über frische Ideen und zugreifende Hände, die das Team in die nächste Projektphase begleiten!

Alle Fotos von Anne Krischker

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Franca Buelow

Franca Buelow

Als ich im Herbst 2014 für die Promotion nach Kiel gekommen bin, wurde mir gesagt: "Kiel - das ist die Liebe auf den zweiten Blick!". Ich muss das korrigieren und sagen: ich bin ganz schön schnell verliebt gewesen und freu mich, mit Funkenzeit noch mehr Facetten der Stadt zu entdecken.